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Alles so schön bunt hier

12.12.2005
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Ausstellung

Alles so schön bunt hier

von Werner W. Wille, Frankfurt am Main

 

Mit 350 Ausstellungsexponaten psychedelischer Kunst zeigt die Frankfurter Schirn ein sinnenfrohes und facettenreiches Kapitel der neueren Kulturgeschichte. »Bewusstseinserweiternde Drogen« gaben nicht selten die Impulse für die Kunstrichtung aus den »wilden« 60er-Jahren, die bis in den heutigen Alltag hineinwirkt.

 

In San Francisco, New York, London und auch in Deutschland brachen junge Künstler auf, die Welt mit den Mitteln der psychedelischen Kunst zu verändern. Sie vermischten Elemente aus Op-Art, Pop-Art, Surrealismus und Jugendstil zu einer vibrierenden, bunten, grellen Kunst, die den Lebensstil einer ganzen Generation prägte.

 

Die Ausstellung »Summer of Love« zeigt erstmals die Verbindung zwischen zeitgenössischer Kunst und populärer Kultur, Werbekultur und Bildsprache des politischen Protests der 1960er- und frühen 70er-Jahre. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der amerikanischen Rassenunruhen entstand eine neue Ästhetik, die die gesellschaftliche, politische, ethnische und sexuelle Befreiung sowie bewusstseinserweiternde Erfahrungen zum Ausdruck bringt. Unverzichtbar dabei waren psychedelische Drogen, in erster Linie Lysergsäurediethylamid (LSD), das der Baseler Pharmakologe Albert Hoffman bereits 1938 bei seiner Arbeit an Mutterkorn­Alkaloiden entdeckte.

 

LSD und die Folgen

 

Zeitzeugen kennen noch die Namen der großen britischen Rockbands und der aktiven Musikszene in San Francisco, die den »drogengesättigten« Stil dieser Epoche prägten. Großformatige Porträtfotos und bunt-psychedelische Plattencover illustrieren die Nähe der Musikszene zu LSD. Musik und Texte der Beatles verwiesen kaum verschlüsselt auf den Einfluss der Droge. »Feed your head« ­ forderten Jefferson Airplane aus San Francisco ihre Fans auf. Der Harvard-Professor Timothy Leary propagierte in Büchern und Vorträgen den Gebrauch von LSD.

 

Über die prominenten und unbekannten Opfer, die diesem Aufruf folgten, sprach man weniger. Mit Jimi Hendrix und Janis Joplin starben zwei der populärsten Musiker dieser Zeit den Drogentod, allerdings war es hier das Heroin, das sie das Leben kostete. Janis Joplins knallbunt bemalter Porsche im Eingang zur Ausstellung zeigt den augenfälligen Widerspruch zwischen dem Lebenshunger der Flower-Power-Generation und ihrer dunklen Kehrseite.

Arbeiten von Andy Warhol, Raumutopien von Verner Panton, aber auch Musikvideos von Velvet Underground, jener Band um Lou Reed, die bis in die heutige Zeit stilbildend ist, führen das schöpferische und utopische Potenzial der psychedelischen Kunst vor Augen.

 

Experimentalfilme mit extremen Lichtkontrasten, torkelnden Kamerafahrten und stroboskopartigen Schnitten und davon beeinflusste Hollywoodproduktionen beweisen, wie stark dieses bis heute vernachlässigte Phänomen »Psychedelia« auf die Alltagskultur eingewirkt hat. Lightshows als optische Begleitung von Rock-Konzerten projizierten mit einer Kombination aus Hitze, Farbpigmenten, Wasser und Öl organisch anmutende, sich ständig verändernde Bildlandschaften, die von heutigen Computerprogrammen nicht besser erreicht werden.

 

Auch die Plakatkunst stieß in neue Dimensionen vor. Hier verschmolzen Formen und Farben zu phantastischen Mustern ­ oftmals dem Jugendstil entliehen. Analoge Schritte machte auch die Typografie. Wes Wilson oder Victor Moscoso ließen die Buchstaben zu Blasen anschwellen, machten sie weich und verflüssigten sie bis an den Rand der Lesbarkeit.

 

Und weil alles so schön bunt ist, ist die Ausstellung auch ein Erlebnis für Kinder.

 

 

Kunsthalle Schirn, Frankfurt am Main

Summer of Love,

geöffnet bis zum 12. Februar 2006

Dienstag, Freitag, Sonntag: 10-19 Uhr,

Mittwoch und Donnerstag: 10-22 Uhr

www.schirn-kunsthalle.de

 

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