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Palliativmedizin

Obstipation gezielt lindern

21.12.2016
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Von Annette Mende / Bei der palliativmedizinischen Versorgung unheilbar erkrankter Menschen geht es darum, belastende Symptome zu verhindern oder abzumildern. Eines davon ist die Verstopfung. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Pharmakon« wird das leitliniengerechte Vorgehen erläutert.

Wie Palliativpatienten am besten zu versorgen sind, ist in der S3-Leitlinie »Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung« zusammengefasst. Die Empfehlungen der Leitlinie sind jedoch nicht exklusiv für Krebspatienten gedacht, sondern lassen sich in vielen Bereichen auf Patienten mit einer nicht malignen Erkrankung übertragen, so Dr. Jens Kern, Leiter des palliativmedizinischen Dienstes an der Missionsärztlichen Klinik Würzburg. Sie leiden vielfach genauso unter Luftnot, Schmerz und Obstipation.

Verstopfung ist dabei für die Patienten nicht unbedingt ein Nebensymptom, sondern wird unter Umständen als außerordentlich belastend empfunden. Mögliche Ursachen sind unzureichende Flüssigkeitszufuhr, eine veränderte Aufnahme oder Resorption von Nahrungsbestandteilen, Bewegungsmangel, Arzneimittelnebenwirkungen sowie häufig auch ein Voranschreiten der Grunderkrankung. Sie sollten vor jeder Intervention abgeklärt werden.

 

Bewährt hat sich Kern zufolge ein proaktives Vorgehen, also zum Beispiel der Start einer Laxanzien-Therapie gleichzeitig mit dem Beginn einer Schmerzbehandlung mit Opioiden. Eine ernährungsmedizinische Beratung könne unter Umständen Fehler beziehungsweise Verbesserungsmöglichkeiten bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme aufdecken.

 

Eine medikamentöse Therapie kann mit Lactulose 1 bis 3 Esslöffel täglich erfolgen. Das synthetische Disaccharid aus D-Galactose und Fructose wird nicht resorbiert, bindet Wasser im Darm und regt so die Peristaltik an. Das osmotische Laxans wirkt gut gegen Obstipation, viele Patienten entwickeln jedoch unter Lactulose Blähungen und können sie deshalb nicht einsetzen. Besonders bei Patienten mit einer Mucositis in der Vorgeschichte besteht häufig Lactulose-Unverträglichkeit, so Kern. Eine mögliche Alternative ist dann Macrogol 3350 mit Elektro­lyten in einer Dosierung von 1 bis 6 Beuteln am Tag. Zu Therapiebeginn können zur Überwindung der Obstipation auch mehrere Beutel gleichzeitig gegeben werden.

 

Natriumpicosulfat als peristaltikförderndes Abführmittel nennt die Leitlinie in einer Dosierung bis zu 30 Tropfen am Tag. Die Einnahme soll in der Regel am Abend erfolgen. Weitere die Peri­staltik fördernde Laxanzien sind Bisacodyl (5 bis 10 mg als Dragee oder Suppositorium), der selektive Serotonin (5-HT4)-Rezeptoragonist Prucaloprid (1 oder 2 mg täglich) sowie Methylnaltrexonbromid, das bei schwerer, Opiat-induzierter Obstipation gegeben werden kann.

 

Ebenfalls ein peripher wirkender µ-Opioid-Rezeptor-Antagonist ist Nalo­xegol, das im vergangenen Jahr auf den Markt gekommen ist und im Gegensatz zu Methylnaltrexon oral verfügbar ist. In der aktuell gültigen Leitlinienversion von 2015 ist das Präparat noch nicht aufgeführt. Einen Off-Label-Einsatz stellt die Gabe von 50 bis 100 ml Amidotrizoesäure dar. Dabei handelt es sich um ein hyperosmolares Kontrastmittel mit stark laxierendem Effekt. Begleitend zu einer Pharmakotherapie kann eine Kolonmassage durch palliativ geschultes Pflegepersonal dem Patienten Linderung verschaffen. /

Pharmakon – Zeitschrift der DPhG

Palliativmedizin ist der Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe von »Pharmakon«, der Zeitschrift für Mitglieder der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Sie enthält neben dem hier vorgestellten Beitrag von Dr. Jens Kern unter anderem Artikel über Opioide in der palliativen Schmerztherapie, patientenindividuelle Herstellung von Arzneimitteln für Palliativpatienten und Ernährung in der Palliativsitua­tion. »Pharmakon« erscheint sechsmal jährlich. Jede Ausgabe hat einen inhaltlichen Schwerpunkt, der in mehreren Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet wird. Ein kostenloses Abonnement ist in der DPhG-Mitgliedschaft inbegriffen. Die Zeitschrift ist auch als Einzelbezug erhältlich. Weitere Informationen finden Interessierte auf www.pharmakon.info.

 

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