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Die Flatrate gegen Falten

19.12.2005  12:24 Uhr

Botox-Beautycard

Die Flatrate gegen Falten

von Sven Siebenand, Berlin

 

Ein Jahr lang ärztliche Beratung und Behandlung und Botox-Anwendungen im Gesicht -  so das Angebot eines Berliner Schönheitsinstituts. Die Botox-Beautycard, die »Flatrate gegen Falten«, kostet 650 Euro und habe sich schon nach der zweiten Behandlung rentiert, so die Werbung. Dabei ist Botox für ästhetische Anwendungen in Deutschland noch nicht zugelassen.

 

Samstag acht Uhr dreißig: Madame Denard, 60-jährige Witwe eines ehemaligen Mitarbeiters der französischen Botschaft, wacht lächelnd im Schlafzimmer ihrer Mansardenwohnung in Berlin-Charlottenburg auf. »Heute ist es wieder so weit. Endlich.« Weitere Spritzen gegen die Falten auf der Stirn und die Krähenfüße an den Augen. Wie der Stoff heißt, den sich die rüstige Dame heute am Ku´damm bei »Botox to go« zum dritten Mal spritzen lässt, hat sie vergessen. Nicht vergessen hat sie, dass er Wunder bewirkt.

 

Das Wunder ist pharmakologisch erklärbar. Botulinumtoxin A ist eines von acht Toxinen, die der anaerobe Sporenbildner Clostridium botulinum produziert. Im Jahr 1895 wurde der Erreger von einem französischen Arzt entdeckt und erhielt seinen Namen, weil Vergiftungssymptome und Todesfälle nach dem Genuss von Wurst (botulus = Wurst) aus Hausschlachtungen auftraten.

 

Botulinumtoxin A (Botox®) gilt als das stärkste bekannte biologische Gift. Bereits ein Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht kann tödlich sein. Das Toxin hemmt irreversibel die Ausschüttung des Neurotransmitters Acetylcholin aus seinen Vesikeln und blockiert damit die Reizweiterleitung vom Nerven auf den Muskel. Infolgedessen wird die quergestreifte Muskulatur gelähmt. Gemäß Paracelsus, »die Dosis macht das Gift«, wird das Toxin bei einer Vielzahl von Erkrankungen erfolgreich als Medikament eingesetzt. Dazu zählen Lidkrampf, Schiefhals (Torticollis spasmodicus), Schwitzen und zunehmend die Faltenkorrektur.

 

Männer holen auf

 

Madame Denard riskiert einen letzten Blick in den Spiegel: Die Frisur sitzt, der Lippenstift auch ­ und die Fältchen im Gesicht sind ja nur noch eine Frage der Zeit. Auf gehtís zu »Botox to go«. Seit Beginn des Angebots im Oktober haben sich schon mehr als zwei Dutzend die Karte mit der Flatrate gegen Falten auf der Berliner Einkaufsmeile besorgt. »Zu 90 Prozent sind es Frauen, die sich Botox spritzen lassen. Der Männeranteil nimmt aber deutlich zu«, so einer der Assistenzärzte der Praxis. Die jüngsten Patienten und Patientinnen sind unter 30 Jahre, die ältesten über 70. Wenn es die typische Botox-Kundin gäbe, läge ihr Alter irgendwo zwischen 40 und 60 Jahren. Der Trend kommt aus den USA. In den Vereinigten Staaten ist die Faltenbehandlung mit Botox mit mehr als 2,8 Millionen Anwendungen im Jahr 2004 die beliebteste ästhetische Behandlung.

In Deutschland noch nicht zugelassen

 

Die Entdeckung von Botulinumtoxin für die Schönheitsbehandlung war ein Zufall. Als Nebeneffekt der Behandlung verkrampfter Augenmuskulatur entdecken Ärzte die Glättung der Falten.

 

Inzwischen ist Botox in Ländern wie  Australien, Frankreich, Italien, Kanada, Schweden, Neuseeland, Schweiz und den USA offiziell für kosmetische Anwendungen zugelassen. In Deutschland ist es noch nicht so weit. Daher müssen Patienten ihrem Arzt vor der Behandlung eine Einverständniserklärung abgeben.

 

Für den Hersteller Allergan hat sich die Entwicklung von Botox bezahlt gemacht. Der Umsatz des Präparats stieg von etwa 25 Millionen US-Dollar im Jahr 1993 auf über 560 Millionen im Jahr 2003.

