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Deutschlands reife Mütter

29.11.2005
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Deutschlands reife Mütter

dpa / Der Trend zur späten Geburt ist in Deutschland unübersehbar. Jede fünfte Frau ist mittlerweile bei der Geburt ihres ersten Kindes älter als 35. Das hat Folgen: Die Zahl der Frühgeburten und Kaiserschnitte nimmt - trotz immer besserer Schwangerenvorsorge - deutlich zu.

 

»Wir kaufen uns mit zunehmendem Alter auch Probleme ein«, sagt Professor Dr. Klaus Vetter vom Vivantes Klinikum Neukölln, Präsident des 22. Deutschen Kongresses für Perinatale Medizin in Berlin. Im höheren Alter der Mütter liegt - zumindest medizinisch gesehen - auch ein höheres Risiko. »Ältere Frauen werden schwerer schwanger, brauchen gegebenenfalls hormonelle Unterstützung oder gar künstliche Befruchtung und dadurch steigt die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften«, sagt Vetter. Zwillinge oder gar Drillinge werden aber häufig zu früh geboren. Mindestens ein Drittel aller Frühchen, also Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden, holt der Arzt vorzeitig auf die Welt, weil der Mutter oder dem Baby gesundheitliche Gefahren drohen.

 

Ein weiteres Problem ist, dass nach wie vor viele Frauen während der Schwangerschaft rauchen und trinken. Professor Dr. Joachim Dudenhausen, Leiter der Frauenheilkunde an der Berliner Charité, nennt die Zahlen »erschreckend«: Seinen Angaben zufolge raucht in Berlin ein Viertel der Schwangeren und neun Prozent trinken regelmäßig Alkohol. Nach Schätzungen der Bundesärztekammer werden jährlich rund 35 Millionen Euro allein für Frühgeburten aufgewendet, die sich auf das Rauchen zurückführen lassen. Insgesamt werden die Kosten in Deutschland dafür auf jährlich 750 Millionen Euro geschätzt.

 

Diesen Mini-Babys, die manchmal in Größe 32 passen, während ein 40-Wochen-Kind mindestens 56 hat, wird eine aufwendige medizinische Hilfe zuteil. »Auch hier liegt ein Grund für die steigende Anzahl der Frühgeburten - ihre Behandlung beginnt an einem ganz anderen Punkt. Wir zählen heute Kinder mit, die früher gar keine Chance gehabt hätten«, sagt Vetter. So habe vor 25 Jahren die Gewichtsgrenze für ein Baby, dem Überlebenschancen eingeräumt wurden, bei 1000 bis 1200 Gramm gelegen. Mittlerweile werden auch 500-Gramm-Babys hochgepäppelt.

 

Daher lag die Frühgeburtsrate 2003 trotz besserer Vorsorge bei fast 9 Prozent, 1992 waren es 7,2 Prozent. Auch die Zahl der Kaiserschnitte stieg, unter anderem aus diesem Grund, von knapp 150.000 im Jahr 1998 auf mehr als 175.000 in 2003, obwohl insgesamt weniger Kinder zur Welt kamen.

 

Um die ganz Kleinen optimal zu betreuen, soll es nach Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses von Januar 2006 an eine neue Versorgungsstruktur geben. »Geburten der höchsten Risikostufe« werden dann nicht mehr flächendeckend, sondern konzentriert an bestimmten Zentren betreut. »In Deutschland wird es schätzungsweise 80 bis 100 solcher Zentren der höchsten Versorgungsstufe geben. Gut 1 Prozent der Mütter ist davon betroffen«, sagt Vetter. 80 bis 90 Prozent der werdenden Mütter hingegen seien in einer normalen Geburtsklinik rundum gut versorgt.

 

Einfühlsame Betreuung der Schwangeren ist für Vetter dabei ein zentraler Punkt. Auch viele Kaiserschnitte seien zu vermeiden, wenn die Frauen genügend aufgeklärt seien und Vertrauen zum Arzt haben.

 

Die Bezeichnung »Wunschkaiserschnitt« möchte der Gynäkologe deshalb tunlichst vermeiden. »Es gibt nur Kaiserschnitte aus gutem Grund, zum Beispiel aus Angst oder wegen mangelnder Informationen«, sagt er. »Wir müssen offen beraten und dabei erkennen, wie wichtig der Frau die Geburt als biografisches Ereignis ist.«

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