Pharmazeutische Zeitung online
Tabakkontrolle

Neue Wege der Schadensbegrenzung

13.12.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Christina Hohmann-Jeddi / Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA geht in der Tabakkontrolle neue Wege. Sie will den Nikotingehalt in Zigaretten so weit senken, dass Rauchen nicht mehr suchterzeugend wirkt. Die Idee dahinter: Konsumenten sollen dann weniger rauchen oder auf weniger schädliche nikotinhaltige Produkte umsteigen.

Die Zigarette ist weltweit auf dem Rückzug. Auch in den USA ist in den vergangenen 50 Jahren der Anteil der Raucher in der erwachsenen Bevölkerung stark gesunken – von 42 Prozent im Jahr 1965 auf heute nur noch 15 Prozent. Dennoch sterben dort jedes Jahr etwa 480 000 Menschen an den Folgen des Rauchens.

Das will FDA-Chef Dr. Scott Gottlieb ändern. Er kündigte im Juli einen neuen umfassenden Plan der Tabakkontrolle an. In dessen Mittelpunkt steht der suchterzeugende Inhaltsstoff des Tabaks, das Nikotin. »Der überwältigende Anteil an tabakassoziierten Todesfällen und Erkrankungen ist auf die Sucht nach Zigaretten zurückzuführen«, sagte der Mediziner. Seiner Vorstellung nach sollten Zigaretten deshalb so geringe Mengen an Nikotin enthalten, dass sie nicht mehr süchtig machen oder die Sucht nicht mehr aufrecht­erhalten. Dies ist bei einem Gehalt von 0,7 mg pro g Tabak oder weniger der Fall.

 

Weniger Nikotin, weniger Zigaretten

 

Das erscheint zunächst unsinnig, da Raucher bei geringerem Nikotingehalt einfach mehr Zigaretten rauchen könnten, um auf ihre Nikotindosis zu kommen. Damit würden sie aber auch mehr Verbrennungsprodukte einatmen, was insgesamt noch ungesünder wäre. Studien zufolge führt aber eine Reduktion des Nikotingehalts in Zigaretten tatsächlich dazu, dass weniger geraucht wird.

 

So zeigte eine klinische Studie mit 840 Rauchern, die nicht die Absicht hatten aufzuhören, dass die Probanden nach sechs Wochen signifikant weniger rauchten, wenn der Nikotingehalt niedriger war als sonst (2,4; 1,3 beziehungsweise 0,4 mg Nikotin pro

<note /> g Tabak statt den üblichen 15,8 mg pro g Tabak). Das berichteten Forscher um Dr. Dorothy Hatsukami 2016 im »New England Journal of Medicine« (DOI: 10.1056/NEJMsa1502403). Die Nikotinabhängigkeit nehme ab und bei so geringen Nikotinmengen sei eine Kompensation gar nicht möglich, so die Autoren.

Auch andere Studien zeigten positive Effekte wie eine verminderte Zahl gerauchter Zigaretten, weniger Abhängigkeit und bessere Erfolge beim Rauchstopp. Gottlieb ist davon überzeugt, dass eine Reduktion des Nikotingehalts nicht nur beim Aufhören helfen, sondern auch künftige Generationen vor einer Nikotinsucht schützen kann. Er hat einen Diskurs zu dieser Frage angeregt. Die FDA hat zwar das Recht, die Inhaltsstoffe in Tabakerzeugnissen zu regulieren, dennoch wird es wohl jahrelange Verhandlungen um die wissenschaftliche Evidenz geben, bevor das Ziel umgesetzt wird.

 

Ein weiteres Element des neuen Tabakkontroll-Plans der FDA sind alternative Nikotinlieferanten, die weniger schädlich sind als Zigaretten. Dazu gehören etwa E-Zigaretten oder Tabakheizsysteme. Gottlieb kündigte auch an, die vollständige Regulierung der E-Zigaretten und anderer Alternativprodukte um einige Jahre zu verschieben. Ein Aspekt ist, dass Raucher, die trotz der dann gesenkten Nikotinmenge nicht aufhören wollen, auf weniger schädliche Alternativen umsteigen sollen. Dies müsse der Eckpfeiler der Bemühungen der FDA sein, so Gottlieb.

