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Versorgung

Hindernisse für Telemedizin abbauen

15.12.2009  14:42 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Telemedizin kann die Lebensqualität vieler Kranker verbessern und Kosten im Gesundheitssystem senken. Dennoch ist sie umstritten. Ein neues Zertifikat soll dazu beitragen, die Kritiker vom Nutzen zu überzeugen.

Bei Preisverleihungen sind die Dankesreden der Geehrten üblicherweise wenig gehaltvoll. Professor Dr. Harald Korb hingegen, Ärztlicher Direktor der Mannheimer Vitaphone GmbH, ließ anlässlich einer Auszeichnung seines Unternehmens vergangene Woche in Berlin gehörig Dampf ab.

Das Unternehmen Vitaphone gehört republikweit zu den Vorreitern der Telemedizin. Die Firma entwickelt Lösungen, die über Handy und Computer das Übertragen von Daten zwischen Patienten und Medizinern ermöglichen. In der Praxis verwendet unter anderem das Projekt »CorBene« Systeme aus Korbs Hand. Rund 4000 bei den Betriebskrankenkassen (BKK) versicherte Patienten mit Herzinsuffizienz aus Nordrhein-Westfalen und dem Saarland profitieren von der ständigen Kontrolle ihres Herzzustandes; Hausärzte, Kardiologen, Kliniken und Reha-Einrichtungen arbeiten bei der Therapie zusammen.

 

Korb wies in Berlin auf den Erfolg des Programms hin: Laut einer Evaluation durch die Rheinische Fachhochschule Köln haben sich die Kosten pro Behandlungsfall im Vergleich zur Regelversorgung um 20 bis 50 Prozent reduziert.

 

Zufriedene Patienten

 

Alle Patienten sind höchst zufrieden und leben besser als zuvor. Dann platzte es aus Korb heraus: »Warum nimmt keiner diese Ergebnisse zur Kenntnis?«, fragte er. »Warum dürfen die Krankenkassen das Geld ihrer Versicherten verschleudern?«

 

Dem Vorreiter geht die Entwicklung der Telemedizin merklich zu langsam voran. Beim Termin vorige Woche hatte Vitaphone allerdings Grund, sich über einen kleinen Schritt voran zu freuen. Mit der recht jungen computergestützten Telemedizin werden ja einerseits große Hoffnungen verbunden, andererseits ist die Technologie umstritten.

 

Damit das Vertrauen wachsen kann, ist auf vielen Feldern eine wirksame und glaubwürdige Kontrolle der innovativen Entwicklungen unerlässlich. Zu diesem Zweck hat das vom Bundesforschungsministerium geförderte Konsortium S.I.T.E. (Schaffung eines Innovationsmilieus für Telemedizin), in dem unter anderem die Deutsche Stiftung für chronisch Kranke vertreten ist, in Zusammenarbeit mit dem IT-Netzwerk VDE MedTech eine Zertifizierung erarbeitet, die die Sicherheit der Patientendaten garantieren soll.

 

Das erste Zertifikat erhielt nun die Vitaphone GmbH. Hinter dem neuen Qualitätsstandard stecken auch wirtschaftliche Überlegungen, aus der bundesdeutschen Telemedizin einen weltweiten Exportschlager zu machen. Hierzulande ist die Branche jedenfalls noch überschaubar, für das neue Zertifikat kommt lediglich eine Handvoll Unternehmen und Netzwerke infrage. Rückenwind für Korbs flehentliches Werben um Fortschritte kommt aus der Politik. Dr. Helge Braun, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, bezeichnete die Telemedizin »als einen der größten Hoffnungsträger« für den Export. »Wir werden diesen Bereich weiter vorantreiben«, versprach Braun mit Blick auf Telemonitoring, Standardisierung und Kontrolle.

 

»Zu viele Insellösungen«

 

Der Staatssekretär beklagte, dass zurzeit im Gesundheitswesen zu viele Insellösungen bestünden. Damit gemeint ist, dass Ärzte, Krankenhäuser und Rettungsdienste verschiedene IT-Systeme verwenden, was die Datenübertragung, die für eine optimale Versorgung nötig ist, häufig erschwert oder unmöglich macht.

 

»Wir brauchen einen strukturierten Prozess«, sagte Braun. Gesetzliche Normierung sei dafür aber nicht der richtige Weg. Um die Telemedizin zu fördern, stünden insgesamt 27 Millionen Euro zur Verfügung, erklärte der Staatssekretär.

 

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Rolf Koschorrek wurde noch deutlicher. »Wir werden dafür sorgen, dass die Telemedizin einen Platz im Leistungskatalog der Krankenkassen bekommt«, versprach der Gesundheitspolitiker. Zu der Skepsis vieler Ärzte, die ein entscheidender Hemmschuh für die Verbreitung von Telemedizin ist, stellte Koschorrek klar: »Niemand soll zu etwas gezwungen werden.«

 

Gleichwohl sei die Telemedizin künftig im Medizinstudium und in der Ausbildung aller Heilberufe zu verankern, damit kommende Generationen aufgeschlossener und aufgeklärter mit der Medizin auf Computerbasis umzugehen lernten. Auch beim Ausbau der Versorgungsforschung sei die Telemedizin ein wichtiger Baustein. Das Abbauen der Hindernisse, die einen flächendeckenden Durchbruch dieser Art der Versorgung bislang verhindern, bezeichnete Koschorrek als »ressortübergreifende Aufgabe«. /

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