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Paul Ehrlich-Preis 2027
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Autoimmunität neu gedacht

Der australische Immunologe Professor Dr. Christopher Goodnow erhält den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2027 für seine grundlegenden Arbeiten zur B-Zell-Toleranz und zur Entstehung von Autoimmunkrankheiten. Seine Forschung hat eine lange Zeit vorherrschende Vorstellung der Immunologie korrigiert: Selbstreaktive B-Zellen werden keineswegs vollständig aus dem Immunsystem entfernt.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 16.09.2026  11:55 Uhr

Lange galt die Theorie der klonalen Deletion als zentrale Erklärung der immunologischen Selbsttoleranz. Danach sollten Lymphozyten, deren Rezeptoren körpereigene Strukturen erkennen, bereits während ihrer Entwicklung eliminiert werden. Goodnow konnte jedoch schon im Rahmen seiner Doktorarbeit zeigen, dass dies zumindest für B-Zellen nur einen Teil der Wirklichkeit beschreibt.

Mit damals neuartigen transgenen Mausmodellen machte er das Zusammentreffen eines definierten Autoantigens mit den dagegen gerichteten B-Zellen erstmals unmittelbar experimentell zugänglich. Das überraschende Ergebnis: Die autoreaktiven B-Zellen verschwanden nicht. Sie blieben im Kreislauf erhalten, ihre Aktivität war jedoch etwa 20-fach reduziert. Die Zellen hatten durch funktionelle Stummschaltung Selbsttoleranz erworben.

Diese Strategie löst ein fundamentales Problem des adaptiven, also des spezifischen, Immunsystems. B-Zell-Rezeptoren entstehen durch zufällige Neukombination von Genabschnitten und erzeugen dadurch eine enorme Vielfalt. Der Preis dieser Diversität ist ein beträchtliches Maß an Autoreaktivität. Das heißt, ein großer Anteil neu gebildeter B-Zellen kann zumindest teilweise körpereigene Strukturen erkennen und angreifen. Würde der Organismus sämtliche dieser Zellen eliminieren, würde er gleichzeitig einen erheblichen Teil seines immunologischen Repertoires verlieren. Stattdessen werden besonders gefährliche autoreaktive B-Zellen gelöscht, während andere in einen Ruhemodus versetzt werden. Das Immunsystem bewegt sich damit ständig zwischen Selbstschutz und möglichst großer Abwehrbereitschaft.

Goodnow zeigte zudem, dass dieser Zustand keineswegs endgültig ist. Anergie ist reversibel und muss durch die Anwesenheit des jeweiligen Autoantigens aufrechterhalten werden. Damit entstand bereits Anfang der 1990er-Jahre eine weitreichende Hypothese, die besagte, dass stillgelegte autoreaktive B-Zellen einerseits erneut aktiviert werden und zur Entstehung von Autoimmunkrankheiten beitragen könnten. Andererseits könnten sie ihre problematische Selbsterkennung verlieren und für die Abwehr fremder Antigene nutzbar werden.

Molekulare Kontrollstelle autoreaktiver B-Zellen

Von besonderer medizinischer Bedeutung sind Goodnows Arbeiten zu den molekularen Kontrollstellen, die autoreaktive B-Zellen normalerweise unter Kontrolle halten. Er gehörte zu den Wegbereitern eines Checkpoint-Konzeptes der Immuntoleranz, wonach Autoimmunkrankheiten nicht notwendigerweise durch einen einzelnen Defekt entstehen, sondern das Ergebnis eines schrittweisen Versagens mehrerer hintereinandergeschalteter Kontrollmechanismen sein können. Der Immunologe zog damit bereits 2007 eine Parallele zur Krebsentstehung, bei der ebenfalls mehrere genetische Veränderungen zusammenkommen müssen, bevor sich eine Erkrankung manifestiert.

Neue therapeutische Ansätze lassen die klinische Tragweite der Forschung Goodnows erkennen. Bei schweren Autoimmunkrankheiten wird inzwischen versucht, das fehlgeleitete B-Zell-System mit CD19-CAR-T-Zellen weitgehend zu eliminieren und anschließend neu entstehen zu lassen.

In einer Fallserie mit 15 schwer erkrankten Patienten verschwanden nach einmaliger CAR-T-Zell-Infusion zunächst die B-Zellen aus dem Blut. Innerhalb weniger Monate wurde das B-Zell-System aus dem Knochenmark wieder neu aufgebaut. Bei allen Patienten wurde eine nachhaltige klinische Verbesserung beobachtet, bei den acht Patienten mit systemischem Lupus erythematodes eine über zwei Jahre anhaltende Remission. Ob sich diese Ergebnisse in randomisierten kontrollierten Studien bestätigen, ist allerdings noch offen.

Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preistträger des Jahres 2027 leitet das Labor für Immungenomik am Garvan Institute of Medical Research und ist Professor an der University of New South Wales in Sydney. Der mit 120.000 Euro dotierte Preis wird am 14. März 2027 in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

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