 

Bei E-Zigaretten werden nikotinhaltige Liquids durch einen batteriebetriebenen Mechanismus erhitzt, sodass der Dampf eingeatmet werden kann. Es entstehen keine Verbrennungsprodukte wie beim Zigarettenrauch. Während in Deutschland überwiegend die gesundheitlichen Risiken des enthaltenen Nikotins und mögliche Effekte der weiteren Inhaltsstoffe der Flüssigkeiten betont werden, stehen andere Länder wie Großbritannien den Geräten positiver gegenüber. Die britische Ärzteorganisation BMA schreibt in einer aktuellen Stellungnahme, dass es »einen wachsenden Konsens gibt, dass der Gebrauch von E-Zigaretten wesentlich sicherer ist als das Rauchen von Tabak«. Es gebe noch nicht ausreichend Langzeitdaten, bemängelt die BMA, kommt aber zu folgendem Schluss: Die sicherste Option sei der Rauchverzicht, es gebe aber keine Situation, in der es sicherer sei, weiter Verbrennungs- Zigaretten zu rauchen, als E-Zigaretten zu verwenden.

 

Alternativen zur Zigarette

 

Ein weiteres Alternativprodukt zur Zigarette sind Tabakheizsysteme (THS). Hierbei handelt es sich um batteriebetriebene Geräte, in denen kurze Stränge aus komprimiertem Feinschnitttabak auf etwa 300 °C erhitzt werden, um inhalierbare Dämpfe zu erzeugen. Diese enthalten Nikotin und schmecken nach Tabak. Eine Verbrennung findet aber nicht statt und somit auch keine Rauchentwicklung. Philip Morris International hat Mitte 2017 als erste Firma ein solches System namens IQOS in Deutschland auf den Markt gebracht. Laut Studien des Herstellers sollen die von diesem Produkt erzeugten Dämpfe um 90 bis 95 Prozent weniger Schadstoffe enthalten als Zigaretten (lesen Sie dazu auch PZ 28/2017, Seite 34).

 

Das hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nun in eigenen Untersuchungen bestätigt, wie Studienleiter Dr. Frank Henkler-Stephani der PZ auch Nachfrage mitteilte. Da bislang nur Daten des Herstellers vorlagen, hatte das BfR sich entschlossen, wichtige Befunde selbst zu prüfen. Zu zwei Substanzklassen sowie Nikotin und Teer ermittelte das Institut die Konzentrationen im Dampf. Die bislang nicht publizierten Ergebnisse stellte das BfR auf der Deutschen Konferenz für Tabak­kontrolle in Heidelberg vor. »Unsere Untersuchungen haben die Angaben aus der Fachliteratur – mit kleinen Abweichungen – im Wesentlichen bestätigt«, so Henkler-Stephani.

 

Weiterführende Studien wie Zell­untersuchungen oder klinische Studien hat das Institut noch nicht vorgenommen. Daten des Herstellers zeigen aber, dass auch die Zelltoxizität und Mutagenität des Aerosols um 90 Prozent unter denen des Tabakrauchs liegen. Auch klinische Untersuchungen zeigen, dass das gesundheitliche Risiko durch den Umstieg auf ein THS deutlich reduziert wird.

 

Das kann das BfR derzeit nicht bestätigen, hält es aber für wahrscheinlich, dass eine erhebliche Reduzierung der gesundheitlich bedenklichen Emissionen mit verminderten gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Für deren Abschätzung sind jedoch weitere Unter­suchungen notwendig, die auch im Rahmen eines Einstufungsverfahrens der FDA in den USA durchgeführt werden. Die US-amerikanische Behörde behandelt derzeit den ­Antrag des Herstellers, IQOS als »Tabakprodukt mit modifiziertem Risiko« anzuerkennen. Es bleibt zu klären, ob andere THS eine ähnliche Verminderung von kanzerogenen und gesundheitsschäd­lichen Stoffen in den Emissionen erreichen.

 

Insgesamt könnten THS weniger bedenklich als herkömmliche Rauchtabak­erzeugnisse sein. »Für einen Raucher, der es nicht schafft aufzuhören, ist der Umstieg kein Nachteil«, sagt Henkler-Stephani. »Dennoch konsumiert er immer noch ein Tabakprodukt mit einem erheblichen Gesundheitsrisiko.« /

Mehr von Avoxa