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Forschung

Wenig Grund zur Klage

25.11.2008
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Forschung

Wenig Grund zur Klage

Von Martina Janning, Berlin

 

Um die medizinische Forschung ist es in Deutschland gut bestellt: Die Regierung fördert sie. Die Pharmaindustrie lobt die Politik dafür. Am Ende sollen personalisierte Arzneien und verträgliche Wirkstoffe stehen, resümierten Experten auf einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

Vor hundert Jahren wurden die Menschen in Deutschland im Durchschnitt 50 Jahre alt. Inzwischen hat ein neugeborenes Kind die Chance, seinen hundertsten Geburtstag zu feiern. Dass sich die Lebenserwartung derart verlängert hat, ist nicht zuletzt auf eine bessere medizinische Versorgung zurückzuführen und auf die Forschung, die ihr vorangeht. Welche Ziele und Perspektiven in der Gesundheitsforschung aktuell eine Rolle spielen, diskutierten Experten vergangene Woche auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller auf einer Konferenz in Berlin.

 

Dabei gab der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Professor Dr. Jörg Hacker, einen Überblick über die aktuellen medizinischen Probleme. Er berichtete, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen abnehmen, aber immer mehr Menschen an psychischen Krankheiten und Krebs leiden. Auch Diabetes sei als Todesursache im Kommen, sagte er. »Infektionskrankheiten spielen zwar in Deutschland keine große Rolle, sind aber weltweit Todesursache Nummer eins.«, erklärte Hacker. Hierzulande sorgen sich Mediziner vor allem wegen der Infektionen in Krankenhäusern und der wachsenden Zahl an Keimen, gegen die Antibiotika nichts mehr ausrichten können. Das Bundeskabinett hat daher Mitte November ein Aktionspaket beschlossen, dass Antibiotika-Resistenzen eindämmen soll.

 

Hacker bemängelte, dass epidemiologische Fragen in Deutschland in den vergangenen Jahren »stiefmütterlich« behandelt worden seien. In anderen Ländern gebe es schon lange Gesundheitsstudien an großen Bevölkerungsgruppen, die Wissenschaftler über Jahre hinweg untersuchen. Solche Analysen entwickelten sich hier erst. Ein Beispiel ist die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen »KIGGS«, in der das Robert-Koch-Institut in drei Jahren 17.641 Jungen und Mädchen untersuchte. Ein Erwachsenensurvey komme demnächst, kündigte Hacker an.

 

Wie es um das Verhältnis der Politik zur Forschung steht, schilderte der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Andreas Storm (CDU). Demnach fördert die Bundesregierung die Gesundheitsforschung aktiv im Rahmen ihrer Hightech-Strategie. Bis zum Jahr 2012 stelle das Bundesforschungsministerium über eine Milliarde Euro dafür bereit, sagte Storm. Das Geld fließt zum Beispiel in Kompetenznetze für einzelne Krankheiten, in die Demenzforschung und das Projekt »Gesundheitsregionen der Zukunft«. Storm verteidigte die Investitionen: »Es ist eine Illusion zu glauben, dass es Kosten spart, wenn wir Forschung importieren«, sagte er.

 

Das Bündeln von Kompetenzen und das Fokussieren auf bestimmte Themen werde zu schnellen Erfolgen führen, kommentierte der Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer (CDU) die Taktik in der Gesundheitsforschung. Ein Punkt bereite aber Probleme: Es dauere rund zehn Jahre, bis Forschungsergebnisse in der Praxis ankämen. Diese Zeit gelte es zu verkürzen, sagte der stellvertretende Vorsitzende der AG Bildung und Forschung der Unionsfraktion im Bundestag. Kretschmer forderte einen Wechsel im Bewusstsein: »Gesundheit kann nicht billiger werden«, betonte er. Wer Spitzenmedizin in Anspruch nehmen will, müsse sich darauf einstellen. »Aus meiner Sicht sind die Krankenkassen das größte Innovationshemmnis.«

 

Die Sichtweise der Pharmaindustrie legte Professor Dr. Andreas Barner aus dem Vorstand des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller dar. Im Jahr 2007 hätten Pharmafirmen in Deutschland 5,4 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben, sagte er. Die Kosten für neue Arzneimittel verursachten der Industrie erhebliche Risiken, viele Entwicklungen kämen letztlich gar nicht auf den Markt. Barner lobte Deutschland jedoch als guten Standort: »Deutschland ist wesentlich besser für Forschung geeignet, als viele Leute behaupten«, sagte der Sprecher von Boehringer Ingelheim. Gleichwohl sei es wichtig, dass das Land sich an internationalen Produktionen beteilige.

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