Pharmazeutische Zeitung online
Klinische Pharmazie

Eine Bestandsaufnahme an deutschen Universitäten

24.11.2009
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Von Thilo Bertsche1, 2, Oliver Schwalbe1, 3, Petra Högger1, 4 / Das Fach Klinische Pharmazie wurde mit der Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) im Jahr 2001 Pflicht in der Ausbildung zum Apotheker und fünftes pharmazeutisches Prüfungsfach. Doch wie wird das Fach in der Lehre an den einzelnen Standorten acht Jahre nach seiner Einführung umgesetzt? Hat sich inzwischen ein klares Forschungsprofil etabliert? Diesen Fragen ging die Fachgruppe Klinische Pharmazie der DPhG in einer bundesweiten Befragung nach.

(1) Vorstand der Fachgruppe Klinische Pharmazie der DPhG - Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, DPhG Geschäftsstelle, Hamburger Allee 26-28, 60486 Frankfurt/Main, www.klinische-pharmazie.org (2) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Kooperationseinheit Klinische Pharmazie, Medizinische Klinik (Krehl-Klinik), Im Neuenheimer Feld 410, 69120 Heidelberg, www.KlinischePharmazie.de (Korrespondenz) (3) Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn, Pharmazeutisches Institut, Klinische Pharmazie, An der Immenburg 4, 53121 Bonn, www.klinische-pharmazie.info (4) Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie, Klinische Pharmazie, Am Hubland, 97074 Würzburg, www.pharmazie.uni-wuerzburg.de

PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissenschaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

Der Apothekerberuf hat maßgeblich zu unserem heutigen Standard in der Arzneimittelsicherheit beigetragen. Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und pharmazeutische Qualität standen und stehen im Zentrum der pharmazeutischen Tätigkeit von der Universität, über die pharmazeutische Industrie und den Behörden bis hin zum Krankenhaus und der öffentlichen Apotheke. Die bisherigen Kernfächer im Pharmaziestudium Pharmazeutische Chemie/Medizinische Chemie/Biochemie und Pharmazeutische Biologie sowie die Technologie und Pharmakologie/Toxikologie bilden dabei die unverzichtbare Grundlage in Forschung und Praxis.

In den verschiedenen Facetten des Apothekerberufes ist allerdings in den letzten Jahrzehnten zunehmend der Patient in den Mittelpunkt gerückt. Neue Behandlungsoptionen und besondere Patientengruppen (zum Beispiel ältere Patienten, Frühgeborene) machen das Verordnen und Anwenden von Arzneimitteln zunehmend komplexer und damit anfälliger für Arzneimittelbezogene Probleme. Daher reicht zur Gewährleistung der Therapiesicherheit die Anwendung sicherer und geprüfter Medikamente allein nicht aus. Denn die Patienten nehmen viele Arzneimittel gleichzeitig. Hochwirksame Therapien wurden aus der Verschreibungspflicht entlassen und werden zunehmend in der Selbstmedikation eingenommen. Sonstige Mittel mit tatsächlicher oder vermeintlicher Wirkung werden im Rahmen eines gestiegenen Gesundheitsbewusstseins angewendet. Solche Kombinationen sind dem Arzt bei seiner Therapieentscheidung teilweise nicht bekannt. In der Regel wurden sie allerdings auch in den Zulassungsstudien nicht umfassend auf die tatsächlichen klinischen Konsequenzen untersucht. Außerdem wird zunehmend klar, dass gerade hochwirksame Therapien eine individuell auf den Patienten abgestimmte Therapieauswahl und Dosiseinstellung benötigen. Anhand einfach in der Praxis zu erhebender Marker muss schnell über die richtigen Therapieoptionen entschieden und der Therapieerfolg kontrolliert werden. Nicht zuletzt geht die Anwendung vieler Medikamente mit komplexen Handhabungsschritten einher, die nicht nur für Patienten mit physischen oder mentalen Einschränkungen schwer zu bewältigen sind. Dabei entstehen die Probleme nicht nur für den Patienten selbst, sondern auch für Angehörige oder Mitarbeiter des Pflegedienstes.

