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ADHS

Wenn Zappelphilipp erwachsen wird

15.12.2009
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Von Bettina Sauer, Berlin / Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wächst sich nicht aus, sondern begleitet viele Betroffene auch im späteren Leben. Gegebenfalls kommen Medikamente und Psychotherapien zum Einsatz. Doch längst nicht jeder braucht eine Behandlung.

Lange galt die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gewissermaßen als Kinderkrankheit, die mit der Pubertät allmählich ausheilt. Doch inzwischen belegen Verlaufsstudien, dass die Symptome viele Betroffene auch im weiteren Leben begleiten. »Bis zu 4 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter ADHS«, berichtete Professor Dr. Michael Rösler beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychologie und Nervenheilkunde (DGPPN) Ende November in Berlin. Er leitet das Institut für Gerichtliche Psychologie und Psychiatrie am Universitätsklinikum des Saarlandes und einen Forschungsverbund zum Thema, das »Kompetenznetz ADHS im Erwachsenalter«.

ADHS kommt selten allein

 

Bei ADHS handelt es sich Rösler zufolge um eine neurobiologische Erkrankung, die sich wohl vor allem auf genetische Ursachen zurückführen lässt und nachweisbare Spuren ins Gehirn zeichnet: »Bildgebende Untersuchungen belegen strukturelle, funktionelle und neurochemische Auffälligkeiten, insbesondere im dopaminergen und cholinergen System.« Diese äußern sich bei Kindern und Jugendlichen meist mit drei Kernsymptomen, nämlich Aufmerksamkeitsdefiziten, Impulsivität und Hyperaktivität. Letztere tritt Rösler zufolge bei Erwachsenen nur selten auf. Doch fühlten sie oft eine innere Unruhe und hätten Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, den Alltag zu organisieren und ihre Gefühle zu kontrollieren. »Die Störung verläuft individuell sehr unterschiedlich«, sagte Rösler. »Manchen macht sie kaum zu schaffen, bei anderen beeinträchtigt sie die Lebensgestaltung erheblich.« So fänden sich bei Erwachsenen mit ADHS deutlich erhöhte Raten bezüglich Arbeitsplatzwechseln und Jobverlusten, Scheidungen und Trennungen, ungewollten Schwangerschaften und Unfällen. »Zudem kommt ADHS selten allein«, ergänzte Privatdozentin Dr. Alexandra Philipsen, die an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg eine Forschergruppe zum Thema ADHS leitet. 40 bis 60 Prozent der Betroffen litten zusätzlich an Depressionen, 20 bis 60 Prozent an Angststörungen und 50 bis 60 Prozent an Suchterkrankungen.

 

Die eigentliche Diagnose richte sich nach bestimmten Symptomen, die der Arzt im Gespräch erfrage, so Philipsen. Listen mit entsprechenden Kriterien gemäß internationaler Diagnosesysteme finden sich in einer Leitlinie, die deutsche Wissenschaftler 2003 mit Unterstützung der DGPPN entwickelt haben (www.dgppn.de/de_kurzversion-leitlinien_30.html). In Einklang mit dieser Empfehlung betonte Philipsen: »Die Diagnose ADHS erfordert nicht automatisch eine Therapie.« Denn viele Betroffene kämen mit sich und ihrem Alltag zurecht. Erst wenn der Leidensdruck sehr groß oder mehrere Lebensbereiche beeinträchtigt seien, empfiehlt die deutsche Leitlinie eine Kombination aus Psycho- und Pharmakotherapie.

 

Für Erwachsene nicht zugelassen

 

Die Medikamente sind in der Regel dauerhaft einzunehmen, da ADHS bei Erwachsenen meist chronisch verläuft. Auf Basis der weltweiten klinischen Studienlage empfiehlt die deutsche Leitlinie Methylphenidat als Mittel der Wahl, ebenso wie eine neuere Leitlinie des britischen National Institute for Clinical Excellence (NICE) aus dem Jahr 2008. Doch ist das Psychostimulans in Deutschland und Europa bislang nur zu Therapie von ADHS bei Kindern und Jugendlichen zugelassen, da die erforderlichen erfolgreichen Zulassungsstudien mit älteren Patienten noch ausstehen. Entsprechend entschied das Bundessozialgericht im Juni 2009, dass erwachsene ADHS-Patienten Methylphenidat nicht als Kassenleistung beanspruchen können.

 

Die wirksame Dosis ist Philipsen zufolge meist individuell zu ermitteln und sollte zwischen 0,5 und 1 mg/kg Körpergewicht pro Tag betragen. Das Psychostimulans scheint indirekt die Dopamin-Konzentration in bestimmten Hirnregionen zu erhöhen. Daneben kann es Blutdruck und Pulsfrequenz steigern und psychische Nebenwirkungen verursachen. Entsprechend nannte Philipsen mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Störungen als Kontraindikationen, nämlich Koronare Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Bluthochdruck, schwere Depressionen, Manien, Schizophrenien und eine bestehende Arzneimittel- oder Drogenabhängigkeit.

 

Mehr als nur Medikamente

 

»Bei diesen Gegenanzeigen, zusätzlichen Depressionen und Angsterkrankungen oder Unwirksamkeit von Methylphenidat verordnen Ärzte meist Atomoxetin oder noradrenerge Antidepressiva wie Venlafaxin, Reboxetin und Desipramin«, sagte Philipsen. Doch seien Letztere in Deutschland abermals nicht für ADHS bei Erwachsenen zugelassen. Atomoxetin, ein selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, zeigte in zwei klinischen Studien eine gute Wirksamkeit bei Erwachsenen mit ADHS und verfügt deshalb in Deutschland über die Zulassung – aber nur als Weiterführung einer im Kindes- und Jugendalter begonnenen Therapie.

 

Unter den Psychotherapien kommt den Betroffenen nach dem jetzigen Forschungsstand vor allem die kognitive Verhaltenstherapie zugute. »Dabei erlernen und trainieren sie Strategien, um etwa ihre Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern, ihr impulsives Verhalten zu kontrollieren und sich besser zu organisieren.« Philipsens Arbeitsgruppe führt gerade, gefördert vom Bundesforschungsministerium, eine klinische Studie durch, um die Wirksamkeit einer selbst entwickelten Gruppentherapie, kombiniert mit Methylphenidat, zu bestimmen. »Grundsätzlich brauchen wir noch viele klinische Studien mit erwachsenen ADHS-Patienten«, sagte Philipsen. »Wir wissen noch viel zu wenig über den Langzeitverlauf der Erkrankung und langfristig geeignete Therapiestrategien.« /

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