Pharmazeutische Zeitung online
Erfahrungsbericht

Mit Calcutta Rescue in Indien

22.11.2011
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Von Stefanie Pügge, Kalkutta / »Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine.« Diesen Satz hörte ich von erstaunlich vielen Leute, denen ich erzählte, ich werde als Apothekerin ein halbes Jahr im indischen Kalkutta verbringen und als Volontär für eine Hilfsorganisation arbeiten. Darauf folgten Reaktionen von Bewunderung bis Unverständnis. Ich war mir meiner Sache jedoch sehr sicher.

Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass es eine sehr erfahrungs- und lehrreiche Zeit war, mit allen hellen und dunklen Seiten. In diesem so kontrastreichen Land habe ich auch an mir selbst neue Seiten kennengelernt. Die Organisation, die mich nach Kalkutta entsandte, heißt Calcutta Rescue und wurde 1979 vom britischen Arzt Dr. Jack Preger gegründet. Er begann, im Zentrum Kalkuttas bedürftige Menschen auf der Straße zu behandeln und sie mit Medikamenten zu versorgen. Die Menschen starben und sterben auch heute noch häufig an Infekten wie einer Lungenentzündung, weil sie nicht die Möglichkeit haben, zum Arzt zu gehen oder sie das Geld für die Behandlung nicht aufbringen können.

 

Aus der ursprünglichen »Bürgersteigklinik« entwickelte sich nach und nach eine immer größere Einrichtung. Inzwischen gibt es vier Kliniken, die in mehr oder weniger festen Gebäuden untergebracht sind, zwei Schulen, eine Handarbeitswerkstatt und diverse kleinere Projekte. Rund 150 indische Angestellte arbeiten in allen Bereichen mit. Hinzu kommen jedes Jahr zusätzlich 10 bis 20 Volontäre aus verschiedenen Ländern. In Deutschland, England, der Schweiz, Holland, Frankreich und Kanada gibt es sogenannte Support Groups von Calcutta Rescue. Neben Apothekern und Pharmaziepraktikanten, die bisher meistens aus Deutschland kamen, werden auch Krankenschwestern und Pfleger, Podologen oder Physiotherapeuten für den Einsatz in Indien gesucht.

 

Eine eigene Apotheke

 

Um die Kliniken mit Arzneimitteln zu versorgen, gibt es seit einigen Jahren eine eigene Apotheke. Dort arbeiten vier fest angestellte Inder, unterstützt werden sie von ein oder zwei deutschen Pharmazeuten. Das Tagesgeschäft erledigen die Mitarbeiter, die sich in verschiedenen pharmazeutischen Kursen weitergebildet haben, weitgehend selbst. Die Klinikbestellungen werden abgearbeitet, Arzneimittel und Medizinprodukte bestellt, ausstehende Lieferungen angemahnt, Verfallsdaten und Kühlschranktemperatur überprüft et cetera. Eigentlich läuft dort alles wie bei uns, nur eben ein bisschen anders. Die Apotheke ist von 8.30 bis 16.30 Uhr besetzt. Vormittags werden die Klinikbestellungen fertiggemacht, nachmittags Lagerware bestellt und Lieferungen angenommen und eingeräumt.

Volontäre unterstützen diese Tätigkei­ten, kontrollieren die Arzneimittel für die Kliniken und behalten das Lager und die Bestände im Blick. Hinzu kommen weitere Aufgaben: Man berät die Ärzte zu Arzneimitteln und Nebenwirkungen, versucht Arzneimittel günstig zu beschaffen, bietet Schulungen für das Klinikpersonal an, sortiert Sachspenden und nimmt an verschiedenen Meetings teil. Dort wird zum Beispiel über die Verwendung von Spendengeldern ent­schie­den oder darüber, welche Therapien von Calcutta Rescue übernommen werden können und welche nicht.

