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Medizinische Versorgungszentren

Marktlücke für Apotheker

16.12.2008
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Medizinische Versorgungszentren

Marktlücke für Apotheker

Von Liva Haensel, Berlin

 

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sind Standorte der Zukunft. Oft unter Krankenhausträgerschaft, bieten sie Leistungen an, auf die der Patient in Praxen wochenlang warten müsste. Auch für Apotheker können die MVZ eine interessante Marktlücke sein.

 

»Noch spielen Medizinische Versorgungszentren für uns keine so große Rolle«, stellt Johannes Padberg beim zweitägigen Euroforum »MVZ: Umbruch - Kooperation - Erfolg« fest. Dennoch hat sich der niedersächsische Apotheker auf nach Berlin gemacht, um mehr über die Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Behandlung zu erfahren.

 

Denn Padberg, der in der 1000-Seelen-Gemeinde Rehren im Weserbergland eine Apotheke betreibt und gleichzeitig das benachbarte Krankenhaus mitversorgt, könnte sich gut vorstellen, bei einem MVZ mit einzusteigen. »Auf mich sind zwei Ärzte aus meinem Ort zugekommen und haben gefragt, ob wir so ein Zentrum gemeinsam gründen wollen«, berichtet er. Von da an sei er ins Grübeln geraten. Denn der kleine Ort Rehren sei ärztlich unterversorgt, eine ehemalige Doppelpraxis habe jetzt nur noch einen einzigen Nachfolger. Für Padberg eine gefährliche Situation, denn: »Wenn die Ärzte wegbleiben, bleiben auch Patienten weg und damit meine Kunden.« Ein »Mini-MVZ zur Standortsicherung« aufzubauen, sei daher keine schlechte Idee.

 

Padberg ist der einzige Apotheker bei der Fachtagung am Kudamm. Er sitzt inmitten von Ärzten, MVZ-Leitern und Krankenkassen-Angestellten. Die interessiert das Thema schon seit einigen Jahren.

 

Nachfolger der Polikliniken

 

Am 1. Januar 2004 trat das sogenannte GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) in Kraft. Darin wurden erstmals neben Vertragsärzten und ermächtigten Krankenhausärzten ausdrücklich auch medizinische Versorgungszentren zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen. Seitdem wächst die Zahl der MVZ, zu DDR-Zeiten als Polikliniken fest etablierte Einrichtungen in der Gesundheitslandschaft, kontinuierlich. Aktuell schätzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Zahl auf 1200. Alle vier Monate kommen in Deutschland rund 70 neue hinzu.

 

Für Mediziner sind die Zentren oftmals ein reizvoller Arbeitsplatz: Als Angestellte müssen sie sich nicht wie in einer Einzelpraxis mit zunehmender Bürokratie herumschlagen. Sie haben mehr Zeit für ihre Patienten, klare Arbeitszeiten und ein fest berechenbares Gehalt. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist gerade für jüngere Ärzte eine attraktive Alternative zum Klinikjob.

 

Vor allem Allgemeinmediziner, Chirurgen und Internisten tun sich für MVZ gerne zusammen. Im Schnitt versorgen 4,4 Ärzte ihre Patienten in so einem Zentrum. Zurzeit arbeiten 4803 Mediziner in MVZ, davon 2573 im Angestelltenverhältnis. Tendenz: steigend.

 

Während der Tagung macht Dr. Hans-Peter Volkmann von der Deutschen Klinik für Naturheilkunde und Präventivmedizin in Püttlingen deutlich, welche Geschäftsfelder das MVZ eröffnen kann. Volkmann setzt vor allem auf Selbstzahler und Unternehmen, die sich die Gesundheit ihrer Mitarbeiter etwas kosten lassen. Ein präventiver Check-up kostet stationär rund 2800 Euro; ambulant etwa 800 bis 1200 Euro. Viele chronische Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten durch eine gesunde Lebensführung und mehr Eigenverantwortung verhindert werden, lautet Volkmanns These. In einem MVZ sei daher die Chance größer, den Patienten nicht nur über diese Krankheiten nach Schulmedizin-Richtlinien aufzuklären, sondern ihn auch mit einem Gesundheitscoaching und naturheilkundlichen Einzelverfahren zu begleiten. »Zu viel Hightech sollte dabei vermieden werden«, warnt Volkmann. Gerade der oft verlockende Ganzkörperscan würde falsche Erwartungen schüren und den Patienten manchmal kränker machen als er tatsächlich sei. Bezugnehmend auf die Kooperation von Ärzten untereinander und vor allem auf niedergelassene Kollegen sei »eine Kompetenzrangelei« zu vermeiden. Das MVZ forciere eine direkte Kommunikation und vermeide, dass »Ärzte nur miteinander über Papiere kommunizieren«, so Volkmann.

 

Patienten profitieren

 

Der Patient profitiere insofern von den Versorgungszentren, als sich für ihn Wartezeiten erheblich verkürzen. »Das eigene Erleben steht bei Menschen dabei stark im Vordergrund: Wer bei einem Orthopäden einen Termin in zehn Tagen bekommt und nicht erst in sechs Wochen, der merkt sich das«, fasste Dr. Torsten Hecke von der Techniker Krankenkasse zusammen.

 

Bisher unterhalten die gesetzlichen Kassen teilweise Versorgungsverträge mit MVZ in ganz Deutschland. Volkmann hofft für die Zukunft auf Synergieeffekte zwischen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der Privaten (PKV). Wichtig sei, dass ein MVZ mit unterschiedlichen Angebotspaketen, eigenen diagnostischen Geräten, externen Leistungserbringern und mehreren Fachleuten aufwarte.

 

Für Apotheker Padberg ist klar, dass für seine Zunft bisher nur der Teil der »Dienstleister« infrage kommt. Bisher sieht das Gesetz nicht vor, dass Apotheker ein MVZ selbstständig gründen dürfen. Dennoch siedeln sich Apotheken jetzt schon bevorzugt in der Nähe von MVZ an und kooperieren eng mit diesen. Padberg schnappt sich den dicken blauen Aktenordner der Konferenz und steht auf. Seine 20 Mitarbeiter warten auf ihren Chef. Er hat »ungefähr 20 Prozent neues Wissen« von der Veranstaltung in der Hauptstadt mitgenommen. Und die Erkenntnis, dass er sich »eine Geschäftsführung eines MVZ gut vorstellen« könne.

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