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Gesundheitsmarkt

Viele verschiedene Trends

30.11.2010  16:32 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Kooperationen, zweiter Gesundheitsmarkt, direkter Dialog zwischen Unternehmen und Patienten, personalisierte Therapie: Im Pharmamarkt ist viel in Bewegung. Auf einer Fachtagung blickten Experten in die Zukunft der Branche.

Der Blick in Reinhard Vockes Kristallkugel dürfte für viele Apotheker höchst spannend sein – haben sie doch ständig mit den manchmal unergründlichen Unternehmen der Pharmaindustrie zu tun. Vocke, Consultant bei der Unternehmensberatung Management Engineers, wagte bei der Handelsblatt-Tagung »Health 2010« am Montag in Berlin einen Ausblick.

 

Drei Typen von Pharmafirmen

 

Bis 2020 werde sich der europäische Pharmamarkt massiv verändern, sagte Vocke. Auf Grundlage einer gemeinsamen Studie seines Unternehmens und der Business School Institut Européen d‘Administration des Affaires (Insead) zeichnete der gelernte Ingenieur ein dreigeteiltes Bild: In zehn Jahren bestehe die Pharmaindustrie zu 46 Prozent aus »Harvesters« (skeptischen Traditionalisten, die nicht mit grundlegenden Veränderungen in ihrer Branche rechneten) und zu 20 Prozent aus »Consumerists«, laut Vocke »amerikaorientierte Pragmatiker«, die gerne die Chancen der direkten Patientenansprache annehmen. 34 Prozent schließlich bilden die Gruppe der »New Golden Agers«, »grenzenlos optimistische Visionäre«, die in allen beobachtbaren Trends Vorteile fürs eigene Geschäft wittern. Diese Firmen gehen davon aus, beim Absatz ihrer Produkte an Apotheken leichtes Spiel zu haben und zusätzlich enorme Erträge aus dem Internetvertrieb abschöpfen zu können.

Die vertrauten Namen der Branche werden Apotheker auch 2020 noch hören, lautet Vockes Prognose. Das heißt, zu einer Fusions- und Übernahmewelle wird es nach seiner Einschätzung nicht kommen.

 

Der Berater verglich die Pharmaindustrie mit der Auto­mobil­branche. Dort bestehe der Weltmarkt seit Langem aus 16 Herstellern, die oft vorausgesagte Schrumpfung auf ein Zehner-Oligopol sei nicht eingetreten. Stattdessen habe sich eine enge Vernetzung entwickelt: Da kooperie­ren Renault und Nissan bei Bauteilen und Werken, VW und Suzuki halten Anteile des jeweils anderen, Ford und Toyota entwickeln gemeinsam Hybridmotoren und so weiter und so fort.

 

Eine ähnliche Form der »verflochtenen Verbundwirtschaft« bildet sich laut Vocke auch in der Pharmabranche heraus. Die Unternehmen arbeiteten in der Produktion, bei Forschung und Entwicklung sowie im Vertrieb immer enger zusammen.

 

Mehr Ausgaben für Gesundheit

 

Einen bestimmenden Trend für die nähere Zukunft, sieht Vocke darin, dass die Europäer mehr Geld für Gesundheit ausgeben – besonders im sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt, zu dem Fitness, Sport, Ernährung, Gesundheitstourismus und Kosmetik gehören. Allein in Deutschland wird der zweite Gesundheitsmarkt jährlich um 8,7 Prozent wachsen, prognostizierte Vocke. Während im Jahr 2002 rund 36 Milliarden Euro umgesetzt wurden, sollen es 2020 mehr als 100 Milliarden Euro sein.

 

Zudem gewinnen »Cosmeceuticals« an Bedeutung – also Präparate, die Wohlbefinden und Aussehen verbessern. Laut Vocke sind etwa bei Antifalten- und Potenzmitteln zweistellige Wachstumsraten zu erwarten.

 

Was die Differenzierung der Produktpalette und erfolgreiches Marketing angeht, könnten Telekommunikations- und Energieunternehmen gute Lehrmeister sein. Ferner glaubt der Berater, dass sich ein »duales Systems« in der Gesundheitswirtschaft herausbildet, bestehend aus einer Versicherung zur Basisversorgung mit Wahlmöglichkeiten für Telemedizin oder neuen Medikamenten sowie einem Premium-Segment für Selbstzahler. Künftig suchten Pharmafirmen auch den direkten Dialog mit Patienten, vor allem übers Internet.

 

Personalisierte Medizin

 

Über personalisierte Therapien als Teilaspekt der Entwicklung referierte Dr. Kai Richter, Mitglied der Geschäftsführung von Astra-Zeneca Deutschland. »Wir sind eines der ersten Arzneimittelunternehmen, die sich klar dazu bekennen«, sagte Richter. Jedoch werde die personalisierte Therapie, die auf DNA-Analyse der Patienten beruht, immer nur eine ergänzende Rolle spielen, vor allem in der Onkologie.

 

Es gehe dabei auch nicht um einzelne Patienten, sondern um genetische Gruppen. Richter erläuterte das Prinzip am Lungenkrebspräparat Iressa aus seinem eigenen Unternehmen. Bei 90 Prozent der Patienten schlage es wesentlich schlechter an als eine Chemotherapie, im Falle einer EGFR-Mutation sei es hingegen wirksamer und besser verträglich. Daher sei es im Sinne der Patienten, diese Gruppe mit Biomarkern herauszufiltern. Einen ähnlichen Ansatz sehe Astra-Zeneca in der Brustkrebstherapie, berichtete Richter. /

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