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Chronobiologie

Sag mir, welcher Typ du bist

09.12.2015
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Von Ulrike Abel-Wanek / Die Liebe und der Schlaf haben mehr miteinander zu tun als man denkt. Über Partnerwahl und Persönlichkeitsmerkmale verschiedener Chronotypen sprach die PZ mit Professor Kneginja Richter, Leiterin der Schlafsprechstunde der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Schlafmedizin am Klinikum Nürnberg.

PZ: Unsere inneren Uhren orientieren sich am Tag-Nacht-Rhythmus. Warum ticken wir nicht alle gleich?

 

Richter: Wir unterscheiden grob zwei Chronotypen, die Lerchen und die Eulen. Die Lerchen sind die Morgentypen, die abends früh schlafen gehen und am nächsten Tag auch früh wieder aufstehen. Dabei fühlen sie sich frisch und erholt und haben vormittags viel Power. Sie sind aber abends auch zeitig wieder müde.

 

Die Eulen sind das Gegenteil, Abendmenschen, die spät schlafen gehen und morgens unter Schlaftrunkenheit leiden. Sie brauchen ihre Zeit, um in die Gänge zu kommen und sind vormittags weniger aktiv. Aber natürlich gibt es nicht nur diese Extreme. Die meisten Menschen sind sogenannte Normaltypen, die irgendwo dazwischen liegen und sich entweder etwas stärker in die eine oder andere Richtung bewegen. Der Chronotypus ist genetisch festgelegt, kann sich aber in den verschiedenen Lebensaltern verändern.

PZ: Mit den Chronotypen verbindet man Studien zufolge verschiedene Persönlichkeitsmerkmale. Welche Auswirkungen haben sie auf das Zusammenleben in Partnerschaft und Familie?

 

Richter: Seit die Chronobiologie im Fokus der Forschung steht, werden verstärkt auch Persönlichkeitsmerkmale wissenschaftlich untersucht. So hat man herausgefunden, dass Lerchen weniger zum Partnerwechsel neigen, während Eulen häufiger verschiedene Sexualpartner haben. Zudem leben Eulen seltener in festen Beziehungen. Den Befragungen zufolge – international und mit Hunderten von Probanden – sind die Nachtschwärmer häufig risikobereiter und impulsiver als die Frühaufsteher und scheinen auch emotional instabiler sein – vielleicht auch als Folge des häufigen Schlafdefizits. Unter den Eulen fanden sich auch mehr Probanden, die Genussmenschen waren, die sehr gerne essen und trinken. Außerdem nahmen sie mehr coffeeinhaltige Lebensmittel wie Kaffee und Cola zu sich. Und es gab mehr Raucher unter den Eulen als unter den Lerchen.

 

In Bezug auf ihren zeitlichen Rhythmus herrscht wenig Kompatibilität zwischen den verschiedenen Chronotypen. Die Mitglieder einer Familie können zu bestimmten Tageszeiten so verschieden sein, dass sie sich jeweils vorkommen wie von einem anderen Stern. Und chronobiologisch sehr unterschiedliche Paare sehen sich einfach selten. Kommt der eine nach Hause, geht der andere schon wieder ins Bett. Für Partnerschaften kann es besser sein, wenn die Chronotypen ähnlich sind. Aber natürlich kommen auch Eulen und Lerchen miteinander aus, wenn sie das wollen. Partnerwahl ist keine Kopfsache, sondern es entscheiden andere Dinge.

 

Mit dem Älterwerden verändern sich die meisten Menschen in Richtung Lerche, dann können sich auch Paare mit verschiedenen Aktivitätsphasen zeitlich wieder etwas annähern. Grundsätzlich beziehungsfähig sind beide.

 

PZ: Sie behandeln Menschen mit Schlafstörungen an Ihrem Institut. Welche Rolle spielt der Chronotypus bei der Therapie?

 

Richter: Wir behandeln Insomnien wie zum Beispiel Einschlaf- und Durchschlafstörungen und frühzeitiges Erwachen. Eine bewährte Form der Therapie ist die sogenannte Schlafrestriktion. Das heißt, Menschen mit Schlafproblemen verkürzen ihre Bettliegezeit von etwa acht auf nur sechs Stunden. Sie gehen also beispielsweise um Mitternacht statt um 22 Uhr ins Bett und stehen um sechs Uhr morgens wieder auf. Dieser teilweise Schlafentzug ruft einen schlafanstoßenden Effekt hervor. Wir haben aber beobachtet, dass sich diese Methode für Menschen mit strukturierten Tages- und Nacht­rhythmen deutlich besser eignet als für Menschen mit unregelmäßigen Zeiten. Für Frühaufsteher, die immer zur selben Stunde ins Bett gehen ist sie effektiver als für Nachtschwärmer. Lerchen sind morgens nach nur sechs Stunden Schlaf auch einfach fitter als Eulen.

 

Bei Schichtarbeit aber verhält es sich genau umgekehrt. Hier kommen die Eulen besser zurecht, wie unsere Studien zeigen. Sie sind nachts wacher und leiden weniger unter der Nachtarbeit als Lerchen. Dieses Wissen sollte man berücksichtigen, bevor man sich für einen Job entscheidet. /

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