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Lungenhochdruck

Imatinib drängt Wucherungen zurück

28.11.2006
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Lungenhochdruck

Imatinib drängt Wucherungen zurück

Von Elke Wolf, Frankfurt am Main

 

Bislang ist die Therapie der pulmonalen Hypertonie eine rein symptomatische und zielt auf die Gefäßerweiterung mit Vasodilatoren ab. Das könnte sich bald ändern. Die Hoffnungen ruhen auf Imatinib, einem Zytostatikum, das Gewebswucherungen eindämmt.

 

Bei der pulmonalen Hypertonie, kurz Lungenhochdruck genannt, verengen und versteifen sich nach und nach die Blutgefäße in der Lunge. Es kommt zum Remodelling, also zum chronischen Umbau der Gefäßwände. »Letztlich kommt dieser Vorgang einer Arteriosklerose der Lungengefäße gleich«, erklärte Professor Dr. Ardeschir Ghofrani von der Universitätsklinik Gießen auf einem Patiententreffen des Vereins Pulmonale Hypertonie in Frankfurt am Main. Die Folgen liegen auf der Hand: Der entstehende Widerstand bedingt einen Bluthochdruck zwischen Herz und Lunge und mündet nicht selten in einer Sauerstoffunterversorgung der Organe und Muskeln. Das rechte Herz passt sich zunächst dem Druckanstieg an. Der Herzmuskel verdichtet, das rechte Herz vergrößert sich. Unbehandelt dauert der Krankheitsverlauf drei bis fünf Jahre und endet im Rechtsherzversagen, der häufigsten Todesursache von Patienten mit schwerem Lungenhochdruck.

 

Ursachen für dieses Krankheitsbild gibt es viele, auch wenn sie nicht in allen Details aufgeklärt sind. Neben den idiopathischen Formen kann eine pulmonale Hypertonie als Folge anderer Krankheiten auftreten und zum Beispiel mit chronischen Lungenkrankheiten assoziiert sein oder im Zusammenhang mit angeborenen Herzfehlern, Kollagenosen oder HIV-Infektionen auftreten. Bei bestimmten Formen wird eine genetische Disposition angenommen. Immunologische Besonderheiten sind häufig nachweisbar, ihre medizinische Bedeutung ist aber unklar.

 

Noch vor zehn Jahren bedeutete die Diagnose pulmonale Hypertonie das Todesurteil. Für die Betroffenen gab es praktisch keine Behandlungsmöglichkeiten, und die Patienten starben im Durchschnitt nach knapp drei Jahren. Das hat sich gewandelt. »Aus einer auswegslosen Erkrankung, bei der bestenfalls eine Lungentransplantation helfen konnte, ist eine Krankheit geworden, bei der den Betroffenen durch eine gezielte Therapie ein Leben mit deutlich verbesserter Lebensqualität und Belastbarkeit ermöglicht wird«, zog Privatdozentin Dr. Heinrike Wilkens, Homburg, Bilanz. Neben Basismaßnahmen wie körperlicher Schonung, regelmäßiger Sauerstoffversorgung und Phenprocoumon-Gaben verbessern Vasodilatoren, die die stark verengten Lungenarterien weiten, die Lebenserwartung. Dazu zählen die Prostazyklin-Analoga Epoprostenol, Iloprost und Trepostinil, der Endothelinrezeptorantagonist Bosentan sowie der Phosphodiesterase-5-Hemmer Sildenafil.

 

Dennoch: »Die Proliferation der Gefäße kann derzeit kein zugelassenes Arzneimittel beeinflussen«, wertete Ghofrani. Umso interessanter seien die Beobachtungen einer Arbeitsgruppe am Lungenforschungszentrum in Gießen. Diese entdeckten Analogien zwischen den Wachstumsprozessen bei bösartigen Tumorerkrankungen und jenen in den Gefäßen von Lungenhochdruckpatienten. So wachsen bösartige Tumoren unkontrolliert und infiltrativ in umgebendes Gewebe. Die Apoptose, der programmierte Zelltod, ist bei Tumorzellen ausgeschaltet und lässt Zellen ungehemmt teilen und wuchern. Der Tyrosinkinasehemmer Imatinib ist in der Lage, den programmierten Zelltod im Tumorgewebe zu reaktivieren. In der Folge »schmilzt« Tumorgewebe ein.

 

Was vermag der Arzneistoff nun in der Lunge auszurichten? Die Gießener Lungenforscher konnten ähnliche Effekte für Imatinib auch bei gutartigen Gewebewucherungen in Gefäßen und Atemwegen bei chronischen Lungen- und Kreislauferkrankungen nachweisen. Ghofrani: »Die Gefäßwände normalisierten sich komplett durch geordneten Rückzug von wuchernden Zellen.« Derzeitiger Stand der Forscherdinge: Eine placebokontrollierte Multicenterstudie untersucht die klinische Wirksamkeit dieser potenziell kausalen Therapie mit Imatinib. »Dieses Reverse Remodelling wäre ein komplett neues Therapiekonzept, weil es ursächlich in den Krankheitsverlauf eingreift.«

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