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Nationaler Protesttag

Patienten zeigen Verständnis

06.12.2006  10:40 Uhr

Nationaler Protesttag

Patienten zeigen Verständnis

Von Thomas Bellartz und Birgit Masekowitz

 

In ganz Deutschland protestierten am Montag Zehntausende gegen das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG). Der bundesweite Aktionstag wurde in den Apotheken ganz unterschiedlich sichtbar. Von Schließungen über Notdienste bis hin zu normalen Öffnungszeiten mit Infostand - die meisten beteiligten sich. Und doch eint das gemeinsame Ziel.

 

Apotheker Bernd Stange widmete sich in einer seiner beiden Apotheken ganz dem Protest gegen die geplante Gesundheitsreform. Am Montag begrüßte er seine Kunden in Berlin-Pankow mit einer Tasse heißer Zitrone auf der Straße. Medikamente erhielten sie nur durch die Notdienstklappe. Plakate und rot-weißes Absperrband machten schon von weitem darauf aufmerksam, dass hier kein Normalbetrieb herrschte. »Ich will die Kunden nicht bestrafen, sondern den heutigen Tag als Plattform nutzen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen«, erklärte er. Für das richtige Umfeld hatten er und sein Team ein Partyzelt und einen Heizstrahler vor der Apotheke aufgebaut und so blieben die Kunden auch gern ein paar Minuten stehen, um über die Gesundheitsreform zu diskutieren.

 

Helga Drinkewitz, eine Stammkundin, fand die Aktion gut. »Ich kann verstehen, dass Sie sich wehren wollen. Man fühlt sich ja so hilflos gegenüber den Plänen der Politik. Eigentlich müssten die Patienten mit- demonstrieren, schließlich betrifft es uns ja auch«, sagte sie. So gut wissen längst nicht alle Kunden der Eulen Apotheke Bescheid. Deshalb hat Apotheker Stange ein eigenes Informationsblatt entworfen, auf dem er die möglichen Folgen der Gesundheitsreform für die Apotheken und die Patienten kurz und verständlich erläutert.

 

Auch viele Arztpraxen in Pankow waren an diesem Tag nur eingeschränkt für ihre Patienten da. Obwohl eine Absprache über gemeinsame Aktionen mit den Ärzten in der Umgebung wegen der Kürze der Zeit schwierig war, haben sich doch die meisten irgendwie beteiligt, freut sich Stange. »Wir merken deutlich, dass weniger Menschen zu uns kommen als an einem normalen Montag.«

 

Tausende Heilberufler im Ausstand

 

Die Proteste der Heilberufler gegen die Gesundheitsreform werden immer schärfer und erreichen eine bislnag nicht gekannte Flächendeckung. Geschlossene Arztpraxen, Apotheker mit Trauerflor, Behandlung im Kerzenlicht - obwohl die Aktionen dezentral verliefen, bekamen die Organisatoren die erhoffte Aufmersamkeit. Immerhin blieb jede dritte Praxis geschlossen, viele Apotheker bedienten ihre Kunden nur über die Nachtschalter. In zahlreichen Städten gingen Tausende Mediziner mit Trillerpfeifen und Transparenten wie »Geiz ist geil - Gesundheit nicht?« auf die Straße.

 

In Dortmund etwa waren viele Praxen unter dem Motto »Gute Nacht, deutsche Gesundheitsversorgung« nur mit Kerzen erleuchtet. Andernorts verteilten Hausärzte mit dem Slogan »Vorgeschmack auf das, was kommen wird« saure Äpfel. Krankenschwestern bauten Waschstraßen aus Betten als Symbol befürchteter »Fließband-Pflege«. In Düsseldorf wollten Medizinstudenten Passanten das Blutabnehmen beibringen - mit dem Hinweis »Besser Sie können’s selbst!«.

 

Im saarländischen Heiligenwald informierte Apotheker Thomas Mann allgemein über die Problematik der anstehenden Reform. Via Laptop erläuterte er seinen interessierten Kunden mehr über die Vielfalt von Arzneimittelfälschungen aus dem Internet und den Versandhandel. Die beiden Flatscreens seiner Apotheke waren schwarz - darauf Plakate mit Forderungen zum Thema Reform. Apotheker Mann reagierte so wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen zwischen Flensburg und Garmisch: Viele hatten eigene Aktionen auf die Beine gestellt und ergänzten damit das von der ABDA und den Landesorganisationen bereitgestellte Material.

 

Teurer, schlechter, unsicherer

 

In Berlin fiel der angesetzte Protestzug von der Bundespressekonferenz zur Charité ins Wasser. Trotzdem nutzte man die Gelegenheit zur politischen Generalabrechnung. Alles werde »nur teurer, schlechter und unsicherer«, hieß es. »Wir werden alles tun, damit es nicht in Kraft tritt«, gab sich der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Rudolf Kösters, entschlossen.