 

All diese Aspekte rücken zunehmend neben der Arzneimittelsicherheit die deutlich vielschichtigere Arzneimitteltherapiesicherheit in den Vordergrund.

 

Um Lösungsstrategien für diese Aufgabe zu entwickeln, ist die Klinische Pharmazie prädestiniert. Es besteht sowohl Bedarf an der Erforschung von Problemfeldern als auch in der Umsetzung in die tägliche Routine – sei es im Krankenhaus oder im ambulanten Sektor. Zweifellos müssen die Grundlagen dazu in der Ausbildung gelegt werden. Doch wo steht die Klinische Pharmazie an den Universitäten heute in Forschung und Lehre? Diesen Fragen ging diese aktuelle Erhebung der Fachgruppe Klinische Pharmazie der DPhG nach.

 

Methoden

 

Auf der Mitgliederversammlung der Fachgruppe wurde im Herbst 2008 beschlossen, eine Befragung zur Umsetzung der Klinischen Pharmazie in Deutschland durchzuführen. Vom neu gewählten Vorstand wurde zunächst ein Fragebogenentwurf entwickelt. Dieser basierte auf bisherigen Befragungen und in Workshops erarbeiteten Standards für die Lehre im Fach Klinische Pharmazie (1-4). Eingeschlossen wurden neben Aspekten zur Lehre erstmals auch Aspekte zu Forschung und Struktur am Universitätsstandort. Der Fragebogen wurde in einem mehrstufigen Verfahren unter Einbindung der Fachgruppenmitglieder erarbeitet und anschließend im Frühjahr 2009 an Ansprechpartner für das Fach Klinische Pharmazie an allen Pharmaziestandorten Deutschlands per E-Mail versandt und dort bis zum Herbst 2009 ausgefüllt.

 

Die hier dargestellten Ergebnisse beruhen ausschließlich auf den eigenen Angaben der jeweiligen Hochschulinstitute. Die Ergebnisse werden deskriptiv als Häufigkeiten in absoluten Zahlen/Prozent oder als Median mit Interquartilsabstand (Q25% - Q75%) angegeben.

 

Ergebnisse

 

Datengrundlage

Bis zum 17. September 2009 waren von allen 22 pharmazeutischen Instituten Deutschlands Fragebögen eingegangen und damit ein vollständiger Rücklauf erreicht. Zu einzelnen Fragen wurden vereinzelt keine Angaben gemacht oder konnten keine Angaben gemacht werden (n = Anzahl der zurück erhaltenen Antworten in Klammern).

 

Strukturen an den Universitäten

Die Zahl der Studienanfänger an den Universitäten beläuft sich im Median auf 71 (51-80) im Winter- (n = 22) und 59 (47-74) im Sommersemester (n = 14). Insgesamt sind im Median an den Standorten 492 (385-650) Studierende im Studiengang Pharmazie eingeschrieben (n = 21).

Nur an neun Standorten gibt es nach eigenen Angaben der Hochschulen eine eigenständige Institution für das Fach Klinische Pharmazie (Abbildung 1). In den meisten Fällen ist ein Apotheker die hauptverantwortliche Person für das neue Fach (Abbildung 2). Die Besetzung von Professuren ist für die Klinische Pharmazie entweder abgeschlossen oder in fast einem Drittel der Standorte gar nicht erst vorgesehen (Abbildung 3). Im Rahmen einer Professur für Klinische Pharmazie sind einmal eine W1-Position (Hamburg) und siebenmal eine C3- oder W2-Position (Bonn, Braunschweig, Düsseldorf, Greifswald, Halle-Wittenberg, Marburg, Würzburg) besetzt. Jeweils eine weitere W2-Position wird gerade besetzt (Leipzig) oder ist im Strukturplan vorgesehen (Erlangen). Weiterhin gibt es Hochschuldozenturen oder außerplanmäßige (apl.) Professuren in Kiel, Münster und Mainz. In Berlin, Frankfurt, Freiburg, München, Regensburg, Saarbrücken und Tübingen sind Professorinnen/Professoren anderer pharmazeutischer Fächer auch für die Klinische Pharmazie zuständig. In Jena ist ein Privatdozent mit Schwerpunkt in der Pharmazeutischen Analytik und in Heidelberg ein Nachwuchsgruppenleiter aus der Medizinischen Klinik für das neue Fach verantwortlich.

