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Kriminalität

Einzeltäter schaden Branche

03.12.2007  13:47 Uhr

Kriminalität

Einzeltäter schaden Branche

Von Daniel Rücker

 

Ein Apotheker im hessischen Wetzlar soll Aids-Patienten Rezepte abgekauft haben. Der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands, Dr. Peter Homann, kritisiert dies in einem Mitgliederrundschreiben scharf und erntet dafür viel Zustimmung.

 

Es gibt Verbrechen, die ein durchschnittlich sozialisierter Mensch nicht nachvollziehen kann. Etwa, wenn jemand lebenswichtige Medikamente fälscht oder Todkranken ihre Rezepte abkauft und sich so eine goldene Nase verdient.

 

In der mittelhessischen Stadt Wetzlar ist Letzteres vor Kurzem geschehen. Nach den noch laufenden Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft soll ein Apotheker sechs Aidskranke statt mit lebensnotwendigen Medikamenten mit Bargeld versorgt haben. Er nahm die Rezepte an. rechnete sie auch mit den Krankenkassen ab, gab aber nicht die verordneten antiviralen Präparate ab. Die Einnahmen aus dem Betrug teilte er sich mit den Kranken. Wie die »Wetzlaer Neue Zeitung« vom 30. November berichtet, soll der Apotheker nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen auf diese Weise in den vergangenen zwei Jahren den Krankenkassen einen Schaden von rund 250.000 Euro zugefügt haben. Die Ermittlungen sollen Anfang Januar abgeschlossen sein.

 

Aus der Sicht von Berufsvertretungen ist es nicht klug, jede Verfehlung eines Mitglieds öffentlich zu kommentieren. Doch es gibt auch Fälle, in denen Schweigen nicht mehr möglich ist. Zum einen, weil das Vergehen so niederträchtig ist, dass selbst Gier keine ausreichende Erklärung ist, zum anderen weil wieder einmal Einzeltäter Tausende untadelige Apotheker in Misskredit bringen. Zu dieser Kategorie gehört der Fall in Wetzlar.

 

In einem Mitgliederrundschreiben machte deshalb Verbandsvorsitzender Homann seinem Ärger Luft, auch, weil er erheblichen Schaden für den ganzen Berufsstand fürchtet. »Es gibt jede Menge Menschen, die sich sprichwörtlich den Allerwertesten aufreißen, um für den Erhalt des Berufsstandes in seiner jetzigen Form zu kämpfen, und ihren Beruf mit viel Engagement und erheblichem Zeitaufwand ausüben«, schreibt der HAV-Vorsitzende in einem Brief an die Verbandsmitglieder. »Und dann gibt es Leute, denen das völlig egal ist, die nur ihren eigenen Profit suchen. Solche Machenschaften sind natürlich Wasser auf die Mühlen all derer, die unser bisheriges System zerstören wollen.«

 

Zu allem Überfluss würden sich solche Meldungen in letzter Zeit häufen, sagt Homann und verweist auf die Betrügereien mit Zytostatika und Ephedrin. Er kündigte an, der HAV werde alle kriminellen Machenschaften von Apothekern ausnahmslos und rigoros bekämpfen.

 

Der größte Feind des Apothekers

 

Die Reaktionen der HAV-Mitglieder zeigen, dass Homann mit seinem Brief die Stimmung der meisten Apotheker wiedergibt. »Der größte Feind des Apothekers ist der Apotheker«, schreiben viele Empfänger des Rundbriefes an Homann. Es könne keine andere Konsequenz geben, als die Verbrecher »aus dem Berufsstand zu eliminieren«, ihnen die Approbation zu entziehen. Viele wünschen sich, die Verdächtigten würden benannt. Manche beklagen, dass die juristischen Konsequenzen aus solchen Taten nicht ausreichten.

 

Tatsächlich hatten die Apotheker in den vergangenen Monaten einige gravierende Verfehlungen raffgieriger Berufskollegen auszuhalten. Einer Berufsgruppe, die seit Jahren ihre heilberufliche Kompetenz offensiv nach außen trägt, schadet dies enorm. Auch deshalb, weil es zu viele Branchenfremde gibt, die solche Fälle für ihre eigenen finanziellen Ziele instrumentalisieren. Da wird schnell vom Tisch gewischt, dass die Menschen in Deutschland mit kaum einer Berufsgruppe so zufrieden sind wie mit den Apothekern. Zehn gute Nachrichten können eine schlechte nicht neutralisieren.

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