Pharmazeutische Zeitung online
Josef Hecken

Apotheker wären ein Gewinn im G-BA

29.11.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Jennifer Evans, Berlin / Das von den Apothekern geforderte Versandverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel hat einen weiteren Fürsprecher: Professor Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA). Für die Zukunft der Apotheker hat Hobbygärtner Hecken mindestens so viele Ideen wie für seinen heimischen Garten.

PZ: Es liegt in der Natur der Dinge, dass Ihre Arbeit Konflikte unterschied­licher Interessenvertreter mit sich bringt. Mal ehrlich: Wie emotional geht es in den Gremiensitzungen zu?

Hecken: Es ist immer mein Ziel, einen Konsens herbeizuführen. Das ist mein Job, die Diskussionen in der Sache müssen nun mal geführt werden. Was mich aber zuweilen wirklich ärgert, ist, wenn sich in Kleinteiligkeiten verloren wird, die nicht versorgungsrelevant sind. Oder wenn eine Seite mit vorgeschobenen Argumenten versucht, anstehende Entscheidungen zeitlich hinauszuzögern. Über die Jahrzehnte habe ich mir allerdings eine heitere Gelassenheit zugelegt, die mir sehr hilft. Manches funktioniert mit Humor oder Ironie besser – dabei darf aber nie die ernsthafte Suche nach sachgerechten Ergebnissen auf der Strecke bleiben.

 

PZ: Wo sehen Sie die zukünftige Aufgabe der Apotheker in der Versorgung?

 

Hecken: Ich glaube, als sehr gut ausgebildeter Berufsstand sollte die Apothekerschaft darüber nachdenken, ob sie ihr Angebots- und Leistungsportfolio erweitern kann – Personal ist die kostbarste Ressource im Gesundheitswesen. Ihr Wissen rund um Polymedikation etwa ist in vielen Fällen umfassend und wird angesichts vieler multimorbider Patienten auch flächen­deckend gebraucht. Für Beratung und Risikoanalyse in diesem Bereich sollten künftig Pharmazeuten verstärkt zuständig sein. Solche Mischformen der medizinisch-pharmazeutischen Versorgung sichern nicht nur die Existenz der Apotheker, sondern sind auch eine sachgerechte Aufwertung des Berufs. Ich bedauere sehr, dass wir im Innovationsauschuss kaum Anträge zur Delegation und Substitution von ärztlichen Leistungen bekommen haben.

 

PZ: Glauben Sie, Apotheker gehen mit ihrem Wissen zu wenig selbst­bewusst um?

 

Hecken: Nein, in den vergangenen 30 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit waren Apotheker in der öffentlichen Diskussion immer präsent, zumeist leider in Abwehrkämpfen. Mir fehlt aber ein Positionspapier zu der Frage, welche Aufgaben mit Blick auf die sich verändernde Versorgungsstruktur sie in Zukunft noch übernehmen könnten.

Ich vermisse bei den Apothekern, dass sie alte Strukturen neu überdenken und stattdessen lieber Sandsäcke werfen, damit sich bloß nichts verändert. Das Geld fällt nicht vom Himmel und die Konkurrenz wird immer größer. Ein stärkerer Fokus auf die Zukunft könnte ihnen nicht schaden.

 

PZ: Die Apotheker haben 2014 ihr Perspektivpapier »Apotheke 2030« verabschiedet, in dem sie sich ausführlich mit den Herausforderungen der Zukunft und neuen Aufgaben auseinandersetzen. Welche Veränderungen stellen Sie sich konkret vor?



Hecken: Mit Blick auf die Arzneimitteltherapiesicherheit kann ich mir durchaus vorstellen, dass nicht nur alle Verordnungen für einen Patienten in der Offizin zusammengeführt und dokumentiert werden, sondern dass auch bestimmte Verordnungen immer nur unter Vorbehalt der endgültigen Überprüfung durch einen Apotheker erfolgen dürfen. Außerdem sollte es gesetzliche Vorgaben geben, welche medizinischen oder einfachen diagnostischen Leistungen Apotheker übernehmen, und natürlich auch, wie sie dafür honoriert werden. Patienten würden damit stärker an die Apotheke gebunden und gleichzeitig wäre die Versorgung in der Fläche sichergestellt. Apotheker genießen in der Bevölkerung ein großes Ansehen, darin steckt enormes Potenzial.

 

PZ: Einige Apotheker finden es ungerecht, dass sie keinen Sitz im G-BA haben, Ärzte, Zahnärzte und Kliniken aber schon. Wie stehen Sie dazu?

 

Hecken: Über die Zusammensetzung des G-BA bestimmt allein der Gesetzgeber. Die jetzige Besetzung ist historisch gewachsen. Aus meiner Sicht wäre es eine Bereicherung, wenn die Apotheker dabei wären – das gilt aber auch für eine Vielzahl anderer Berufsgruppen. Unabhängig davon, ob es um Stellungnahmeverfahren, Arzneimittelbewertungen oder die Substitutionsausschlussliste geht, spielen Apotheker bereits jetzt eine wichtige Rolle. Derzeit gibt es aber noch nicht einmal in der Apothekerschaft selbst einen Konsens, ob darüber hinaus wirklich ein Sitz gefordert werden sollte. Wissen muss man aber, dass die Trägerorganisationen sehr viele Ressourcen in die zeit- und personalintensiven Beratungen des G-BA stecken müssen.