Im Median bestehen die klinisch-pharmazeutischen Einrichtungen 4,8 (3,9-6,3) Jahre (n = 11). Die verantwortlichen Personen sind im Median 5,1 (4,6-7,1) Jahre mit der hauptverantwortlichen Organisation der Klinischen Pharmazie betraut (Nicht eindeutig defnierte Textangaben wie »seitdem es das Fach gibt« wurden nicht bewertet) (n = 12).

 

Im Median sind 2 (1-2) wissenschaftliche Mitarbeiter/innen in Vollzeit, 3 (2-6) in Teilzeit in den universitären klinisch-pharmazeutischen Bereichen tätig. Im Median sind 1 (1-1) technische Mitarbeiter in Vollzeit und 1 (1-1,5) in Teilzeit beschäftigt. Sonstige Berufgruppen sind im Median mit 1 (1-2) an den Standorten vertreten (n = 18).

 

Forschung

Der Forschungsschwerpunkt der für das Fach Klinische Pharmazie Verantwortlichen liegt in der experimentell pharmakologischen Forschung (Abbildung 4). Die zusätzlichen Forschungsthemen neben dem Forschungsschwerpunkt sind sehr vielfältig und reichen von typisch klinisch-pharmazeutischen Themen wie Arzneimitteltherapiesicherheit, Compliance, Klinische Studien und Pharmazeutischer Betreuung bis hin zu eher patientenfernen Themen wie Arzneipflanzenforschung oder der chemischen Wirkstoffforschung.

Forschungskooperationen in der klinisch-pharmazeutischen Forschung erstrecken sich auf Forschungsverbünde (fünf von n = 17 mit mindestens einer Angabe, Mehrfachnennung möglich), EU-Projekte (1), BMBF-geförderte Projekte (5), universitäre Verbünde (12), außeruniversitäre Verbünde (4), Industrie (7), Medizin/Kliniken (10), Krankenhausapotheken (10), öffentliche Apotheken (6), Krankenkassen (4), Kammern und Verbände (6) sowie sonstige Kooperationen (2).

 

Diplomarbeiten werden an sechs Standorten regelmäßig und an vier vereinzelt angeboten. An 11 Standorten ist – häufig durch die Rahmenbedingungen der jeweiligen Universität vorgegeben – ein Diplomabschluss nicht möglich (keine Angabe: 1). Ingesamt wurden bislang 72 Diplomarbeiten im Fach Klinische Pharmazie abgeschlossen und weitere 12 sind derzeit in Bearbeitung.

 

Regelmäßig werden bislang nur an 11 Standorten Promotionsmöglichkeiten im Fach Klinische Pharmazie angeboten, an weiteren vier besteht vereinzelt ein Angebot zur Dissertation im Fach und an sechs gibt es explizit kein Promotionsangebot (keine Angabe: 1). 44 Promotionen wurden bislang zu einem klinisch-pharmazeutischen Thema abgeschlossen, weitere 51 sind in Arbeit. Nur an fünf Standorten (Bonn, Düsseldorf, Mainz, Münster, Würzburg) wurden bislang insgesamt mehr als fünf Promotionen im Fach Klinische Pharmazie abgeschlossen oder sind derzeit in Arbeit. An sieben Standorten werden auch Doktoranden extern im Fach Klinische Pharmazie betreut; an weiteren acht ist dies vereinzelt der Fall.

An insgesamt drei Standorten sind nach eigenen Angaben der Universitäten Habilitationen im Fach Klinische Pharmazie (Venia legendi Klinische Pharmazie) abgeschlossen (Münster), stehen vor dem Abschluss (Heidelberg) oder werden angestrebt (Bonn).

