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Gehörlos

Viel sagen ohne Worte

24.11.2009
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Von Ulrike Abel-Wanek / Hörverlust ist keine Bagatelle. Ob im Alltag oder medizinischen Notfall: In der Kommunikation stoßen taube und schlecht hörende Menschen auf eine Wand von Unverständnis und Ratlosigkeit in ihrer Umgebung. Es fehlt an Erfahrung im Umgang mit Gehörlosen – auch beim Arzt und Apotheker.

Rund 16 Millionen Schwerhörige gibt es in Deutschland. Schätzungsweise 80 000 Menschen hören von Geburt an nicht oder sind früh ertaubt. Ursachen sind Viruserkrankungen wie Röteln in der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel während der Geburt, aber auch spätere Erkrankungen wie Mumps, Masern oder Mittelohrentzündungen.

 

Die Haustürklingel, der Wecker oder das Weinen des Babys: Die Wahrnehmung von Stimmen und Geräuschen ist für Gehörlose ein Problem. Spezielle Signalanlagen können zwar helfen, die akustischen Laute in Lichtsignale umzuwandeln oder sie auf Vibrationsempfänger am Körper zu übertragen. Schwierig wird es jedoch bei Gesprächen. Die meisten Gehörlosen und stark schwerhörigen Menschen verständigen sich mithilfe der visuell-motorisch aufgebauten Deutschen Gebärdensprache. Sie ist seit 2002 amtlich anerkannt, verfügt über eine eigene Grammatik und ist ebenso komplex wie gesprochene Sprachen, nur anders aufgebaut. Mit der Kombination aus Handzeichen, Mimik und Körperhaltung können auch komplizierte und abstrakte Sachverhalte ausgedrückt werden – vorausgesetzt, alle beteiligten Gesprächspartner beherrschen die Gebärdensprache. Die meisten Menschen, dazu gehören auch die Heilberufler, tun das nicht.

Ein von der Krankenkasse bezahlter Dolmetscher kann hier helfen. »Leider ist zu vermuten, dass zu wenige qualifizierte Gebärdensprachendolmetscher dafür zur Verfügung stehen, besonders in ländlichen Bereichen«, sagt Professor Dr. Eva Münster vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Das Institut startete Anfang des Jahres eine Studie, um den medizinisch-ärztlichen Versorgungsstand der Betroffenen zu ermitteln – mit dem Ziel, die Situation zu verbessern. Dabei geht es um Fragen zu Erkrankungen, um die Beschaffung von Informationen und Kenntnisse über staatliche Unterstützung, aber auch um die Zufriedenheit mit Arzt und Krankenhaus oder die Hilfen beim Übersetzen. Umfragen von Münster und ihrer Arbeitsgruppe zufolge ist die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Heilberuflern besonders problematisch. Das beginne bereits bei einer Terminvergabe in Arztpraxen und reiche bis zu bedeutenden inhaltlichen Schwierigkeiten im Gespräch, die im schlimmsten Fall zu Fehldiagnosen führen könnten. Gebärdensprachdolmetscher würden darüber hinaus auch nicht immer gerne hinzugezogen, speziell dann nicht, wenn es um hochsensible, persönliche Themen ginge. Für den spontanen Gang in die Apotheke oder in medizinischen Notfällen stehen Dolmetscher häufig erst gar nicht zur Verfügung.

 

Obwohl die Studie Apotheken nicht direkt miteinbezieht, hätten sie eine wichtige Funktion bei der Versorgung von Gehörlosen, sagt Münster auf Nachfrage der PZ. Beispiel Beipackzettel: Viele gehörlose Personen haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, denn ihre »Muttersprache« ist die Gebärdensprache. Die deutsche Laut- und Schriftsprache hat hingegen eher den Charakter einer mühsam zu erlernenden Fremdsprache, was dazu führt, dass sich Gehörlose schwer tun, komplexe Texte zu lesen und zu verstehen. Wichtige Arzneimittelinformationen des Beipackzettels können so auf der Strecke bleiben. »Daher wäre es wichtig, wenn ein Gehörloser in die Apotheke kommt: Langsam sprechen, dabei denjenigen ständig angucken, wichtige Informationen in kurzen verständlichen Anweisungen aufschreiben«, empfiehlt Münster den Pharmazeuten.

