Nicht immer sind Spezialisten vor Ort. Für den Notfall entwickelt das Pius-Hospital mit einem Software-Entwickler Telemedizin weiter: Ein Mediziner oder eine Medizinerin zieht dafür eine spezielle Brille auf, mit der eine Expertin als Avatar virtuell in der Notaufnahme erscheint. Die Expertin selbst kann Tausende Kilometer entfernt sein, sie benötigt nur eine App.
Gemeinsam können sie alle Patientenunterlagen durchsehen, über die weitere Behandlung sprechen und sich sogar zusammen über den Patienten am OP-Tisch beugen. Die Expertin kann in der App die Perspektive des operierenden Mediziners vor Ort einnehmen und quasi durch seine Brille blicken.
Die Entwicklung soll noch dieses Jahr einsatzbereit sein und perspektivisch auch in anderen Krankenhäusern zum Einsatz kommen. »Wir sehen uns wie ein Labor«, sagt Klinikdirektor Weyhe. Was sich bewährt, soll auch anderswo Anwendung finden – etwa die virtuelle Führung durch die Klinik oder die selbst ausrichtenden Lampen.
Voraussetzung ist stabiles Internet und ausreichend Rechenleistung. Im Pius-Hospital dient ein gesamtes Stockwerk über dem OP-Bereich nur Rechnern und Kühlsystemen. Alles ist doppelt und dreifach gesichert, damit bei einem Ausfall nicht der OP lahmgelegt ist. Die Daten der Patientinnen und Patienten müssen sicher sein, auch gegen Stromausfälle und Hackerangriffe muss sich das Klinikum wappnen. »Wir müssen dieser Gefahr leider ins Auge sehen«, sagt Weyhe. »Das ist ein echtes Thema.«
Doch nicht nur das macht dem Klinikum zu schaffen. Viele Innovationen sind noch kein zugelassenes Medizinprodukt und dürfen nur im Rahmen von Studien und mit Einverständnis der Patienten eingesetzt werden. Das Problem sieht auch der Bundesverband Medizintechnologie und fordert beschleunigte Zulassungsverfahren, klare Leitlinien für KI und Raum für Erprobungen im Klinikalltag.
»Die Technologie entwickelt sich so rasant, dass die Gesetzgebung überhaupt nicht hinterherkommt«, sagt Klinikdirektor Weyhe. Strenge Regulierungen bremse sein Klinikum aus, etwa beim Einsatz von Holomedizin.
Die Leberkrebs-Operation ist inzwischen in vollem Gange. Der OP-Saal ist in blaues Licht getaucht, es riecht metallisch nach Blut. Drei Ärzte beugen sich über den Patienten, dann setzt sich ein Chirurg die spezielle Brille auf. Er zoomt an die Tumore ran, gleicht das Hologramm noch einmal mit der Leber des Patienten ab – und setzt an zum nächsten Schnitt.