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HIV-Beratung

»Gemeinsam sind wir stark«

28.11.2006
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HIV-Beratung

»Gemeinsam sind wir stark«

Von Sven Siebenand, Frankfurt am Main

 

Bereits mehr als 40 Apotheken haben sich bundesweit in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der HIV-kompetenten Apotheken (DAHKA) zusammengeschlossen. Im Interview mit der PZ informieren Vorstandsmitglied Erik Tenberken und Vereinsmitglied Claudia Paschen über die Aktivitäten und Ziele des Vereins.

 

PZ: Wie entstand die Idee, einen Verein für Apotheken zu gründen, die sich in der Versorgung von HIV- und Aids-Patienten engagieren?

Tenberken: HIV- und Aids-Patienten sind üblicherweise mit einem enormen Wissenshunger ausgestattet. Keine andere Patientengruppe ist derart gut aufgeklärt und somit auch anspruchsvoll, was die Beratung betrifft. Die Patienten merken daher sofort, wenn man nicht Bescheid weiß. In erster Linie müssen sich die Apothekenmitarbeiter daher fort- und weiterbilden auf diesem Gebiet. Die Keimzelle der DAHKA-Apotheken liegt in Berlin und Köln. Danach kamen Apotheken aus Hamburg, Frankfurt, München und weiteren Städten hinzu. Wir sind sehr stolz, dass auch eine Wiener Apotheke zu uns gehört, die den Großteil der Patienten in Österreich versorgt. Dort ist die Spezialisierung weiter fortgeschritten.

 

Durch den Zusammenschluss ist ein besserer Erfahrungsaustausch mit den Kollegen möglich. Qualität und Know-how können gebündelt werden, was letztendlich allen zugute kommt: den Patienten, dem Gesundheitswesen und den Apotheken.

 

PZ: Welche Kriterien erfüllen die DAHKA-Apotheken?

Tenberken: Der Großteil der teilnehmenden Apotheken hat bereits ein Qualitätsmanagement-System beziehungsweise ist gerade dabei, eines zu implementieren. Zudem haben wir uns auf Beratungsstandards geeinigt und verpflichten uns zu regelmäßigen Fortbildungen. Vier externe und vier interne Fortbildungen pro Jahr sind vereinbart. Beispielsweise bietet die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (DAGNÄ) eine große und weitere regionale Fortbildungen an.

 

Die Klammer, die die teilnehmenden Apotheken zusammenhält, ist ferner durch gemeinsame Patientenbroschüren gegeben. Trotz dieser Vereinbarungen sind nicht alle Apotheken gleichgeschaltet. Aufbauend auf den Beratungsstandards hat jede Apotheke die Möglichkeit, eigene Serviceleistungen anzubieten.

 

PZ: Was für Angebote sind das zum Beispiel?

Tenberken: In meiner Apotheke bieten wir zum Beispiel Patientenseminare an. Diese tragen merklich zur Verbesserung der Compliance bei. Einige Apotheken bieten zudem auch die Bioelektrische-Impedanz-Analyse, kurz BIA-Messung, an. Die Patienten haben große Angst vor Stigmatisierung durch Lipoatrophie und -dystrophie, vor allem im Gesicht. Diese Methode zur Messung des Körperfettes gibt den Betroffenen zumindest eine gewisse Sicherheit, da sie schneller reagieren können.

HIV-kompetente Apotheken

Im Mai 2002 wurde die Deutsche Arbeitsgemeinschaft der HIV-kompetenten Apotheken, kurz DAHKA, gegründet. Bundesweit sind bereits mehr als 40 Apotheken Mitglied der DAHKA. Ziele des Vereins sind unter anderem die Verbesserung der Beratung von HIV-positiven Patienten, die Weiterbildung des Personals auf dem Gebiet HIV und Aids, die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Apotheker und Arzt beziehungsweise Institutionen des Gesundheitswesens sowie die Interessenvertretung gegenüber Behörden und Krankenkassen. Interessierte können sich unter www.dahka.de über den Verein informieren und finden dort auch Hinweise zur Mitgliedschaft.

