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DPhG

»Wir brauchen mehr Nachwuchsforscher«

18.11.2015
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Von Kerstin A. Gräfe und Daniel Rücker / Professor Dr. Stefan Laufer steht ab Januar 2016 an der Spitze der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Der Tübinger Professor für Pharmazeutische Chemie will sich in seiner Amtszeit dafür einsetzen, dass mehr junge Pharmazeuten eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen.

PZ: Vor gut zwei Jahren hat die DPhG ihr Konzept Pharmazie 2020 vorgestellt. Bis dahin sind es noch knapp fünf Jahre. Wie weit sind Sie gekommen?

 

Laufer: Wir kommen gut voran. Die Pharmazeutische Chemie hat ihr Konzept schon vor einem Jahr abgeschlossen, die Biologie ist kurz davor, die Technologie und die Pharmakologie haben noch ein wenig Arbeit vor sich, sind aber auch absolut im Zeitplan.

 

PZ: Wie muss man sich das Zusammenspiel der einzelnen Disziplinen vorstellen?

 

Laufer: Vor vier Jahren hat der DPhG-Vorstand einen wissenschaftlichen Beirat gegründet. Die Fachgebiete haben für diesen Beirat jeweils ein bis zwei Personen abgestellt. In dem Gremium werden die einzelnen Konzepte der Disziplinen vorgestellt, diskutiert, mit allen Beteiligten abgestimmt und dann auf der Website veröffentlicht.

 

PZ: Was sind die wesentlichen Elemente von Pharmazie 2020?

 

Laufer: Die Pharmazie ist eine vorwärtsgewandte Wissenschaft, die einem kontinuierlichen Wandel unterliegt, weil sich die Grundlagen und die wissenschaftlichen Voraussetzungen, die für die Ausübung des Apotheker­berufs wichtig sind, ebenfalls ändern. Ein Beispiel dafür ist die Pharmazeutische Analytik. Sie war vor 30 Jahren ein ganz wesentliches Element der Pharmazie, heute ist sie fast vernachlässigbar. Dafür wird die Gendiagnostik immer bedeutender. Es ist absehbar, dass in Zukunft die Genotypisierung bei der Auswahl von Arzneimitteln große Bedeutung haben wird. Als DPhG wollen wir nicht nur den aktuellen Stand der Wissenschaft beschreiben, sondern vor allem auch darstellen, wie sich die Pharmazie in der Zukunft verändert. Das ist auch durchaus machbar, da uns die Medikamente, die in fünf oder zehn Jahren auf den Markt kommen, bereits jetzt schon bekannt sind. Hintergrund ist der lange Weg bis zur Zulassung.

 

PZ: Ein Aspekt bei Pharmazie 2020 ist die bessere Vernetzung pharmazeutischer Forschung mit der anderer Naturwissenschaften und der Medizin. Wie weit sind Sie damit vorangekommen?

 

Laufer: Die Zusammenarbeit mit anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen war lange Zeit unzureichend, weil sich die Pharmazie in der Forschung und vor allem in der Lehre isoliert hat. Das hat sich an den starken Forschungsstandorten aber geändert. Dort haben die Universitäten Druck auf die Pharmazie ausgeübt. Heute sind Forschungskooperationen mit anderen naturwissenschaftlichen Instituten eine Selbstverständlichkeit. Von meinen Forschungsprojekten mit anderen Arbeitsgruppen sind die wenigsten Kooperation mit weiteren Pharmazeuten.

 

PZ: Sie haben sich für Ihre Amtszeit unter anderem die Themen Hochschulpharmazie, Nachwuchsförderung in der Wissenschaft und die Fortbildungsoffensive für Offizin-Apotheker herausgesucht. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

 

Laufer: Wir haben heute zu wenige Nachwuchsforscher, also Habilitanden oder junge Professoren. Das erkennt man daran, dass wir Jahr für Jahr große pharmazeutische Lehrstühle mit Nicht-Pharmazeuten besetzen müssen, weil wir selbst nicht genug qualifizierten Nachwuchs dafür haben. Damit kein Missverständnis entsteht: Unsere Leute sind gut, aber es sind insgesamt zu wenige. Deshalb werden die Lehrstühle dann von Medizinern, Chemikern oder Biologen besetzt, die zwar hoch qualifiziert sind, aber eben keine Pharmazeuten. Auf diesem Weg verlieren wir wichtige Positionen an andere Naturwissenschaften.

 

PZ: Was ist der Grund für die Zurückhaltung der Pharmazeuten? Ist die Universität unattraktiver als früher?