 

Arzneimittel werden hier nicht in Packun­gen, sondern als einzelne Blister abgegeben. Das ist genauso gewöhnungsbedürftig wie das Fehlen von Beipackzetteln. Lieferanten stapeln ihre Waren schön auf dem Boden, der jeden Tag mit desinfizierenden Reinigungsmitteln geschrubbt wird. Da haben sie einfach am meisten Platz.

 

Fremdwort Privatsphäre

 

In den Kliniken sitzen die Patienten auf Bänken und warten oft mehrere Stunden bis sie an der Reihe sind. Die Ärzte sitzen an einem Tisch, der für alle frei sichtbar ist und je nachdem, wie laut gesprochen wird, ist von der Konsultation mehr oder weniger zu hören. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort, aber da es keiner anders kennt, scheint es niemanden zu stören.

 

Neben Krankheiten wie Tuberkulose, HIV und anderen Infektionen gibt es viele Patienten, die sich »nur« ihre Herzmedikamente abholen, die Cholesterinsenker zu sich nehmen oder auf Diabetespräparate angewiesen sind. Mangelernährung bedeutet nicht nur Unterernährung und so sind durch den hohen Reiskonsum und das häufig doch sehr fettreiche Essen Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen weit verbreitet. Eine Krankheit, die es in Deutschland nicht mehr gibt, ist die Lepra. Werden die Medikamente, die von der Weltgesundheitsorganisation kostenlos zur Verfügung gestellt werden, richtig eingenommen, ist sie vollständig heilbar. Eine eigene kleine Klinik behandelt diese Patienten, die oft immer noch stigmatisiert werden. Viele Patienten sind zwar nicht mehr infektiös, kämpfen aber seit Jahren mit Nachwirkungen wie Wunden an den Füßen. Deshalb kommen sie zur Wundbehandlung zu Calcutta Rescue.

 

Indische Bürokratie

 

Gearbeitet wird in den Kliniken von Montag bis Samstag. Die Arbeitszeiten sind nicht so exakt geregelt wie bei uns. Die Kliniken werden gegen neun Uhr für die Patienten geöffnet. Wenn am frühen Nachmittag alle versorgt sind, werden Karteikarten gepflegt, Tabletten gezählt und alles genau dokumentiert. Deutsche Bürokratie ist im Vergleich dagegen eher harmlos.

 

Als Volontär hat man es verhältnismäßig gut: Eine Fünf-Tage-Woche und zusätzlich noch einige Urlaubstage, die man sich während seiner Zeit bei Calcutta Rescue nehmen kann. So bietet sich die Gelegenheit, noch mehr von Indien zu sehen als die 16-Millionen-Metropole.

 

Dabei hat Kolkata, wie es seit 2001 wieder offiziell heißt, selbst einiges zu bieten. Natürlich gibt es die alten, verfallenen Kolonialbauten, die dicht zusammengebauten Slumhütten, die Menschen unter Plastikplanen auf der Straße, den Müll und Gestank in vielen Ecken und Winkeln.

 

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die lachenden Menschen, die einen mit ihren Zahnlücken anstrahlen. Die Teeverkäufer und Marktschreier, die einen bald wiedererkennen und von nun an immer grüßen. Es gibt Rikschas, Busse und Taxis, die einen für einen Spottpreis durch die Stadt bringen, man muss nur ein bisschen Geduld haben. Und dann gibt es auch die schicken Hotels mit Champagnerfrühstück und Bars, in denen das Bier mehr kostet als bei uns.

 

So lernte ich neben einigen fachlichen Aspekten vor allem, die Dinge nicht so schwer zu nehmen und zu entscheiden, was ich wirklich will und wie viel ich dafür zu zahlen bereit bin. Außerdem weiß ich nun auch, dass Kalkutta gar nicht am Ganges liegt, sondern am Hoogly, einem Seitenarm des Ganges. / 

Spendenkonto

Stadtsparkasse München

BLZ: 70150000

Kontonummer: 135509

 

Neben Geldspenden und Schulpatenschaften sucht Calcutta Rescue regelmäßig Apotheker, die bereit sind, für sechs Monate in Kalkutta mitzuarbeiten. Weitere Informationen auf www.calcutta-rescue.de.

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