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Forschungsförderung

Zuckerbrot und Peitsche

24.11.2008
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Forschungsförderung

Zuckerbrot und Peitsche

Von Daniel Rücker

 

Die Bundesregierung will Deutschland wieder zur Apotheke der Welt machen. Sie unterstützt die Pharmaforschung mit viel Geld. Doch nicht alle neuen Medikamente sind willkommen.

 

Es ist noch nicht lange her, da waren sich Bundesregierung und pharmazeutische Hersteller nicht sonderlich grün. Vor allem mit den Biotechnik-Unternehmen tat sich die Politik schwer. Die Gentechnik stand bei Deutschen unter Generalverdacht. Da suchte vor allem die rot-grüne Bundesregierung genauso wie viele Landesregierungen Abstand.

 

Heute ist davon nicht mehr viel zu spüren. Während der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang 2005 noch teurem Rotwein brauchte, um sich in der »Bordeaux-Runde« mit den Interessen der Arzneimittelherstellern auseinander zu setzen, steht die Pharmaforschung bei der großen Koalition hoch im Kurs. Die im Juli 2007 gestartete »Pharma-Initiative für Deutschland« soll Deutschlands Ruf als Apotheke der Welt wieder aufpolieren. »Wir wollen die Pharmaforschung in Deutschland stärken und dafür sorgen, dass neue und innovative Medikamente den Patientinnen und Patienten zugute kommen«, formulierte Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan das Ziel bei der Präsentation des Konzeptes. Die »Lücken in der Wertschöpfungskette« sollten geschlossen werden und alle Stationen auf dem Weg von der Idee bis zum zugelassenen neuen Wirkstoff unterstützt werden.

 

Mit rund 800 Millionen Euro will die Bundesregierung bis 2011 die Pharmaforschung unterstützen. Von dem Geld gehen 100 Millionen Euro in den Strategiewettbewerb Bio-Pharma, 372 Millionen Euro in die Aufklärung von Pathomechanismen, mit 30 Millionen Euro sollen Wissenschaftler bei der Gründung eigener Unternehmen gefördert werden. Die Wirkstoffentwicklung wird mit 50 Millionen Euro unterstützt, die Entwicklung von Biomarkern mit 20 Millionen Euro. Mit weiteren 100 Millionen Euro will die Bundesregierung Kooperationen unter mittelständischen Unternehmen auf den Weg bringen. Für die Verbesserung klinischer Studien und deren Umsetzung in die Praxis sind 160 Millionen Euro verplant. Mit 10 Millionen Euro soll der Pharmastandort allgemein gefördert werden.

 

Als öffentliches Flaggschiff der Pharmainitiative sieht die Bundesregierung den Strategiewettbewerb Bio-Pharma, dessen Gewinner Ende September dieses Jahres gekürt wurden. An dem Wettbewerb konnten sich Konsortien aus Unternehmen, Wissenschaft und Klinik mit einer gemeinsamen Strategie für eine effektive Medikamentenentwicklung beteiligen. Aus insgesamt 37 Bewerbungen wurden drei Konsortien ausgewählt. Für sie stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den nächsten fünf Jahren insgesamt 100 Millionen Euro zur Verfügung.

 

Die Gewinner waren das Max-Planck-Drug-Discovery und Development Center, das Projekten der Max-Planck-Institute den Weg auf dem Markt weisen soll, das auf die Multiple Sklerose fokussierte Konsortium »Neu²« und das Konsortium »Neuroallianz«, das sich mit Diagnostik und Therapie von Alzheimer beschäftigt.

 

Initiative mit Vorbildcharakter

 

Mit dem Bio-Pharma-Wettbewerb hat die Bundesregierung in jedem Fall den Nerv der Industrie getroffen. Die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Cornelia Yzer, sprach anlässlich der Siegerehrung von einer »Initiative mit Vorbildcharakter«. Das BMBF habe sich mit den Wettbewerb als »wichtiger Impulsgeber zur Stärkung des Pharmastandortes Deutschland« gezeigt. Ähnlich positiv äußerten sich der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie, Dr. Richard Ammer, und Carsten Kreklau vom Bundesverband der deutschen Industrie. Entsprechend harmonisch ging es deshalb in der vorletzten Woche bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu (siehe dazu Forschung: Wenig Grund zur Klage).

 

Während es in der »Pharma-Initiative für Deutschland« vor allem um die großen Krankheiten mit vielen Betroffenen geht, kümmert sich das BMBF in einer zweiten Initiative um die seltenen Erkrankungen. Die Geldmittel dafür sind deutlich bescheidener. Mit 80 Millionen Euro sollen in den kommenden zwölf Jahren Forschungsverbünde unterstützt werden, die Therapien für Erkrankungen entwickeln, an denen weniger als 2000 Menschen in Deutschland leiden. »Sowohl die Umsetzung von Ergebnissen der Grundlagenforschung in die klinische Forschung als auch die Umsetzung in die Versorgung der Patienten soll nachhaltig verbessert werden«, sagte Ministerin Schavan bei der Präsentation des Programmes.

 

Der Schulterschluss von Industrie und Bundesregierung mag bei der Arzneistoffforschung eng sein. Bei der Anwendung neuer Arzneimittel sind die Gräben noch längst nicht zugeschüttet. Mit ihrer Gesetzgebung fördert die große Koalition nämlich nur die Entwicklung neuer Arzneistoffe. Den Wissenschaftlern bietet sie Zuckerbrot an, die Vertriebsabteilungen der Pharmaunternehmen bekommen die Peitsche. Der Markterfolg dieser Präparate ginge nämlich zulasten der GKV. Deren Finanzlage ist nicht so, dass dies der Politik egal sein könnte.

 

Deshalb hat die Bundesregierung bislang auch keine Anstalten gemacht, den Einsatz neuer Arzneimittel zu fördern. Im Gegenteil: Mit dem Zweitmeinungsverfahren bei pulmonaler arterieller Hypertonie (PAH) startet die Politik ein neues Instrument, dass den Einsatz innovativer Medikamente ganz sicher nicht fördert. Ab Januar 2009 dürfen PAH-Patienten nur noch dann mit Bosentan, Iloprost, Sildenafil und Sitaxentan behandelt werden, wenn sie ein Spezialist verordnet.

 

Bei der Industrie heftig umstritten ist auch eine noch junge Institution, die neue Arzneimittel in gute und schlechte unterteilt, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Das IQWiG und sein streitbarer Chef, Professor Dr. Peter Sawicki, sollen den Nutzen, und demnächst das Kosten-Nutzen-Verhältnis neuer Arzneimittel bewerten. Die Entscheidung, kurz wirksame Insulinanaloga in der Wirkung mit Humaninsulin gleichzusetzen, wurde von der Industrie sicherlich nicht als Forschungsförderung gesehen.

 

In jedem Fall bleibt festzuhalten, dass der Bundesregierung innovative Medikamente als Exportschlager deutlich lieber sind als neue zumeist hochpreisige Medikamente für gesetzlich Krankenversicherte. Sie will die »Apotheke der Welt« lieber beliefern als dort einkaufen.

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