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Frühgeborene

Zu klein für diese Welt

19.11.2014
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Von Annette Mende, Berlin / Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, sind für das Überleben außerhalb des Mutterleibs noch nicht vollständig gewappnet. Die Perinatalmedizin kann mittlerweile den meisten von ihnen das Leben retten. Dennoch ließe sich die Versorgung von Frühchen vielerorts noch verbessern.

40 Wochen hat ein Baby normalerweise Zeit, um sich im Bauch der Mutter zu entwickeln. Kommt es drei oder mehr Wochen eher auf die Welt, spricht man von einer Frühgeburt. Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2010 trifft das in Deutschland auf etwa 9 Prozent der Geburten zu, was im internationalen Vergleich einen Platz im Mittelfeld bedeutet. Die Spanne reicht von 18 Prozent in Malawi bis 6 Prozent in Skandinavien.

 

Darm und Lungen müssen funktionieren

Frühgeborenen drohen vielfältige gesundheitliche Risiken, wie auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) in Berlin zum Weltfrühgeborenentag am 13. November deutlich wurde. Organfunktionen wie selbstständige Atmung, Temperaturregulation, Kreislauf und Stoffwechsel sind oft noch nicht ausgereift und stabil. »Lungen und Darm müssen schon funktionieren, obwohl sie dafür noch nicht reif genug sind«, sagte DGKCH-Präsident Professor Dr. Bernd Tillig vom Vivantes Klinikum Neukölln.

 

Störungen der Darmfunktion sind denn auch die häufigste Indikation für eine Operation bei Frühgeborenen. Das können Störungen der Passage oder der Durchblutung sein, Verdrehungen oder Infektionen. Bei der Operation von Frühgeborenen seien bestimmte Regeln zu beachten, so Tillig. »Wir müssen bedenken, dass allein schon auf der Welt zu sein, für die Kinder eine Stresssituation bedeutet. Den zusätzlichen Stress durch die Operation müssen wir daher so gering wie möglich halten.« Möglichst atraumatisch und kurz müssten Operationen an Frühgeborenen deshalb ablaufen. Dazu brauche es Operateure und Anästhesisten mit entsprechender Erfahrung.

 

Die Überlebenschancen für zu früh geborene Kinder haben sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark verbessert, wie Professor Dr. Gerhard Jorch von der Universitätsklinik Magdeburg mit Blick auf die Anfänge seiner beruflichen Laufbahn berichtete. »Vor 37 Jahren haben wir in der Neonato­logie auch schon Frühgeborene unter 1000 g behandelt. Es überlebte aber nur eines von zehn. Heute überleben neun von zehn Kindern mit einem Geburtsgewicht unter 1000 g.«

 

Enorme Fortschritte

 

Dieser enorme Fortschritt sei nicht in erster Linie besseren Medikamenten und medizinischen Geräten zu verdanken. »Der wichtigste Grund ist der Zuwachs an Erfahrung bei den Ärzten und noch mehr bei den Krankenschwestern«, sagte Jorch. Die Versorgung in Perinatalzentren, wo spezialisierte Ärzte und Pfleger aller involvierter Fachrichtungen eng zusammenarbeiten, sei dazu essenziell.

 

Allerdings gebe es auch in Deutschland bei der Versorgung Luft nach oben. Die Neugeborenen-Sterblichkeit betrage zwar nur 2,2 auf 1000 Kinder. Doch »es bestehen Unterschiede zwischen den Bundesländern, die mit sozioökonomischen Gründen nicht zu erklären sind«, so Jorch. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen stürben drei und mehr Neugeborene pro 1000, in Sachsen, Thüringen und Sachsen- Anhalt weniger als halb so viele.

 

An der Dichte der Perinatalzentren könne das nicht liegen, denn gerade der Spitzenreiter Mitteldeutschland zeichne sich dadurch aus, dass die meisten Risiko-Neugeborenen in nur sechs Zentren behandelt werden, während es allein in Nordrhein-Westfalen mehr als 20 gibt. Die Zahl der Neugeborenen-Intensivstationen sei in Deutschland viermal höher als in Skandinavien – die Ergebnisse aber schlechter.

 

»Deutschland hat ein Strukturpro­blem«, so Jorch. Es gebe zu viele Anbieter, die im Schnitt, da die finanziellen Mittel im Gesundheitswesen begrenzt seien, nicht optimal ausgestattet seien. »Wir brauchen weniger Entbindungskliniken und Neugeborenen-Intensivstationen. Dafür müssen die dann bestehenden besser ausgestattet werden, vor allem mit Pflegepersonal, aber auch mit einer elterngerechten Architektur«, forderte Jorch. Heute würden Frühgeborene in Vier- bis Sechsbettzimmern behandelt. Das bedeute erhebliche hygienische Probleme und nicht zuletzt auch für die Eltern eine sehr belastende Situation.

Je früher ein Frühchen zur Welt kommt, desto größer sind meist seine gesundheitlichen Probleme. Die größte Herausforderung stellt die Versorgung von Kindern dar, die vor Vollendung der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden. Trotz aller Fortschritte der Perinatalmedizin leidet daher auch bei optimaler Versorgung ein Teil der Kinder unter bleibenden Funktionsstörungen, informierte Dr. Babett Ramsauer vom Vivantes Klinikum Neukölln. Das gelte es, durch frühes Gegensteuern zu verhindern.

 

»Der mit Abstand häufigste Grund für eine Frühgeburt sind Infektionen«, sagte Ramsauer. Bakterielle Besiedelungen der Scheide, aber auch Harnwegsinfekte lösen über Prostaglandine eine Kontraktionsbereitschaft der Gebärmutter aus. Schwangere sollten daher regelmäßig untersucht und gegebenenfalls früh mit Antibiotika behandelt werden. Ein pH-Wert-Anstieg der Vaginalflüssigkeit kann ein frühes Zeichen einer bakteriellen Infektion sein. Daher sollten gefährdete Frauen auch selbst regelmäßig mit speziellen Testhandschuhen den pH-Wert kon­trollieren.

 

Risiken erkennen

 

Zweithäufigste Ursache für eine Frühgeburt ist eine plazentare Mangelversorgung. Diese kann beispielsweise eintreten, wenn sich der Mutterkuchen nicht an der Stelle implantiert, wo er sollte. »Das passiert häufig nach Kaiserschnitt-Entbindung in einer vo­rausgegangenen Schwangerschaft«, informierte Ramsauer. Auch Mehrlings-Schwangerschaften erhöhen das Frühgeburten-Risiko. »Deshalb ist es gut, dass bei der assistierten Reproduktion mittlerweile meist nur noch zwei Eizellen reimplantiert werden und nicht noch mehr«, sagte die Gynäko­login. Weitere Risikofaktoren aufseiten der Mutter sind eine Frühgeburt in einer früheren Schwangerschaft, Alter unter 18 beziehungsweise über 35 Jahre und niedriger Sozialstatus.

 

Frauen können Ramsauer zufolge einer drohenden zu frühen Geburt mit ausgewogener Ernährung vorbeugen. Medikamentös habe sich die Gabe von Progesteron bewährt, während die Dauerbehandlung mit Tokolytika, die früher gang und gäbe war, mittlerweile nicht mehr praktiziert werde. In Fällen, in denen sich der Muttermund zu früh zu öffnen droht, könne dieser mit einem Pessar oder einer sogenannten Cerclage verschlossen werden. »Damit lässt sich die Schwangerschaft deutlich verlängern, meist sogar bis zum regulären Geburtstermin«, so Ramsauer. /

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