 

Lehre (Ausbildung Klinische Pharmazie)

Erwartungsgemäß werden von allen Standorten für praktisch alle obligatorischen Module des Curriculums Lehrangebote angegeben. Lediglich das Wahlpflichtfach Klinische Pharmazie wird vereinzelt noch nicht angeboten (Abbildung 5). Dabei unterscheidet sich das Wahlfach Klinische Pharmazie je nach Standort erheblich. Ein Forschungspraktikum zu unmittelbar patientenbezogenen Themen wird an 11, zu anderen Themen an neun Standorten angeboten. An 12 Standorten wird das Wahlpflichtfach auf Station ohne Forschungsvorhaben durchgeführt. In der öffentlichen Apotheke kann an vier Standorten und in der Krankenhausapotheke an drei Standorten das Wahlfach abgeleistet werden (Sonstiges: ein Standort; Mehrfachnennungen möglich).

Nach Angaben der Hochschulinstitute werden überwiegend eigenständige Veranstaltungen angeboten. An allen Standorten sind die Prüfer im Staatsexamen Klinische Pharmazie in die Lehre eingebunden (Abbildung 6). Fallbezogene Fragen werden in Prüfungen in 16 von 22 Standorten regelmäßig gestellt. Eine interdisziplinäre Lehre mit Medizinern findet nur an wenigen Standorten und dann meist nur sporadisch statt. Problemorientiertes Lernen ist die Regel und in zehn Standorten erfolgt die Lehre (zum Beispiel im Seminar Klinische Pharmazie) regelmäßig in Kleingruppen. Hospitationen zum Beispiel in Lehrapotheken sind die große Ausnahme, aber immerhin neun Standorte ermöglichen ihren Studierenden regelmäßig und zehn sporadischen Patientenkontakt. Besonders hervorzuheben ist, dass an zehn Standorten Zusatzveranstaltungen, zum Beispiel Experten-Laien-Kommunikation, Arzneimittelinformationsdienst, Visitenteilnahme oder besondere Lehrvisiten für Pharmaziestudierende angeboten werden.

Viele der Lehrenden haben Lehrerfahrungen in der Humanmedizin sowie in der Fortbildung von Ärzten und Apothekern. Vergleichsweise selten sind Erfahrungen in der Lehre bei anderen Studiengängen wie Public Health. An vielen Standorten sind Referenten aus Krankenhaus, Industrie, Kammern und Verbänden sowie der öffentlichen Apotheke in die Lehre involviert.

 

Fort- und Weiterbildung sowie Dritter Ausbildungsabschnitt

An 12 Standorten besteht die Möglichkeit, eine Weiterbildung zum Fachapotheker abzuschließen. Die Weiterbildungsbefugnisse erstrecken sich auf die Pharmazeutische Analytik (n = 12), Arzneimittelinformation (n = 8) und/oder Klinische Pharmazie (n = 8, Mehrfachnennungen möglich). Neun Standorte sind in das Weiterbildungscurriculum der Bundesapothekerkammer involviert. An neun Standorten besteht eine engmaschige Abstimmung von Inhalten zwischen dem Zweiten und Dritten Ausbildungsabschnitt. 18 Standorte sind an Fortbildungsmaßnahmen zur Klinischen Pharmazie beteiligt und insgesamt werden 101 Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Klinische Pharmazie in Deutschland im Jahr angeboten.

 

Diskussion

 

»Die Klinische Pharmazie ist die Disziplin der Pharmazie, die aufbauend auf pharmazeutisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen die Optimierung der Arzneimitteltherapie am und durch den Patienten zum Inhalt hat«, soweit die Definition der DPhG und der ABDA aus dem Jahre 1997 (5). Zu dieser Zeit hatte man an einigen Standorten bereits mit dem Aufbau erster universitärer Lehrveranstaltungen begonnen. Vereinzelt waren Strukturen zur universitären Darstellung des Faches in Deutschland entstanden oder im Entstehen. Mit der Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) im Jahre 2001 wurde das Fach Klinische Pharmazie verpflichtend im Curriculum des Pharmaziestudiums – und vor allem fünftes Prüfungsfach. Damit war eine wichtige Vorrausetzung geschaffen, das neue Fach auch nachhaltig zu etablieren . Allerdings wurde noch in einer Befragung zur Situation der Klinischen Pharmazie vom März 2004 (1) auf die zögerliche Umsetzung des neuen Faches und das sehr heterogene Bild an den verschiedenen Universitätsstandorten hingewiesen. Damals war nur an 8 von 19 antwortenden Universitäten eine Professur für das Fach realisiert beziehungsweise in Planung (1). Im Vergleich dazu hat sich heute mit 11 ausschließlich für das Fach Klinische Pharmazie bestehenden Professuren/Hochschuldozenturen an einigen Standorten eine strukturelle Verbesserung ergeben.

