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Typ-2-Diabetes

Messer statt Medizin

15.12.2009  17:12 Uhr

Von Bettina Sauer, Berlin / Die Adipositas-Chirurgie scheint auch gegen Typ-2-Diabetes zu wirken, möglicherweise sogar bei schlanken Patienten. Um den Effekt systematisch zu überprüfen, starten nun in Deutschland klinische Studien.

Seit vielen Jahren kommt die Adipositas-Chirurgie zur Behandlung des krankhaften Übergewichts zum Einsatz. Gängige Verfahren sind das »Magenband«, also die Verkleinerung des Magens, oder die Abkopplung von Teilen des Verdauungstrakts per »Magen-Bypass«. In der Folge können sich die Behandelten nur noch relativ kleine Essensportionen einverleiben. Zudem verkürzt sich die Passage der Nahrung durch Magen und Darm, was die Aufnahme der enthaltenen Nährstoffe verringert. »Die meisten operierten Patienten verlieren Langzeitstudien zufolge dauerhaft mehr als 50 Prozent ihres Übergewichts«, sagte Professor Dr. Markus Büchler, Direktor der chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, vergangene Woche bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin.

Zudem hätte sich inzwischen als »Zufallsentdeckung« gezeigt, dass die Operationen bei vielen adipösen Typ-2-Diabetikern die Blutzuckerwerte normalisieren. Offenbar schüttet der Magen nicht so viele prodiabetische Substanzen aus, wenn er sich nicht mehr sonderlich stark an der Verdauung beteiligt, erklärte Büchler. Umgekehrt aktiviere der unmittelbare Kontakt der Nahrung mit dem Dünndarmgewebe wohl antidiabetische Stoffwechselwege. »Inzwischen bestätigen klinische Studien die blutzuckersenkende Wirkung der Operationen.«

 

Eine Metaanalyse dieser Untersuchungen veröffentlichten Forscher um Dr. Henry Buchwald von der US-amerikanischen Universität von Minnesota im März 2009 im »American Journal of Medicine«. Demnach bessert sich bei rund 80 Prozent der Operierten der Typ-2-Diabetes deutlich oder verschwindet sogar vollständig. Zudem ließ sich der blutzuckersenkende Effekt auch noch zwei Jahre später nachweisen. »Er scheint nicht unmittelbar von der Gewichtsabnahme abzuhängen«, betonte Büchler. »Denn er tritt schon viele Wochen früher ein, nämlich wenige Tage nach der Operation.« Eignet sich der Magen-Bypass also auch zur Therapie schlanker Typ-2-Diabetiker? Die Antwort sei »ein vorsichtiges Ja«, sagte Büchler. Inzwischen hätten Chirurgen schon die ersten normalgewichtigen Typ-2-Diabetiker operiert und damit vielversprechende Ergebnisse erzielt. Doch sei die »Diabetes-Chirurgie« noch weit von der Standardbehandlung entfernt. »Erst einmal müssen große klinische Studien stattfinden, um die Wirksamkeit und Sicherheit kurzfristig und langfristig zu untersuchen.« Erste Untersuchungen in Deutschland liefen 2010 an, unter anderem an seiner Einrichtung.

 

Grundsätzlich bergen die Magen-Operationen durchaus Risiken, sagte Büchler: »Die Sterblichkeitsrate liegt bei 0,2 bis 0,5 Prozent.« Die langfristige Lebenserwartung sinke Studien zufolge offenbar nicht, wohl aber die Lebensqualität. Unter anderem empfänden Behandelte deutlich weniger Genuss beim Essen. /

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