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Erster Europäischer Präventionstag

Gesund älter werden

26.11.2007
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Erster Europäischer Präventionstag

Gesund älter werden

Von Annette van Gessel, Bonn

 

Weder Politiker noch Krankenversicherer bezweifeln den Sinn von Präventionsmaßnahmen. Diskussionen entbrennen dann, wenn es darum geht, wer sie bezahlen soll. Muss der Staat das Geld aufbringen, die Krankenkassen oder jeder Einzelne? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Ersten Europäischen Präventionstages.

 

»Nach wie vor hat die Prävention in unserer Gesellschaft nicht den Stellenwert, der ihr zusteht«, sagte Dr. Claudia Hennig, Allgemeinmedizinerin mit Schwerpunkt Präventive Medizin und Vorsitzende der Gesellschaft für Prävention (GPeV). Die GPev veranstaltete den Präventionstag im World Conference Center Bonn, dem ehemaligen Bundestag. Dabei kooperierte sie mit der Deutschen und der Europäischen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging-Medizin sowie der Verlagsgruppe medox. Künftig müsse jeder mehr Eigenverantwortung zur Erhaltung seiner Gesundheit übernehmen, so Hennig weiter.

 

Gesundheitssysteme anpassen

 

»Schon allein aufgrund des demografischen Wandels steigt der Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen in naher Zukunft erheblich«, sagte der Schirmherr des Präventionstages, Günter Verheugen, EU-Vizepräsident und EU-Kommissar für Unternehmens- und Industriepolitik. Alle Verantwortlichen müssten daran mitarbeiten, dass die Gesundheitssysteme den neuen Herausforderungen gewachsen sind. »Wir dürfen in der EU jedoch keine Richtung einschlagen, die zu einer privilegierten Medizin für Menschen mit höherem Einkommen führt. Das ist weder wünschenswert noch in einem demokratischen System durchhaltbar«, so Verheugen weiter. Um die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems zu erhalten, müssten die Versicherer Anreize für ein gesundheitsbewussteres Verhalten schaffen.

 

»Auch wir nehmen die derzeitige Entwicklung sehr ernst«, sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. In Deutschland seien beispielsweise 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig und 6 Prozent adipös. »Bis 2020 wollen wir diese Entwicklung stoppen. Daher investieren wir zukünftig in zwei große Bereiche, erstens in die Kinder und zweitens in die älteren Menschen.« Zudem plane ihr Ministerium, bis zu einer Viertel Milliarde Euro in die Gesundheitsberichterstattung zu investieren. Darüber hinaus solle der nationale Aktionsplan »Ernährung und Bewegung« bis zum Frühjahr 2008 fertig sein. Unter anderem würden darin Ziele definiert, um das Übergewicht bei Kindern zu verringern.

 

Als Beispiel für eine erfolgreiche Präventionskampagne nannte Professor Dr. Christos C. Zouboulis von der Freien Universität Berlin, Präsident der European Society of Preventive and Anti-Aging Medicine, die Aufklärung über berufsbedingte Allergien im Friseurhandwerk. Die Kampagne kostete circa 500 Millionen Euro und half innerhalb von zehn Jahren, 1,6 Milliarden Euro einzusparen. Zouboulis forderte ähnliche Kampagnen zum Thema Hautkrebs. Die Behandlungskosten für Hautkrebserkrankungen betrügen vier Milliarden Euro pro Jahr und führten zu einem wirtschaftlichen Schaden von etwa 1,2 Millarden Euro jährlich, so Zouboulis. Der Blick auf diese Zahlen verdeutliche das Einsparpotenzial einer solchen Maßnahme.

 

»Wir müssen mehr Geld für die Aufklärung größerer Bevölkerungsschichten ausgeben«, unterstützte Professor Dr. Dietrich Grönemeyer, Privatuniversität Witten-Herdecke, seinen Kollegen. So fordere er beispielsweise seit Jahren, in den Schulen Gesundheitsunterricht einzuführen.

 

»Wenn diese Zusammenhänge so offensichtlich sind, warum liegt dann das Präventionsgesetz seit drei Jahren auf Eis?«, fragte Dr. Peter Gillies, ehemaliger Chefredakteur der »Welt« und Moderator der Diskussion. Mit dieser Frage bezog er sich auch auf die jüngsten Unstimmigkeiten innerhalb der Koalition. Denn das Bundesgesundheitsministerium plant derzeit einen Gesetzesentwurf, der zur Kostendeckung der Präventionsmaßnahmen die Einrichtung einer Stiftung vorsieht. Finanzieren sollen sie die Sozialversicherungen mit Millionensummen.

 

»Meine Fraktion lehnt diesen Fonds strikt ab«, kommentierte Hermann-Josef Scharf, Mitglied des Bundestags und Berichterstatter gesundheitliche Prävention CDU/CSU. Stattdessen favorisiert die Union einen loseren »Nationalen Präventionsrat«. Und für die Kosten entsprechender Maßnahmen sollten die zuständigen Träger eigenverantwortlich aufkommen. Die Krankenkassen beispielsweise für medizinische Leistungen, die Landesministerien dagegen für die Förderung des Sportunterrichts. »Ich gehe davon aus, dass wir uns in den nächsten Wochen einigen werden«, sagte Scharf.

 

»Prävention ist eine Individualaufgabe, daher Hände weg von einem Präventionsgesetz aus Berlin«, sagte dagegen Detlef Parr, Mitglied des Bundestags und präventionspolitischer Sprecher der FDP. Dieser kontroversen Meinung schloss sich Dr. Volker Leienbach an. Er ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Verbands der Privaten Krankenversicherung, Köln. »Warum«, fragte er, »soll eine Krankenversicherung dazu verpflichtet werden, eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?« Im Gegensatz dazu machte Dr. Johannes Vöcking, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, deutlich: »Wir wollen im eigenen finanziellen Interesse mitmachen, um später Kosten zu sparen.« Vöcking betonte, die Prävention falle in den direkten Aufgabenbereich eines Krankenversicherers.

 

Das Thema Prävention sei viel zu ernst für einen Parteienstreit, bezog ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf Stellung. »Jetzt wird schon seit drei Jahren gestritten, so können wir nicht weitermachen.« Wolf wies darauf hin, dass Apotheker jeden Tag im Sinne der Prävention tätig sind. Als Beispiele nannte er die Verbesserung der Inhalationstechnik bei Asthma- und COPD-Patienten sowie die kontinuierliche Betreuung von Diabetikern. Ferner betonte Wolf, dass Prävention sich gleich mehrfach auszahle. Sie steigere nicht nur die Lebensqualität jedes Einzelnen, sondern reduziere langfristig die Kosten für die Sozialsysteme. Zudem heiße zehn Jahre länger gesund zu sein, in vielen Fällen auch, zehn Jahre länger uneingeschränkt arbeiten zu können. Davon profitierten Arbeitgeber und der Finanzminister.

 

Bedeutsame Rolle der Apotheker

 

In einer weiteren Podiumsdiskussion wies auch Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, darauf hin, dass in Anbetracht des demografischen Wandels die Bedeutung der öffentlichen Apotheken zunehmen werde. Alte Menschen seien auf die wohnortnahe Versorgung sowie die persönliche und fachgerechte Betreuung im Umgang mit Arzneimitteln angewiesen.

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