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Initiative

Der informierte Patient

15.12.2009  17:10 Uhr

Von Stephanie Schersch, Kiel / Einmal im Monat treffen sich Schleswig-Holsteiner, um gemeinsam und auch mit Leistungserbringern über die aktuelle Entwicklung im Gesundheitssystem zu diskutieren. »Schulterschluss« heißt die Patienten-Initiative, die informieren und Bewusstsein schaffen will für das, was im Gesundheitswesen vor sich geht.

Voll war es an diesem Donnerstagabend im Veranstaltungssaal der »Seeburg« in Kiel. Rund 100 Personen waren gekommen, um gemeinsam mit dem Referenten Professor Dr. Fritz Beske, Direktor des Instituts für Gesundheits-System-Forschung, über Möglichkeiten der künftigen Gesundheitsfinanzierung in Deutschland zu diskutieren. Sabine Petersen, Initiatorin der Kieler »Schulterschluss-Treffen«, war hocherfreut über das große Interesse. »Genau so sollte es laufen«, sagte sie. »Die Bürger müssen sich informieren, damit im Gesundheitswesen nicht alles über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.«

Auch Beske lobte die hohe Beteiligung. »Diejenigen, die von den Veränderungen im Gesundheitssystem direkt betroffen sind, müssen aufgeklärt werden, um mitreden zu können«, sagte er. Hierfür sollten öffentliche und sachliche Diskussionen stattfinden. Vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Bevölkerung sprach Beske an diesem Abend von den Herausforderungen, die auf das deutsche Gesundheitssystem schon in Kürze zukommen könnten. »Berechnungen haben ergeben, dass die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahr 2050 um rund 29 Prozent zurückgeht«, so Beske. Gleichzeitig wächst die Altergruppe der über 65-Jährigen um 38, die der über 80-Jährigen sogar um 156 Prozent an. Auf jeden Rentner käme dann nur noch ein Erwerbstätiger. »Diese Rechnung geht nicht auf.«

 

Hinzu kommt ein Anstieg chronischer Erkrankungen, auch die Pflegebedürftigkeit wächst. »Zusammen mit dem stetigen Fortschritt der Medizin führt das zu einem enormen Kostenanstieg für die Gesetzliche Krankenversicherung«, so Beske.

 

Quellen erschöpft

 

Die Quellen für die Finanzierung des Gesundheitswesens seien jedoch nicht weiter auszuweiten. »Beiträge und Steuern sollen nach Aussage der neuen Regierung nicht erhöht werden, für Zusatzbeiträge fehlt die gesellschaftliche Akzeptanz.« Auf lange Sicht müsse daher der Leistungskatalog der Krankenkassen im Umfang reduziert werden und die Eigenbeteiligung der Versicherten wachsen. »Die Politik muss Gesundheitsziele benennen, an denen der Katalog ausgerichtet werden soll«, sagte Beske. Eine Lösung dieser »Krise« könne aber nur unter Einbezug der Bevölkerung stattfinden. »Es geht nicht ohne Beteiligung der Bürger. Sie müssen die Veränderungen letztendlich tragen.«

 

Genau darum, um die Mitsprache der Versicherten an künftigen Reformvorhaben, geht es bei Schulterschluss. Schnell kam im Anschluss an den Vortrag eine angeregte Diskussion zustande. Wie kann Geld gespart und dennoch eine bedarfsgerechte Versorgung sichergestellt werden? Wie können Bürger ihre Interessen artikulieren und ihre Positionen in die öffentliche Diskussion einbringen? Auch Petersen wollte Einfluss nehmen, als sie vor rund sieben Monaten die Kieler »Schulterschluss-Treffen« ins Leben rief. »Mein Hausarzt hatte mir gesagt, aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Gesundheitssystem ginge es für ihn so nicht mehr weiter«, erzählte sie. »Da habe ich beschlossen, aktiv zu werden.« Von der Aktion »Bürger-Schulterschluss« hatte sie bereits aus anderen Städten gehört. Die Autorin Renate Hartwig, die in ihrem Buch »Der verkaufte Patient« auf Missstände im deutschen Gesundheitswesen hinweist, hat die Initiative »Patient informiert sich« gegründet, aus der schließlich Bürgertreffen an zahlreichen Orten in Deutschland hervorgegangen sind. An die 500 organisierte Treffen sollen es inzwischen sein.

 

Ideen entwickeln

 

In Kiel kommen jeden Monat gut sechzig Leute zusammen. »Bisher zählen zu den Besuchern hauptsächlich ältere Menschen, die mit Krankheiten tagtäglich zu tun haben«, so Petersen. »Ich würde mir wünschen, dass sich auch die junge Generation stärker einbringt, um deren Gesundheitsversorgung geht es schließlich ganz besonders.« Diskutiert wird über die Probleme im Gesundheitssystem wie etwa der wachsende Einfluss großer Konzerne auf die Versorgung. »Gleichzeitig entwickeln wir Ideen, wie ein transparentes und solidarisches Gesundheitswesen in Zukunft aussehen könnte.« Auch Protestmärsche wurden bereits organisiert. Im September fand eine gemeinsame Kundgebung der deutschen Schulterschluss-Initiativen im Münchener Olympiastadion statt, an der rund 20 000 Menschen teilgenommen haben.

 

Neben Patienten und Versicherten sind auch einige Ärzte und Apotheker regelmäßig in Kiel dabei. »Unsere Treffen sollen auch den Austausch zwischen Bürger und Leistungserbringer fördern.« Die Apotheker berichten etwa von ihren Erfahrungen mit den Rabattverträgen. »Bei den Patienten besteht hier oftmals Verunsicherung, die in offenen Diskussionen geklärt werden kann«, sagte Petersen. Das Verständnis für die gegenseitigen Belange sei sehr wichtig. »Wir brauchen ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Patient und Arzt beziehungsweise Apotheker.« Gemeinsam könne man Lösungen entwickeln. »Diejenigen, die die Problemen und Entwicklungen im Gesundheitswesen täglich hautnah erleben, können schließlich am besten praxistaugliche Ideen und Reformvorschläge entwerfen.« /

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