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Cochrane-Review

Neuraminidase-Hemmer neu bewertet

15.12.2009  11:10 Uhr

Von Daniela Biermann / Sie sind die einzig verfügbaren Wirkstoffe gegen Grippeviren, doch ihr Nutzen ist umstritten. Ein neues Cochrane-Review untersucht die Wirksamkeit der Neuraminidase-Inhibitoren Oseltamivir und Zanamivir.

Dank der Schweinegrippe ist Tamiflu® (Oseltamivir) gefragt wie noch nie. Doch sollte es breit zum Einsatz kommen? Ein neues Cochrane-Review spricht sich dagegen aus. Eine solche Übersichtsarbeit ist der Goldstandard in der wissenschaftlichen Bewertung von Therapien, da die einbezogenen Studien gewissen Standards genügen müssen. Bereits 2006 gab es ein solches Review. In ihm kamen die Autoren zu dem Schluss, dass Neuraminidase-Inhibitoren Symptome verhindern und die Dauer der Erkrankung um etwa einen Tag verkürzen können, wenn sie innerhalb von 48 Stunden nach den ersten Symptomen genommen werden.

In der neuen Auswertung bezogen Chris Del Mar von der Bond University in Australien und drei weitere Wissenschaftler insgesamt 20 Studien mit in die Bewertung ein; vier zur Prophylaxe, zwölf zur Therapie und vier zur Postexpositionsprophylaxe. In der Prophylaxe war Oseltamivir wirkungslos gegenüber grippeähnlichen Erkrankungen und asymptomatischer Grippe. Bei laborbestätigter Influenza erwies es sich jedoch als wirksam, ebenso das inhalierbare Zanamivir. Die Medikamente konnten die Symptome in bescheidenem Umfang lindern und sind daher eine Therapieoption, heißt es in dem Review. Auch in der Postexpositonsprophylaxe konnten sie ihren Nutzen gegen Influenza beweisen. Gegen grippeähnliche Erkrankungen helfen sie jedoch nicht. Unklar bleibt dagegen, ob sie die Gefahr von Komplikationen in den unteren Atemwegen mindern können. Von zehn Studien bezogen die Autoren nur zwei mit ein, da die Daten der anderen acht nicht überprüfbar waren. Die vorliegenden Daten weisen auf keinen Nutzen in Bezug auf die Verhinderung schwerer Komplikationen hin. Die Autoren fordern hier weitere Daten. Außerdem bemängeln sie die unzureichende Informationslage zu Nebenwirkungen. Neuropsychiatrische Effekte kommen vor, sind aber vermutlich selten.

 

»Wegen der bescheidenen Effektivität der Neuraminidase-Inhibitoren glauben wir, dass sie nicht in der Routine-Kontrolle der saisonalen Influenza eingesetzt werden sollen«, schreiben die Autoren im »British Medical Journal« (Doi: 10.1136/bmj.b5106). Ob die Ergebnisse auf die Pandemie übertragen werden können, sei nicht sicher. Die biologische Ähnlichkeit des Pathomechanismus legt einen solchen Schluss nahe. Bei der Pandemiebekämpfung dürfe jedoch nicht allein auf die Neuraminidase-Hemmer gesetzt werden.

 

Das »British Medical Journal« veröffentlichte zeitgleich eine ausführliche Stellungnahme des Tamiflu-Herstellers Roche (Doi: 10.1136/bmj.b5374). Darin betont das Unternehmen, dass der Nutzen von Oseltamivir durch randomisierte kontrollierte Studien bewiesen sei. /

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