 

Kassenärzte wie Krankenhäuser fürchten, dass die private Krankenversicherung auf mittlere Sicht in der Einheitsversicherung untergeht. Damit würden die Zusatzeinnahmen von den Privatpatienten wegbrechen, auf die viele Praxen nach Darstellung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) angewiesen sind. Kösters läuft Sturm gegen die Absicht der Koalition, den Krankenhäusern einen Sparbeitrag von einem Prozent oder 500 Millionen Euro abzuverlangen. Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund lehnt dies ab, befürchtet weitere Schritte in die Zwei-Klassen-Medizin. Die niedergelassenen Ärzte warnen vor einer Zuteilungsmedizin, weil die Reform an die Stelle der bisher kritisierten Honorarbudgets eine »Mengenbegrenzung« für medizinische Leistungen setzt. Bis zu sieben Milliarden Euro mehr, so ein Honorarmodell der KBV, müssten für die angemessene ärztliche Bezahlung eigentlich draufgesattelt werden.

 

Auch die anstehende Reform spiegelt den Zwang zur Sparsamkeit wider: Das Leistungsangebot bleibt durch die zur Verfügung stehenden Finanzmittel begrenzt. Das sind immerhin rund 140 Milliarden Euro im Jahr. Gleichwohl klagen die Ärzte- und Klinikverbände über den »Rationierungs-Knüppel«.

 

Die Protestaktionen sollen in den kommenden Wochen weitergehen. In vielen Praxen und Apotheken werden künftig um »5 vor 12« die Lichter ausgehen und für fünf Minuten Kerzen brennen. Zumindest in der Adventszeit.

 

Auch in der Nordring Apotheke in der Schönhauser Allee in Berlin spürte man die Folgen des Protesttags. »Hier im Ärztehaus behandeln heute nur die Onkologen und Pulmologen ihre Patienten wie gewohnt, die anderen Ärzte haben nur eine eingeschränkte Sprechstunde«, erläuterte Apotheker Dr. Detlef Glaß. »Hausärztliche Praxen und Internisten der Umgebung beteiligen sich fast alle an dem Aktionstag.« Für Glaß kam eine Schließung der Apotheke mit Klappendienst zwar nicht infrage, aber der Protest war auch hier nicht zu übersehen. Vor der Apotheke informierte ein Plakat über die Aktion und auf drei HV-Tischen standen gut sichtbar die von der ABDA erstellten »Außer Betrieb«-Schilder.

 

»Die Argumentation über die drohende Situation ist angesichts der Apothekendichte in Großstädten wie Berlin nicht immer einfach«, so Glaß. Aber man müsse der Bevölkerung auch verdeutlichen, dass hier sehr viele Menschen leben und zusätzlich viele aus dem Umland in Berliner Apotheken kämen. Er war auch bei der Demonstration in Leipzig dabei und betont, er werde sich auch weiterhin an Protestaktionen beteiligen. »Eine andere Möglichkeit haben wir nicht.«

 

Landesweite Proteste

 

Die Nachrichten-Ticker liefen am Montag über vor lauter Meldungen über geschlossene Arztpraxen, Notdienste von Apotheken und Protestveranstaltungen. So gingen mehr als 1500 Apotheker gemeinsam mit den Ärzten in der Thüringer Landeshauptstadt auf die Straße.

 

Der Geschäftsführer der Landesapothekerkammer Thüringen, Apotheker Danny Neidel, meint, die wenigsten wüssten, dass dieses Gesetzeswerk, wenn es unverändert bleibe, in jeder der 569 Thüringer Apotheken einen Arbeitsplatz akut gefährdet. »Mit jedem verlorenen Arbeitsplatz gehen auch ein Stück Service und vor allem Qualität verloren, ich würde sogar sagen Lebensqualität«, so Neidel weiter.

 

Nicht zuletzt deswegen versammelten sich viele Angestellte aus den Thüringer Apotheken auf dem Erfurter Anger. Lautstark forderten sie die Thüringer Landesregierung auf, sich für den Erhalt Ihrer Arbeitsplätze stark zu machen und das Gesetzesvorhaben im Bundesrat zu stoppen. »Wir sehen die Thüringer Landesregie-rung hier ganz klar in der Pflicht«, erklärt Neidel und ergänzt: »Auch die Thüringer Regierung trägt Verantwortung für ein Ge-sundheitswesen, das diesen Namen verdient.«

 

Aufgrund der zentralen Demonstration auf dem Anger in Erfurt gab es in den Thüringer Apotheken an diesem Tag kaum eine normale Arzneimittelabgabe. Die Notbesetzung, die in den Apotheken zurückblieb, hatte alle Hände voll zu tun.

 

»Patient in Not - diese Reform schadet allen!« hieß es auch in vielen Hamburger Apotheken. Der Präsident der Apothekerkammer Hamburg, Rainer Töbing, beschrieb die drohenden Abstriche bei der Gesundheitsversorgung so: »Auf dem Weg in die Staatsmedizin glaubt diese Koalition, mit immer weniger Geld immer mehr Menschen immer besser versorgen zu können. Das wird schief gehen.«

 

»Für unsere Patienten und den Erhalt der Arzneimittelversorgung fordern wir eine Änderung des Gesetzentwurfes«, sagte Dr. Jörn Graue, Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins. Auf dem Spiel stünden die Gesundheit der Patienten und Hunderte von Arbeitsplätzen. Graue: »Diese Reformpläne müssen gestoppt werden.«

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