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Krebsfrüherkennung

Vorsorge ist gut, aber nicht jede

08.12.2009
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Von Martina Janning, Berlin / Ist die Krebsvorsorge überschätzt? Diese Frage diskutierten Experten vorige Woche in Berlin. Sie plädierten für Untersuchungen zur Früherkennung – vorausgesetzt wissenschaftliche Studien belegen deren Nutzen. Staatsekretärin Widmann-Mauz bekräftigte den Wert von Prävention für Gesundheitsversorgung und Sozialkassen.

Jedes Jahr erkranken 436 000 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Annette Widmann-Mauz (CDU), Staatsekretärin im Gesundheitsministerium, betont deshalb den gesellschaftlichen Belang von Krebserkrankungen. »In einer älter werdenden Gesellschaft gewinnt Krebs weiter an Bedeutung«, sagte sie auf einer Veranstaltung der Innungskrankenkassen (IKK) zur Früherkennung vorige Woche in Berlin. Sie erklärte, dass Schätzungen zufolge zur Mitte dieses Jahrhunderts 52 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken. Das sei eine medizinische, aber auch eine gesellschaftliche Herausforderung, urteilte die CDU-Politikerin.

Widmann-Mauz unterstrich den Nutzen der Krebsvorsorge. Das frühe Erkennen eines Karzinoms ermögliche oftmals eine schonendere Behandlung, steigere die Chancen zu überleben und verbessere die Lebensqualität. Sie betonte jedoch auch, dass bisher nur für wenige Krebsarten wissenschaftlich belegt sei, dass Reihenuntersuchungen sinnvoll seien. Es müsse eine sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile stattfinden, damit es nicht zu falsch-positiven und falsch-negativen Befunden sowie zu Überdiagnostik und -therapie komme, sagte sie.

 

Um die Vorsorge weiter zu verbessern, habe die Regierung Mitte 2008 den Nationalen Krebsplan aufgelegt, erklärte Widmann-Mauz. Er soll die Früherkennung weiterentwickeln, die onkologischen Versorgungsstrukturen und die Qualitätssicherung ausbauen, eine effiziente Arzneimitteltherapie bei Krebs sicherstellen und die Patientenorientierung stärken. In der Prävention will die schwarz-gelbe Regierung laut Widmann-Mauz neue Strategien dazu entwickeln, indem sie auf bewährte Beispiele aufbaue. »Wir wollen mehr investieren, ohne mehr Bürokratie zu schaffen«, kündigte sie an und verwies auf den Koalitionsvertrag, der Prävention als einen wichtigen »Baustein für ein gesundes Leben und für unsere Gesellschaft« beschreibt und als eine Strategie, um »künftige Belastungen der Sozialsysteme zu verringern«.

»Wichtig ist, dass die Menschen früh und ausgewogen informiert werden«, erklärte die Staatssekretärin und kritisierte, dass widersprüchliche Informationen viele Versicherte davon abhielten, an der Früherkennung teilzunehmen. Andererseits erhalten Vorsorgeuntersuchungen jedoch Zulauf, weil Medien und Aktionen wie die Darmkrebskampagne der Felix-Burda-Stiftung, die Wahrscheinlichkeit für Krebserkrankungen als größer darstellen, als sie in Wirklichkeit ist. Professor Dr. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg mahnte deshalb in Berlin eine differenzierte Darstellung und Bewertung der Risiken an. Der Vorstand der Felix-Burda-Stiftung, Dr. Christa Maar, erklärte in diesem Zusammenhang, die Aufgabe ihrer Stiftung sei nicht, »informierte Entscheidungen zu befördern«. Die Kampagnen sollten die Bevölkerung auf das Thema Darmkrebs aufmerksam machen, sagte sie. Ob der feine Unterschied jedem Medienkonsumenten klar wird, ist allerdings zweifelhaft.

 

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Als eines der wichtigsten Ziele bezeichnete Widmann-Mauz, dass Menschen die Früherkennungsuntersuchungen mit belegtem Nutzen in Anspruch nehmen. Derzeit gingen nur 20 Prozent der Männer und knapp 50 Prozent der Frauen zur Vorsorge. Um die Quote zu verbessern, seien Informationen nötig, die sich an Zielgruppen orientierten, sagte Widmann-Mauz. Konkrete Empfehlungen seien in Arbeit.

 

Dr. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, erklärte, es gebe derzeit nur wenige Screening-Programme für Krebs, weil oft die wissenschaftlichen Grundlagen fehlten. »Ein PSA-Screening wurde nicht eingeführt, weil der Nutzenbeleg nicht eindeutig erbracht ist«, erläuterte er. Beim Brustkrebs-Screening, das auf politisches Geheiß ohne Vorstudien startete, habe die Evaluierung den Nutzen im Nachhinein belegt. Beim Hautkrebs-Screening, das trotz schwacher Evidenz eingeführt wurde, müsse die Evaluation noch zeigen, welchen Nutzen die Reihenuntersuchung hat und ob dieser die hohen Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen rechtfertigt. Hess gab aber zu bedenken, dass Prävention immer mehr koste als kurative Behandlungen. Es sei daher eine politische Entscheidung, was in den GKV-Katalog komme. Hess: »Falsch-positive und falsch-negative Befunde sind kein Grund, auf Früherkennung zu verzichten, sondern eine Frage der ärztlichen Aufklärung.« / 

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