PZ: Welche weiteren Serviceleistungen bieten Sie den Patienten an?

Paschen: Beratungsschwerpunkte sind zum Beispiel der Interaktions-Check (vor allem auch Wechselwirkungen, die vom Computersystem nicht erfasst werden), Nebenwirkungsmanagement, Ernährungsstrategien, Integration der fortlaufenden Therapie in den Alltag und die Unterstützung in sozialen Fragen.

 

Besonderes Augenmerk gilt selbstverständlich möglichen Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen. Auch Phytopharmaka wie Johanniskraut, möglicherweise auch Echinacea, Baldrian, Knoblauch sowie Ginseng und vor allem auch Grapefruitsaft besitzen Interaktionspotenzial. In Zusammenarbeit mit zwei HIV-Schwerpunktärzten habe ich eine Übersicht wichtiger Wechselwirkungen in der HIV-Therapie erstellt. Diese stelle ich anderen interessierten Apotheken gerne zur Verfügung. In meiner Apotheke füllen wir gemeinsam mit dem Patienten einen Erstbefragungsbogen aus, auch HIV-Tagebücher geben wir an die Patienten aus.

 

Tenberken: Zum Service gehört natürlich auch, dass wir die Patienten jederzeit über Neuigkeiten informieren. Beispielsweise war der mit Ritonavir verstärkte Proteasehemmer Lopinavir, Kaletra®, eine Zeit lang sowohl als Kapsel als auch als Tablette auf dem Markt. Die Kapseln mussten im Kühlschrank aufbewahrt werden, die neuen Tabletten nicht. Auch die Dosis hat sich geändert: Für die Kapseln galt zweimal drei täglich, für die Tabletten nur noch zweimal zwei. Solche Änderungen müssen kommuniziert werden.

 

PZ: Wie sieht die Ernährungsberatung aus, die Sie angesprochen haben?

Paschen: Bei HIV-Positiven kann zum Beispiel der Eiweißbedarf die empfohlene Eiweißzufuhr von Gesunden übersteigen. Denn mit steigender Viruslast entzieht das Virus dem Körper Eiweißbausteine für die eigene Vermehrung. Wir geben dem Patienten Hilfestellungen an die Hand, um die Eiweißquellen richtig zu kombinieren. Anhand von konkreten Lebensmittelbeispielen stellen wir ihnen günstige Eiweiß-Kombinationen vor. Generell versuchen wir, Mängel erst mal über die Nahrung abzudecken. Wenn das nicht gelingt, kann gezielt supplementiert werden. Ich denke da zum Beispiel an die B-Vitamine und Vitamin C als typische Mangel-Vitamine bei HIV- und Aids-Patienten. Allerdings sollte die Vitamin-C-Dosis deutlich unter einem Gramm pro Tag liegen, da es Hinweise auf mögliche Wechselwirkungen mit HIV-Medikamenten gibt.

 

PZ: Als weiteren Beratungsschwerpunkt sprachen Sie auch die Unterstützung in sozialen Fragen an. Können Sie das an Beispielen verdeutlichen?

Paschen: Ganz wichtig ist zum Beispiel, dass die DAHKA-Apotheken ein HIV-Netzwerk um sich herum aufgebaut haben. Wir haben gute Kontakte zu den Aidshilfen und anderen Organisationen rund um das Thema HIV und Aids und können sofort Ansprechpartner benennen. Zudem kennen wir die HIV-Schwerpunktpraxen.

