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Betriebliche Gesundheitsförderung

Kein Luxus, sondern Leistungsfaktor

30.11.2010
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Von Martina Janning, Berlin / Gesundheitsförderung am Betrieb kann helfen, Beschäftigte länger fit zu halten. Damit Aktionen bei Arbeitnehmern ankommen, sollten sie sich an der jeweiligen Arbeitswelt orientieren. Außerdem müssen Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen.

In einer Gesellschaft, in der es künftig weniger Nachwuchs und mehr ältere Menschen gibt, bekommt betriebliche Gesundheitsförderung einen neuen Stellenwert. Nicht nur die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre macht es nötiger, dass Beschäftigte lange körperlich und geistig fit bleiben. »Allein bis 2020 werden in Deutschland fünf Millionen Arbeitskräfte weniger da sein. Es wird immer wichtiger, die vorhandenen Potenziale klug zu nutzen und sorgsam mit ihnen umzugehen«, erklärte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in ihrem Grußwort zum Corporate Health Award 2010 vorige Woche in Berlin.

Hier diskutierten Vertreter von Firmen und öffentlichen Verwaltungen über Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz. Unternehmen dürften den Bedarf nicht nur an der Quote der Fehlzeiten messen, sagte Stefan Missal von Insa-Gesundheitsmanagement. Denn inzwischen schleppten sich viele Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit. Darüber täuschten die gesunkenen Fehlzeiten hinweg.

 

Betriebliche Gesundheitsförderung sei kein Luxusthema – auch nicht für kleine und mittlere Unternehmen, befand Missal. Diese müssten sich ständig an Veränderungen anpassen, ohne dafür die gleichen Ressourcen wie ein großes Unternehmen zu haben. Das trifft sie doppelt. Sie könnten keinen Mitarbeiter für betriebliche Gesundheitsförderung abstellen. Und kleine Unternehmen haben so wenig Personal, dass ihnen ein Ausfall wegen Krankheit besonders stark zusetzt.

 

Kleine Konzepte für kleine Firmen

 

Um Gesundheitsförderung im Betrieb anzugehen, seien keine großen Konzepte nötig, legte Missal dar. Als Beispiel nannte er ein Gesundheitsfrühstück, bei dem sich Beschäftigte und Chefs über Ideen austauschen könnten. Eine andere Aktion ist ein Familienaktivtag, bei dem die Beschäftigten mit ihren Kindern zum Beispiel ein Sportturnier im Betrieb erleben. Denn »Indikatoren rund um den Arbeitsstolz sind wichtig für die Gesundheit«, erklärte der Berater. Eine Erkenntnis, die sich auch in einem Blickwechsel in der betrieblichen Gesundheitsförderung widerspiegelt. Heute lautet der Ansatz: Was fehlt einem Arbeitnehmer, damit er gesund bleibt? Fortschrittliche Unternehmen sprechen deshalb nicht mehr von »Fehlzeitenquote«, sondern von »Gesundheitsquote«.

Rente mit 67

Nicht einmal die Hälfte der Arbeiter und nur zwei Drittel der Angestellten könnten bis zum 67. Lebensjahr in ihrem jetzigen Job arbeiten, lautet das Ergebnis einer Umfrage unter knapp 200 Personal- und Gesundheitsmanagern im Rahmen des Corporate Health Award. Demnach halten 48 Prozent der Unternehmen mit einem Anteil von über 75 Prozent Büroarbeitsplätzen die Rente mit 67 für problematisch. Das sind knapp 17 Prozent mehr als im Jahr 2009. Das Ergebnis spiegelt die zunehmende Sorge wider, keine qualifizierten Nachwuchskräfte zu bekommen. Besonders die chemisch-pharmazeutische Industrie, Energiekonzerne und Maschinenbauer sehen die verlängerte Lebensarbeitszeit als eine große Herausforderung.

Für Prävention werden viele Arbeitnehmer jedoch erst empfänglich, wenn sie schon gesundheitliche Beschwerden haben, beklagen Experten. Betriebliche Gesundheitsförderung müsse im Alltag praktikabel sein, betonte Tom Conrads von Insa-Gesundheitsmanagement. »Gute Teilnehmerzahlen gibt es immer dann, wenn sich die Maßnahmen an der Arbeitswelt orientieren.« Zum Beispiel seien Lagerarbeiter kaum für eine herkömmliche Rückenschule zu begeistern. Schon eher für ein Boxtraining. Das stärke die besonders beanspruchten Muskeln genauso gut, sagte Conrads.

 

Als weiterer Punkt, damit betriebliche Gesundheitsförderung bei den Mitarbeitern ankommt: Der Arbeitgeber müsse quasi als »Leuchtturm« fungieren und mit gutem Beispiel vorangehen, erklärte Conrads. Er sollte mit den Mitarbeitern gemeinsam ein Leitbild entwickeln und Ängste nehmen.

 

Vorgesetzte besser vorbereiten

 

Auch Detlef Hollmann, Senior Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung, hält es für entscheidend, dass Führungskräfte Werte im Unternehmen vorleben. Er fragte aber kritisch, ob die moderne Arbeitswelt Vorgesetzte nicht vielleicht überfordere. Arbeiten ohne Grenzen, ständiger Informationsfluss, Medikamentenmissbrauch, um leistungsfähig zu bleiben: »Müssten Führungskräfte nicht anders darauf vorbereitet werden?«, fragte Hollmann.

 

Menschen seien heute anders erschöpft als früher – eher geistig als körperlich, sagte der Projektmanager. Etwa 5 bis 7 Prozent der Beschäftigten litten inzwischen an Burn-out, im Medizin- und Pflegebereich sogar 20 bis 30 Prozent. Unterstützung von Vorgesetzten und Kollegen könne ein Ausbrennen verhindern. Wichtig sei dafür ein Arbeitsklima, das durch vertrauensvolle, respektvolle Beziehungen geprägt ist. Dies zu schaffen, auch das gehört heutzutage zur betrieblichen Gesundheitsförderung. /

Corporate Health Award

Der Corporate Health Award, der Deutschlands gesündeste Unternehmen auszeichnet, wurde 2010 in acht Branchen und drei Sonderkategorien verliehen. Zu den Preisträger gehören die Infraserv-Höchst-Gruppe (Chemie und Pharma), HUK-Coburg (Finanzen/Versicherungen), die Deutsche Post AG (Verkehr/Logistik) und die Deutsche Telekom AG (Dienstleistung/IT/Kommunikation) und die Gothaer-Versicherungen (Demografie). Der Corporate Health Award ist eine Initiative von Handelsblatt, TÜV-Süd-Life-Service und EuPD-Research mit Unterstützung der Techniker-Krankenkasse.

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