 

PZ: Die Kassen würden dem G-BA gerne die Aufgabe übertragen, darüber zu entscheiden, welche Biologika substituiert werden können. Bislang ist das gemeinsame Aufgabe von Kassen und Apothekern.

 

Hecken: Nach langem Gezerre zwischen Apothekern und Kassen haben wir uns im G-BA schnell auf eine Substitutionsausschlussliste für Arzneimittel verständigt, zudem sind wir für die Austauschbarkeit von Darreichungsformen zuständig. Es wäre also folgerichtig, wenn wir auch für Biologika als hochpreisige neue Arzneimittel, die in die Versorgung drängen, Aufgaben übernähmen. Das ist auf jeden Fall ein Thema der Zukunft. Derzeit wird mit dem Austausch eines Originals gegen ein Bio­similar noch zu zögerlich umgegangen, das wollen wir beschleunigen. Grundsätzlich gehen wir von einer Austauschbarkeit aus. Demnächst wird es die erste echte Festbetragsgruppe für Antikörper-Biosimilars geben, das begrüße ich sehr. Es muss uns zwingend gelingen, bei Biosimilars die Wirtschaftlichkeitspotenziale nach Patentablauf auszuschöpfen und mehr Wettbewerb in den Markt zu bringen. Die Preisdifferenz zum Originalpräparat liegt derzeit im Schnitt nur bei rund 20 Prozent.

 

PZ: Als saarländischer Gesundheitsminister haben Sie 2006 Doc Morris erlaubt, die erste Filiale in Deutschland zu eröffnen und sich gegen das Fremdbesitzverbot gestellt. Würden Sie heute dasselbe machen?

 

Hecken: Nein, heute würde ich das nicht mehr so machen. Mein damaliger Beweggrund war auf keinen Fall, Apotheken zu schaffen, in denen kein Apotheker mehr steht. Vielmehr wollte ich das Fremdbesitzverbot lockern, sodass ein Apotheker die Möglichkeit bekommen hätte, mehr als vier Apotheken zu betreiben. Eine Begrenzung nach oben hätte es weiterhin geben müssen. Ich war damals der Ansicht, dass die Arzneimittelversorgung der Zukunft nur funktionieren kann, wenn sich größere wirtschaftliche Einheiten bilden, die gegenüber Pharmakonzernen und Zwischenhandel mit mehr Macht auf dem Markt auftreten.

 

Der andere Gedanke war damals, dass ausländische Versender weniger Anreiz hätten, das deutsche System zu schädigen, wenn sie erst einmal eine Filiale in Deutschland betreiben und vom Segen der Festpreise selbst profitieren. Viele haben geglaubt, der Europäische Gerichtshof (EuGH) würde die deutschen Apotheken vor dem Versandhandel schützen. Ich wage die Prognose: Hätte man damals schon Ketten von 30 oder 40 Filialen erlaubt, wäre es nicht zu den Klageverfahren gekommen, die dem EuGH-Urteil aus dem Oktober 2016 voran­gegangen sind.

 

PZ: Auf welcher Seite stehen Sie heute, nach dem EuGH-Urteil?

 

Hecken: Auf der Seite des Bundesgesundheitsministers. Ich halte die derzeitige Rechtsprechung für fatal. Es gibt keine Alternative zum Vorgehen des Ministers, der auf ein Rx-Versandverbot pocht. Es sollte alles getan werden, um hierzulande gesetzlich nachzuschärfen. Zumindest, um Zeit zu gewinnen, weil das Urteil das deutsche Gesundheitssystem so unvorbereitet getroffen hat. Wenn Apotheken ihren Grundumsatz jetzt an niederländische Versender abgeben müssen und ihnen lediglich die Patientengruppe mit hoher Beratungsleistung bleibt, würde das ökonomisch gesehen zu einem Zusammenbruch der flächendeckenden Versorgung führen.

 

PZ: Für was brennen Sie neben der Gesundheitspolitik noch?

 

Hecken: Ich gehe gerne ins Theater, liebe gutes Essen, brenne aber vor allem für meinen Garten. Ich bin ein richtiger Garten-Freak und in meiner Nachbarschaft schon bekannt dafür, dass ich eigentlich immer draußen bin – egal, ob es regnet, schneit oder die Sonne knallt. Ich pflanze Gemüse an, habe viele Blumenbeete, setze Bäume und baue auch gern mal einen Springbrunnen. Leider haben mir die Wildschweine zuletzt einiges im Garten zerstört. Auch dem begegne ich mit heiterer Gelassenheit: So habe ich wieder ein Projekt für das nächste Jahr. Sollte ich irgendwann einmal noch gebrechlicher sein (lacht), würde ich gerne in Süditalien leben. Die Italiener haben bessere Laune, das Leben ist weniger geordnet und außerdem sind Wetter und Wein einfach besser. /

Mehr von Avoxa