Kurz vor elf betritt Madame Denard den Beauty-Tempel. Heute wird sie warten müssen, denn auch andere Frauen nutzen die Chance, sich zwischen Shopping und einem zweiten Frühstück noch schnell Botox spritzen zu lassen. Bei anderen Ärzten brauchen sie dazu einen Termin oder müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

 

Hypoxi-Stramplerinnen

 

Auch Thermallift, eine nicht operative Methode zur Hautstraffung, die mit Radio-Frequenz(RF)-Technologie arbeitet, kommt gut an. Nebenan strampeln Frauen in einer Unterdruckkammer auf so genannten Hypoxi-Trainern. Der Unterdruck erzeugt eine Sogwirkung, die die Durchblutung der Hautoberfläche anregt und Cellulitis entgegenwirken soll. Lasertechnisch werden Besenreiser behandelt und »Problemzonen« dauerhaft enthaart. Der Renner bleibt aber nach wie vor Botox.

 

Während Madame Denard in einer Modezeitschrift blättert, hört sie gespannt den skeptischen Fragen einer Neukundin zu. Sie will wissen, wie die Behandlung abläuft, welche Erfolgsaussichten bestehen, wann die ersten Resultate zu sehen sind und ob es irgendwelche Risiken gibt. Die Frage nach den Risiken ist neben der Preisfrage immer eine der ersten. Bei sachgemäßer Anwendung und in der Hand eines erfahrenen Arztes sei die Botox-Therapie sicher und effektiv, lautet die Antwort.

 

In einer kontrollierten Studie in Kanada wurde  264 Patienten mit mimisch bedingten Falten entweder Botox oder Placebo injiziert. 120 Tage danach waren in der Verumgruppe die Falten signifikant besser geglättet als in der Placebo-Gruppe (J Am Acad Dermatol 46, 2002, 840). Besonders geeignet für die Behandlung sind Denkerfalten (horizontale Stirnfalten), Zornfalten (Falten an Stirn und Nasenwurzel) und Krähenfüße (Falten im äußeren Lidwinkel). Das Gift bewirkt innerhalb weniger Tage eine Degeneration der Nervenendplatte am Muskel. Fältchen werden geglättet, der Gesichtsausdruck ist aber natürlich, weil Reste des mimischen Muskelspiels erhalten bleiben. Nach drei bis fünf Behandlungen sind die Falten wesentlich weniger tief.

 

Nach drei bis sechs Monaten lässt die Wirkung deutlich nach und es muss nachgespritzt werden. Die zeitlich begrenzte Wirkung kann vorteilhaft sein: Entstellungen wie Maskengesichter, hängendes Lid, abgesenkte Augenbrauen oder asymmetrische Gesichtszüge, die durch falsche Applikation des Giftes entstehen können, bilden sich vollständig zurück. Nicht geeignet ist Botox für Falten im Mundbereich. Hier sind Nebenwirkungen besonders problematisch, da herabhängende Mundwinkel zum Beispiel beim Sprechen und Trinken behindern. »Derartige Nebenwirkungen treten nur selten auf«, wird die Neukundin jedoch beruhigt. Unmittelbar nach der Behandlung können an der Einstichstelle, wie bei jeder Injektion, kleine Blutergüsse entstehen, die nach kurzer Zeit abklingen und bis dahin überschminkt werden können.

 

Das kleine Geheimnis

 

Madame Denard bietet der jungen Frau an, bei ihrer Behandlung zuzuschauen, um sich selbst ein Bild machen zu können. Während der Behandlung wird die stark verdünnte Substanz gezielt mittels einer sehr feinen Nadel in die vorher definierten Muskel injiziert. Für Falten in der Stirn gelten 40 bis 50 internationale Einheiten Botox als Richtwert für die injizierte Wirkstoffmenge. Anschließend werden die behandelten Stellen zur Beruhigung und Vermeidung von Hämatomen einige Minuten gekühlt.

 

Nach der viertelstündigen und nahezu schmerzfreien Behandlung darf Madame Denard die Praxis gleich wieder verlassen. Sie freut sich schon auf das Treffen mit ihren Freundinnen aus dem Bridge-Club am nächsten Wochenende. Dann werden sie staunend fragen: »Du siehst so entspannt und frisch aus. Wie machst du das?« Madame Denard wird lächeln und ihr Geheimnis für sich behalten.

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