 

Tenberken: Wir sind nicht nur kompetenter Berater, wenn es um Fragen der Arzneimittelsicherheit geht, sondern auch Partner in allen Lebenslagen. Indem wir die Lebensgewohnheiten erfragen, können wir zum Beispiel gemeinsam mit dem Patienten überlegen, wie er die Therapie möglichst schonend in den Alltag einbauen kann. Die Patienten merken so sehr schnell, dass sie dadurch eine Art Lebenshilfe bekommen. Als unsere Aufgabe verstehen wir auch, den Patienten immer wieder die Notwendigkeit der Tabletteneinnahme deutlich zu machen. Denn Non-Compliance kann verheerende Folgen haben. Eine Compliance-Rate von mehr als 95 Prozent muss erreicht werden, um den Therapieerfolg langfristig zu sichern. Unter 95 Prozent steigt das Resistenz-Risiko deutlich an. Von hoher Compliance profitiert nicht nur der Patient. Denn Folgekosten, zum Beispiel aufgrund opportunistischer Infektionen, belasten das Gesundheitssystem.

 

PZ: Wie sehen Sie die Perspektiven für DAHKA in diesem sich verändernden Gesundheitssystem?

Tenberken: Wir haben scheinbar keine andere Wahl und müssen die Dinge bewältigen, die uns der Gesetzgeber zukünftig auferlegt. An erster Stelle darf der Patient dabei nicht zu kurz kommen, aber auch die Apotheken müssen wirtschaftlich irgendwie klarkommen. Mit der Marke DAHKA sind wir auf dem richtigen Weg. Ich würde mir wünschen, dass noch weitere Apotheken dem Verein beitreten. Denn: Gemeinsam sind wir stark. Je mehr wir sind, desto mehr werden wir etwa von Krankenkassen und anderen Playern im Gesundheitswesen ernst genommen, zum Beispiel wenn es um Vertragsabschlüsse geht. Schon heute haben wir zu einigen Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen einen guten Kontakt. Sie treten zum Beispiel bei Fragen zu HIV-Verordnungen an uns heran.

 

Mit Qualitätsvereinen wie DAHKA, die übrigens auch bei anderen Krankheitsbildern möglich sind, können die Apotheken zeigen, dass sie nicht überflüssig sind und gebraucht werden. Unsere Gruppe zeigt exemplarisch, dass Apotheker keine Schubladenzieher sind. Das stärkt das Image des gesamten Berufstandes.

 

 

Kontakt:

Erik Tenberken: tenberken(at)birkenapotheke.de

Claudia Paschen: paschen(at)eichwald-apotheke.de

Mit HIV gegen HIV

Vorläufige Tests von Wissenschaftlern der Universität von Pennsylvania ergaben, dass HIV-Infektionen durch eine unschädliche Version des Virus selbst behandelt werden können (PNAS-Online). Dabei verfügt das veränderte Virus über zusätzliches genetisches Material, das die Reproduktion von HIV blockiert. In der Folge stabilisierten sich die HIV-Werte im Blut der Patienten oder sanken.

 

Das Team um Carl June behandelte fünf HIV-Patienten, die auf mindestens zwei Therapien mit antiretroviralen Medikamenten nicht angesprochen hatten. Die Probanden erhielten eine einzelne Infusion ihrer eigenen CD4-Zellen. Die Zellen waren zuvor aus dem Blut herausgefiltert worden, gereinigt und gentechnisch verändert. Dabei wurden die Zellen derart verändert, dass anstelle der pathogenen Gene Antisense-Gene eingebaut wurden, die die HIV-Reproduktion verhindern. Die »zurück infundierten« CD4-Zellen sollten nun zum einen die Vermehrung der HI-Viren unterdrücken und zum anderen das Immunsystem der HIV-Patienten stärken.

 

Bei vier der fünf Behandelten blieb die Anzahl der T-Zellen konstant oder verbesserte sich. Die Forscher betonen jedoch, dass eine Phase-I-Studie keinen Wirksamkeitsnachweis erbringe. Begonnen wurden nun zwei Phase-II-Studien, deren Ergebnisse im nächsten Jahr vorliegen sollen.

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