 

Im Vergleich dazu erscheint die Anzahl der Promotionsmöglichkeiten im Fach hingegen vergleichsweise gering. Nur an fünf Standorten wurden bislang in nennenswerter Anzahl Absolventen im Fach Klinische Pharmazie promoviert. Gleichzeitig lassen die Forschungsschwerpunkte der für das Fach Klinische Pharmazie Hauptverantwortlichen vielerorts keinen direkten Patientenbezug erkennen. Dabei ist dies ein zentraler Bestandteil des neuen Faches. Die immer noch limitierte Forschungsförderung für diesen Bereich steht allerdings der Etablierung patientennaher Forschungsthemen häufig entgegen. Dabei besteht ein erheblicher Bedarf an wirksamen Strategien im Rahmen der Arzneimitteltherapie­sicherheit und klinisch-pharmazeutische Interventionen konnten in diesem Bereich ihren Nutzen bereits unter Beweis stellen (6).

 

Nachdem zwischenzeitlich acht Jahre seit Novellierung der Approbationsordnung vergangen sind, beschäftigt sich ganz aktuell ein Antrag auf dem Deutschen Apothekertag zur momentanen Situation der Klinischen Pharmazie. Die Umsetzung des Faches an deutschen Universitäten sei, so die Ausführungen in der Begründung, aufgrund persönlicher Interessen einzelner Hochschullehrer an den pharmazeutischen Instituten gefährdet und der Aufbau der Klinischen Pharmazie als eigenständiges Fach an der Hochschule würde weiterhin behindert (7). In diesem Kontext wurde auf den Appendixstatus hingewiesen, den das Fach heute immer noch habe. Die übergangsweise übernommenen Lehraufträge durch extern Lehrende oder Lehrende anderer Fachbereiche seien zwar zu begrüßen, die schleppende Etablierung von Professuren wird jedoch als Versäumnis bezeichnet (7). Dabei wurde bereits 2004 und 2005 (2-4, 8) darauf hingewiesen, dass an Standorten ohne Professur für klinische Pharmazie darauf hingewirkt werden soll, eine solche Professur in den Hochschulentwicklungsplan aufzunehmen.

 

Die vorliegende Erhebung zeigt zwar, dass zwischenzeitlich an allen Pharmazie­standorten in Deutschland praktisch alle Lehrveranstaltungen aus dem Stoffgebiet der Klinischen Pharmazie angeboten werden. Die Veranstaltungen sind nach Angaben der Hochschulen größtenteils eigenständig und nicht (mehr) in andere Lehrveranstaltungen integriert. Viele in früheren Statements der Fachgruppe Klinische Pharmazie der DPhG geforderten Standards haben Eingang in die Routine gefunden. Beispielsweise sind alle Prüfer im Fach auch in der Lehre beteiligt. Fallbezogenes Arbeiten wird an vielen Standorten umgesetzt. Der Kontakt mit Patienten und Medizinern und die Verzahnung universitärer Inhalte zwischen Universität und öffentlicher Apotheke sind jedoch noch ausbau­fähig.

