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Veränderungen im Gehirn von Pädophilen

03.12.2007  13:43 Uhr

Veränderungen im Gehirn von Pädophilen

Von Bettina Sauer

 

Bislang galt die Pädophilie in erster Linie als Folge sexuellen Missbrauchs oder anderer Traumatisierungen in der Kindheit. Nun deuten einige Studien darauf hin, dass ihr wohl auch Entwicklungsstörungen des Gehirns zugrunde liegen können.

 

Eine Studie erschien im Juli 2006 in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift »Journal of Psychiatric Research« (Doi: 10.1016/j.jpsychires.2006.06.003) und stammt von Wissenschaftlern um den Psychologen Dr. Boris Schiffer von der Universität Duisburg-Essen. Sie belegt mithilfe kernspintomografischer Aufnahmen, dass sich im Gehirn 18 pädophiler Testpersonen deutlich weniger graue Substanz befand als bei 24 nicht-pädophilen Vergleichspersonen. Betroffen sind das Kleinhirn, das zu den Basalganglien zählende Striatum und der orbitofrontale Cortex, ein Bereich der Großhirnrinde hinter den Augenhöhlen, der zu Entscheidungsprozessen beiträgt.

 

In der Online-Ausgabe desselben Journals erschien erst vergangene Woche eine weitere Studie mit einem ähnlichen Versuchsaufbau (Doi: 10.1016/j.jpsychires.2007.10.013). Darin untersuchten Forscher um den Psychologen Dr. James Cantor vom »Center for Addiction and Mental Health« der Universität Toronto das Gehirn von 65 Pädophilen und 62 Kontrollpersonen. Der Vergleich der Kernspin-Aufnahmen zeigt, dass die weiße Substanz im Schläfen- wie auch im Scheitel-Lappen der Pädophilen deutlich unterentwickelt ist. Zwei Nervenstränge sind besonders betroffen: Der Fasciculus superior fronto-occipitalis und der rechte Fasciculus arcuatus. Beide verbinden Bereiche des Frontalhirns mit anderen Hirnregionen und tragen nach Angaben der Autoren zur Verarbeitung sexueller Reize bei. Schon im September 2007 war Cantor an einer Veröffentlichung im Fachjournal »Sexual Abuse« beteiligt, wonach Pädophile einen niedrigeren Intelligenzquotienten aufweisen und häufiger Linkshänder sind als Nichtpädophile (Doi: 10.1007/s11194-007-9049-0). An dem Vergleich hatten 832 Männer teilgenommen. Als Ursache der drei Phänomene vermuten die Autoren Entwicklungsstörungen des Gehirns.

 

Keinesfalls sollten die Ergebnisse Pädophile der Verantwortung entheben, sagte Cantor in einer Pressemitteilung: »Dass jemand seine sexuellen Interessen nicht aussuchen kann, heißt noch nicht, dass er bezüglich seiner Taten keine Wahl hat.«

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