 

Laufer: Ja, auf jeden Fall. Die Strukturen sind für junge Forscher extrem schlecht. Viele haben erst mit 40 Jahren einen festen Arbeitsvertrag, andere bekommen ihn nie. Biologen oder Physiker sind noch eher dazu bereit, das zu akzeptieren. Für Apotheker gilt dies nicht, denn sie haben bessere Alternativen. Sie können in die pharmazeutische Industrie gehen oder in die öffentliche Apotheke. Das sind in der Regel gut dotierte Arbeitsplätze. Diese Möglichkeit haben andere Naturwissenschaftler nicht, deshalb bleiben sie an der Uni, deshalb fangen mehr eine Habilitation an.

 

PZ: Gibt es einen Weg, die Hochschulkarriere für Pharmazeuten attraktiver zu machen?

 

Laufer: Ja, Stipendien, Habilitanden-Foren, ein Karriere-Coaching oder reservierte Slots für Habilitanden auf wissenschaftlichen Veranstaltungen wären ein Weg, die Hochschulkarriere attraktiver zu machen. Auslandsstipendien wären sicherlich auch ein Anreiz oder eine Unterstützung bei der Akquise von Drittmitteln.

 

PZ: Die DPhG sagt, es gibt zu wenige Habilitanden, die ABDA sorgt sich um den Nachwuchsmangel bei Offizin-Apothekern. Gibt es einen berufsinternen Wettbewerb um junge Apotheker?

 

Laufer: Ja, aber die Wissenschaft ist nicht der Gewinner. Wenn Sie sehen, wie viel ein Apothekenleiter verdienen kann und wie viel ein Hochschulprofessor, dann kann es keinen Wettbewerb geben. Ich wäre schon froh, wenn 20 Prozent der jungen Apotheker eine wissenschaftliche Karriere anstrebten. Aber das verhindert auch die pharmazeutische Industrie. Das Jahresgehalt eines promovierten Pharmazeuten in der Industrie liegt weit über dem eines Hochschul-Pharmazeuten.

 

PZ: Was halten Sie vom Perspektivpapier 2030?

 

Laufer: Wir haben uns damit auseinandergesetzt und auch mit der ABDA da­rüber diskutiert. Die Inhalte sind mir durchaus präsent. Die DPhG sieht es als eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Zukunft. Ich kann alles, was im Perspektivpapier steht, so unterschreiben. Es ist aber zu wenig konkret.

 

PZ: Sind Sie als Hochschullehrer ausreichend eingebunden?

 

Laufer: Mittlerweile schon. Wir werden durchaus gehört.

 

PZ: Mit dem Perspektivpapier ist auch eine Diskussion über die universitäre Ausbildung aufgekommen. Die Offizin-Apotheker wünschen sich hier eine stärkere Praxisorientierung. Was halten Sie davon?

 

Laufer: Eine größere Praxisnähe unterstütze ich, allerdings nicht in acht Semestern an der Uni. Die universitäre Ausbildung umfasst rund 3262 Stunden. Das praktische Jahr hat einen größeren Anteil an der gesamten Ausbildung. Deshalb gehören dort Themen wie Beratungsgespräche hin, das passt nicht an die Universität.

 

PZ: Wie zufrieden sind Sie mit der universitären Ausbildung?

 

Laufer: Die Lehr- und Prüfungsinhalte der Staatsexamens-Fächer sind extrem reglementiert, mehr als alle anderen Studiengänge. In der Konsequenz hinken wir deshalb immer hinter dem wissenschaftlichen Fortschritt hinterher. Einiges von dem, was vorgeschrieben ist, gehört eigentlich in die Pharmaziegeschichte. Wir müssten mehr aktuelle Themen aufgreifen.

 

PZ: Wie wichtig ist für Sie die Klinische Pharmazie?

 

Laufer: Die Inhalte der Klinischen Pharmazie unterstütze ich, ebenso wie dies die DPhG als Institution tut. So viel Neues, wie oft kolportiert wird, bietet sie aber nicht. Wir haben in Tübingen die neue und die alte Approbationsordnung miteinander verglichen. Mehr als 80 Prozent der Inhalte aus der Klinischen Pharmazie fanden sich bereits in der alten Approbationsordnung. Das spricht nicht gegen die Klinische Pharmazie, relativiert aber die Notwendigkeit, zwingend und sofort eigene Lehrstühle für das Fach zu schaffen. Hier kann zunächst standortspezifisch unter Berücksichtigung der örtlichen Expertisen verfahren werden.

 

PZ: Ihre Amtszeit dauert vier Jahre. Was wäre für Sie der größte Erfolg?

 

Laufer: Es wäre ein toller Erfolg, wenn wir dann stabil über 10 000 Mitglieder haben. Es würde mich auch freuen, wenn unsere Jahrestagung weiter so boomt wie in den vergangenen drei Jahren. /

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