 

Die Organisationsstrukturen lassen allerdings dabei durchaus Zweifel aufkommen, ob klinisch-pharmazeutische Inhalte an allen Standorten auf einem wissenschaftlichen Fundament eigener unmittelbar patientenorientierter Forschungstätigkeiten gelehrt werden. Dies sollte allerdings eine Grundvoraussetzung für die Klinische Pharmazie als universitäres Fach sein. Eine interdisziplinäre Einbindung und eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegekräften, und weiteren Berufgruppen wie Psychologen ist für das Fach Klinische Pharmazie essentiell. Dies wurde bereits in früheren Erhebungen als notwendig und sinnvoll herausgestellt. Vielerorts kommt dies heute auch in der Lehre zum Ausdruck. Auch die Einbindung von in der Praxis tätigen Referenten bereichert das Lehrangebot. Allerdings sollte das Fach Klinische Pharmazie in den Kernelementen von forschenden Referenten mit pharmazeutischer Ausbildung gelehrt werden. Denn nur so können Forschungsinhalte der Klinischen Pharmazie aus der Perspektive des Apothekers zur Erkennung und Lösung Arzneimittel-bezogener Probleme auch authentisch vermittelt werden und ist eine spätere Umsetzung in die pharmazeutische Praxis möglich.

 

Limitation

 

Limitierend an dieser Erhebung war, dass die Einschätzung durch die Hochschulinstitute selbst durchgeführt wurde und alle Angaben auf der Selbsteinschätzung der für das Fach Klinische Pharmazie jeweils verantwortlichen Person beruhen.

 

Zusammenfassung

 

An allen Standorten hat sich das Fach in der Lehre etabliert. An immer noch zu wenigen hat sich eine wirklich eigenständige Forschung etabliert. Dies ist jedoch die Basis für eine wissenschaftlich-orientierte Lehre. Die Pharmazie insgesamt braucht das neue Fach. Es eröffnet die Chance, die Brücke zwischen wissenschaftlichen und patientennahen Inhalten zu bauen. Jetzt muss die Chance ergriffen werden, diese Themen den angehenden Apothekerinnen und Apothekern zu vermitteln und Weichen für eine profunde wissenschaftliche Ausbildung im neuen Fach an der Universität zu stellen. Andernfalls werden sich im besten Fall andere seriöse Berufsgruppen um Bereiche wie Arzneimitteltherapiesicherheit, Compliance, Therapieindividualsierung und Patientenberatung kümmern. Im schlimmsten Falle bleibt der Patient alleine mit seinen Arzneimittel-bezogenen Problemen.

 

Danksagungen

 

Wir danken allen deutschen Pharmazie-standorten, dass sie sich ohne Ausnahme der Befragung gestellt haben. Wir danken Georg Hempel sehr herzlich, der uns als früherer Vorsitzender der Fachgruppe mit Rat und Tat bei dieser Erhebung unterstützt hat. /

Literatur

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M. Pfannkuche (2004) Umfrage an den Universitäten – Situation der Klinischen Pharmazie. Student und Praktikant 7/8:61-63,68.

C. Kloft, U. Langer, U. Jaehde, P. Högger, E.S. Dietrich. (2004) Workshop der DPhG–Klinische Pharmazie noch wenig etabliert. Pharm. Ztg. 149:571-575.

A. Karstens, C. Kloft. (2005) Das fünfte Fach im Pharmaziestudium. Dt. Apoth. Ztg. 145:6436-6439.

C. Kloft, U. Langer, U. Jaehde, P. Högger, E.S. Dietrich. (2004) Etablierung der klinischen Pharmazie an den pharmazeutischen Instituten – Status quo im Herbst 2003. Krankenhauspharm. 25:102-106.

U. Jaehde, H.P.T. Ammon (1999) Klinische Pharmazie – eine neue Fachdisziplin an Pharmazeutischen Instituten. DGPT-Forum 25:27-28.

T. Bertsche, M. Schulz, M. Schubert-Zsilavecz. (2009) Klinische Pharmazeuten verbessern die Sicherheit der Arzneimitteltherapie. Dt. Apoth. Ztg. 149:3032-3033.

P. Ditzel (2009) Kommentar: Raus aus dem Schatten der big four: Klinische Pharmazie stärken! Verfügbar unter: www.deutsche-apotheker-zeitung.de/apothekertag/news/2009/09/27/raus-aus-dem-schatten-der-big-four-klinische-pharmazie-staerken.html Aufgerufen am 19.10.2009.

A. Karstens, P. Högger, U. Langer, C. Kloft. (2005) Es gibt immer noch viel zu tun. Pharm. Ztg. 150:2222-2223.

 

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