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Konsequenzen

03.12.2007  11:56 Uhr

Konsequenzen

Obwohl sich die Arzneimittel in der Menge und auch in den anteiligen Kosten an den Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in den letzten Jahren nur unwesentlich verändert haben, werden sie nach wie vor als Kostentreiber im Gesundheitswesen diskriminiert.

 

Selbst den Absendern dieser Botschaften dürfte klar sein, dass dies nicht stimmt. Sie behaupten es dennoch, weil der Arzneimittelmarkt sehr transparent ist und die vermeintlich Schuldigen, also Industrie, Ärzte und Apotheker, schnell ausgemacht sind. Außerdem werden solche Botschaften von der Gesellschaft und von den Medien gerne angenommen. Zudem lenken sie von eigenen Fehlern oder von den eigentlichen Verursachern von Ausgabenerhöhungen in diesem Sektor ab.

 

Wohl niemand wird leugnen, dass die Mehrwertsteuererhöhung in diesem Jahr einen erheblichen Beitrag zur Kostensteigerung geleistet hat. Dazu kommt aber auch die gesellschaftlich gewünschte Ausweitung der Prävention durch Impfungen. Nach Berechnungen der ABDA wären die Arzneimittelausgaben ohne diese politisch motivierten Veränderungen in den ersten zehn Monaten 2007 statt um 8,5 Prozent nur um 3,7 Prozent gestiegen. Allein die Grundimmunisierung gegen humane Papilloma-Viren, die von der STIKO empfohlen wird, kostet rund 450 Euro. Würde die Impfung flächendeckend von allen in Anspruch genommen, die in der Empfehlung genannt werden, stiegen die Ausgaben der GKV um weit über eine Milliarde Euro.

 

Ein weiterer Faktor ist der politisch gewollte Eingriff in die Preise neuer Arzneistoffe. Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) 2004 sollten die Arzneimittelinnovationen in drei Gruppen eingeteilt werden. In die erste Gruppe werden die Sprunginnovationen aufgenommen, in die zweite Gruppe die Schrittinnovationen und in die dritte die Scheininnovationen. Seit 2005 werden die Scheininnovationen sofort den Festbeträgen unterstellt, sie sind also preislich gedeckelt Die Motivation der Hersteller, solche Arzneimittel in den Markt zu bringen, hat seitdem deutlich nachgelassen. Für die Schrittinnovationen ist der Gemeinsame Bundesausschuss aufgefordert, den Mehrwert preislich zu beziffern und Höchstpreise für die Therapie mit diesen Substanzen festzulegen. Die Preise der Sprunginnovationen liegen dagegen nach wie vor in der Hoheit der Hersteller. Folge dieser Politik. Es kommen weniger Scheininnovationen auf den Markt, dafür weit mehr echte Neuerungen (siehe dazu Neu auf dem Markt). Diese sind in der Regel sehr teuer und bestimmen maßgeblich die Strukturkomponente bei den Kostensteigerungen im Arzneimittelsektor. Es wäre nur allzu fair, wenn die politisch Verantwortlichen zu diesen Auswirkungen stehen und nicht nurbei den Leistungserbringern die Gründe für den Ausgabenanstieg suchten.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

Chefredakteur

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