 

Lautlos telefonieren

 

Im Alltag Gehörloser liegt noch viel im Argen. Aber es gibt auch Hilfe: aus dem Bereich der Telekommunikation. Spezielle Services wie Telesign und Tess helfen hörgeschädigten Menschen zunehmend, ein eigenständiges Leben zu führen. Telesign ermöglicht es vor allem tauben und schlecht hörenden Berufstätigen mittels Bildtelefon, einen Gebärdensprachdolmetscher anzurufen. Dieser stellt den Kontakt zum gewünschten Telefon-Teilnehmer her und übersetzt simultan. Telesign eignet sich für kurze Rückfragen, Terminabsprachen und geschäftliche Besprechungen. Wer privat telefonieren will, macht das mit Tess. Morgens einen Arzttermin vereinbaren, mittags Arzneimittel in der Apotheke bestellen oder abends eine Pizza: Der Service ist bis 23 Uhr in Betrieb. Wer die Schriftsprache gut beherrscht, kann hier auch über einen Textchat kommunizieren.

 

Dialog im Stillen

 

Dennoch ist es nicht einfach, ohne gesprochene Worte miteinander zu kommunizieren. Das erfuhr Dr. Andreas Heinecke lange bevor er die Ausstellung »Dialog im Stillen« konzipierte. Heinecke, seit 1995 mit der Wanderausstellung »Dialog im Dunkeln« weltweit aktiv und erfolgreich, bildete damals auch blinde Menschen im Rundfunk zu Dokumentaren und Journalisten aus. Um sich über Beschäftigungsmöglichkeiten für Gehörlose zu erkundigen, bat ihn Monika C., eine gehörlose junge Frau in Begleitung eines Dolmetschers, um ein »Gespräch«. Heinecke, der bis dahin keine Erfahrung mit Gebärdensprache und gehörlosen Menschen hatte, war überrascht, was sich alles durch Handbewegungen ausdrücken ließ. Als ihn Monika C. fragte, ob er aus Freiburg käme, weil er ein »badisches Mundbild« habe, war er nicht nur irritiert darüber, dass es gehörlosen Menschen möglich ist, anhand von Lippenstellung und Mundbewegung festzustellen, aus welchem Teil Deutschlands man kommt. Von nun an wollte er alles wissen, was mit Gehörlosen, ihrer Kultur und Sprache zu tun hatte. Der intensiven Lektüre der einschlägigen Literatur folgten Gebärdensprachkurse, Vokabeln und Grammatik lernen. Deutlich wurde, dass es sich hierbei um ein vollständiges Sprachsystem handelte, das mit Kreativität und theatralischem Ausdruck nichts zu tun hatte.

 

Für den erfahrenen Ausstellungsmacher von »Dialog im Dunkeln« lag es nahe, seine Erfahrungen auf eine »Welt der Stille« zu übertragen. Gemeinsam mit Orna Cohen konzipierte er eine interaktive Ausstellung, bei der gehörlose Menschen mit Schallschutz ausgestattete Besucher durch Räume führen, in denen es keine Geräusche gibt. Die Besucher erlernen Handzeichen, experimentieren mit ihrem Gesichtsausdruck und üben sich in Körper- und Gebärdensprache. Mit den neu erworbenen Kenntnissen soll man sich am Ende des Rundgangs ein Getränk bestellen können. »Die Ausstellung möchte einen Einblick in die faszinierende Sprachkultur von Gehörlosen geben und Vorurteile abbauen«, sagt Heinecke. Gewollt ist ein Rollentausch: Hörende Menschen werden aus ihrer gewohnten Art der Kommunikation herausgelöst, und die Gehörlosen, die aufgrund ihrer Sprachkompetenz kommunikativ überlegen sind, werden zu Botschaftern einer Kultur ohne Geräusche, die keineswegs ärmer, sondern nur »anders« ist. Auch nicht hörende Menschen lernen in der Ausstellung dazu. In Paris, wo »Dialog im Stillen« unter dem Titel »Scènes de Silence« inszeniert wurde, wunderte sich ein gehörloser Mitarbeiter über die ausgeprägte Mimik der Besucher. Bis dahin hatte er in der Metro immer nur Menschen mit einem gefrorenen Gesichtsausdruck gesehen, und so stand für ihn fest: Diese bemitleidenswerten Wesen sind behindert.  /

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