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Postexpositions-Prophylaxe

Baloxavir als Grippevorbeugung in der Familie

Ein Haushaltsmitglied ist an Influenza erkrankt – kann man die Mitbewohner vor einer Infektion schützen, indem man ihnen ein antivirales Grippemittel gibt? Das haben japanische Forscher untersucht.
Daniela Hüttemann
28.07.2020
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Während Kinder für die Verbreitung des Coronavirus nach bisherigen Erkenntnissen eine untergeordnete Rolle spielen, gelten sie in Bezug auf Influenzaviren als wichtige Verbreiter, die die Viren oft aus dem Kindergarten oder Schule mit in den Haushalt bringen. Auch hier schützen gute Händehygiene und das Tragen von Masken vor einer Weiterverbreitung in der Familie. Im Gegensatz zum Coronavirus gibt es bei der Grippe die Möglichkeit einer Postexpositions-Prophylaxe (PEP) mit antiviralen Substanzen.

Eine neue Studie aus Japan zeigt jetzt, dass sich die Ansteckung innerhalb eines Haushalts mit der Einnahme von Baloxavirmarboxil (kurz Baloxavir) verhindern lässt. Daran nahmen 752 Mitbewohner von 545 Indexpatienten mit laborbestätigter Grippe teil (95,6 Prozent hatten sich mit Influenza-A-Viren infiziert). Rund drei von vier der Grippepatienten war jünger als zwölf Jahre.

Baloxavirmarboxil ist ein Prodrug des CAP-abhängigen Endonuklease-Inhibitors Baloxavirsäure. Es hemmt den Vermehrungszyklus von Influenzaviren. Es ist in Japan und den USA zugelassen für die Therapie von unkomplizierten Influenza-A- und -B-Infektionen. Wird das Medikament innerhalb von 48 Stunden nach Beginn von Grippesymptomen als Einmaldosis eingenommen, kann es die Erkrankungsdauer um einen Tag verkürzen, hatten vorherige Studien gezeigt. Dabei war es nicht nur Placebo, sondern auch dem Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir, der über mehrere Tage eingenommen werden muss überlegen. Unklar war bislang, ob es auch zur Postexpositions-Prophylaxe taugt.

Im Rahmen der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden Studie erhielten die Kontaktpersonen, darunter sowohl Geschwister als auch Eltern, entweder eine gewichtsadaptierte Einzeldosis oder Placebo (1:1-Randomisierung). Und es wirkte: Während sich innerhalb der nächsten zehn Tage in der Placebogruppe 13,6 Prozent mit der Grippe ansteckten, waren es in der Baloxavir-Gruppe deutlich weniger, nämlich nur 1,9 Prozent, berichten die Forscher um Erstautor Dr. Hideyuki Ikematsu von der Ricerca Klinik in Fukuoka im Fachjournal »New England Journal of Medicine«. Dabei war die Rate der Nebenwirkungen vergleichbar (22,2 Prozent unter Verum, 20,5 Prozent unter Placebo). Am häufigsten wurden hier Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum, Kopfschmerzen, Hämaturie und erhöhte Leberwerte genannt. Die Autoren der von Baloxavir-Hersteller Shionogi gesponserten Studie folgern, dass sich Baloxavir wirksam zur PEP bei Haushaltskontakten von Grippepatienten einsetzen lässt.

Die Forscher untersuchten auch, ob die Baloxavir-Einnahme das Polymerase acidic Protein (PA), den enzymatischen Teil der viralen RNA-Polymerase und Target von Baloxavir, mutieren ließ. Dies war bei 15 Probanden der Fall. Es macht das Virus weniger empfänglich für den Arzneistoff. Bestimmte Varianten sind mit einer verlängerten Virusreplikation und damit Ansteckungsfähigkeit des Infizierten verbunden. Das Phänomen ist von therapeutisch behandelten Patienten bekannt und müsste vor einem breiten Einsatz als Prophylaktikum weiter untersucht werden, heißt es in einem begleitenden Kommentar.

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