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Gesundheitswesen

Schlechte Noten für die Politik

30.11.2010  17:33 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Die Bundesbürger sind zwar nicht erfreut über die Gesundheitsreform – aber doch erleichtert, dass GKV-Leistungskürzungen ausbleiben. Eine Mehrheit findet aber, dass die Lasten ungerecht verteilt wurden, wie der neue Allensbach-Gesundheitsreport zeigt.

Jeder vierte Bundesbürger findet, die Apotheker sollten eine höhere Last bei der Finanzierung des Gesundheitswesen schultern. Zu diesem Ergebnis kommt der vom Finanzdienstleister MLP beauftragte, vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführte und von der Bundesärztekammer unterstützte Gesundheitsreport 2010. Demnach zweifeln drei Viertel der Bevölkerung und sogar 93 Prozent der Ärzte da­ran, dass die aktuelle Reform die Finanzierung des Gesundheitssystems langfristig sichert.

Die Bundesregierung verteilt nach Einschätzung von mehr als 70 Prozent der Befragten die zusätzlichen Belastungen zudem ungerecht. 66 Prozent der Bürger und 54 Prozent der Ärzte sind der Meinung, dass Versicherte und Patienten überfordert werden; ein Fünftel der Bevölkerung und die Hälfte der Mediziner sagen das auch für die Ärzte.

 

Über Gebühr schont Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) in den Augen der Befragten die Pharmaindustrie. 61 Prozent der Bürger, aber auch 54 Prozent der Ärzte wollen den Herstellern einen größeren Beitrag aufbürden. Dass die Krankenkassen mehr an die Kandare genommen werden sollten, meint in beiden Gruppen etwa ein Viertel. Anders als im Querschnitt der Bevölke­rung würden indes nur 14 Prozent der Ärzteschaft die Apotheker mehr belasten.

 

Euphorie konnte die schwarz-gelbe Koalition gesundheitspolitisch bisher nicht entfachen. 13 Prozent der Bevölkerung haben von der derzeitigen Politik einen guten Eindruck – noch ein Prozentpunkt weniger als 2009. Im Vergleich zur letzten Phase der Ära Ulla Schmidt stieg wenigstens in der Ärzteschaft die Zufriedenheit von schlappen 4 auf 14 Prozent. Bei den Bürgern grassiert weithin Fatalismus.

 

44 Prozent sind der Meinung, dass die längerfristige Sicherstellung der Gesundheitsversorgung überhaupt nicht gelingen kann – die politischen Scharmützel also von vornherein vergebens sind. Demgegenüber beobachtet Allensbach-Chefin Prof. Renate Köcher zugleich eine Erleichterung darüber, dass die Reform ohne Leistungskürzungen im GKV-Katalog auskommt. Überhaupt hat sich ein Jahrzehnte altes Paradoxon in derartigen Umfragen verschärft. Köcher spricht von einer auffälligen »Diskrepanz zwischen Bewertung des Ist-Zustandes und den Erwartungen«: »Diese Schere ist weiter auseinander gegangen.«

 

Das heißt konkret, dass sich die aktuelle Versorgungslage rosiger als erwartet darstellt. Jedenfalls sind 70 Prozent der Bevölkerung mit der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems zufrieden: der höchste Wert seit 2003. Im vergangenen Jahr waren es lediglich 64 Prozent nach dem Tiefpunktjahr 2008 mit 59 Prozent. Die Ärzte beurteilen die Lage sogar zu 88 Prozent als gut oder sehr gut, verglichen mit 82 Prozent im Vorjahr. Das bedeutet allerdings nicht, dass kein spürbarer Druck im Kessel ist. 55 Prozent der Ärzte geben zu, aus Kostengründen schon einmal auf medizinisch angeratene Behandlungen verzichtet zu haben. 12 Prozent der Mediziner tun dies nach eigenen Angaben häufig.

 

Die gleichen Ängste im Ausland

 

Erstmals erweiterte Allensbach die repräsentative Befragung in der Bundesrepublik um Umfragen in den Ländern, die die Ärzte als mögliche Vorbilder in der Organisation des Gesundheitswesens betrachten: die skandinavischen Staaten, die Schweiz und die Niederlande. Aufschlussreich dabei ist, dass die Bürger in diesen Ländern alles in allem zwar einen Tick weniger murren als die Deutschen, aber weithin von den gleichen Ängsten geplagt werden. Die Ausnahme ist hier die Schweiz. Dort geben 46 Prozent der Befragten ihrem Gesundheitssystem die beste Note, in Schweden sind es 14 Prozent, in den Niederlanden 12 Prozent und in Deutschland 10 Prozent.

 

Die diskutierten Therapien zur nachhaltigen Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens werden hierzulande fast durchweg mehrheitlich abgelehnt – ob höhere Beiträge, weitere Zuzahlungen für Medikamente oder Einschränkung der freien Arztwahl. Allerdings fänden es zwei Drittel akzeptabel, wenn Kuren seltener bewilligt werden oder Raucher höhere Tarife zahlen müssten. Wichtig sei den Bürgern, das sie selbst Einfluss auf die Auswirkung der Maßnahmen hätten, so Köcher. / 

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