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Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Unbemerktes Sinken des Blutzuckers

23.11.2010  16:44 Uhr

Von Sven Siebenand, Berlin / Ärzte fürchten sie, Patienten tun es ebenso: die Unterzuckerungen. Die Angst ist nicht unbegründet, denn akut stellt sie eine potenziell lebensbedrohliche Situation dar, hinzu kommen mögliche Langzeitschäden. Besonders kritisch ist, wenn Diabetiker selbst nicht mehr merken, dass ihr Blutzuckerspiegel sinkt.

»Die Angst vor Folgeschäden und Unterzuckerungen nennen Diabetiker in Verbindung mit ihrer Erkrankung als Hauptbelastungsbereiche«, sagte Privatdozent Dr. Bernhard Kulzer, Bad Mergentheim, auf einem Symposium anlässlich der Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in Berlin. Kulzer sprach von einem »Diabetesbehandlungs-Dilemma«: Auf der einen Seite versuche man die Folgekomplikationen durch gute Blutzuckerwerte zu vermeiden, auf der anderen treten Hypoglykämien umso häufiger auf, je »schärfer« der Blutzucker eingestellt, das heißt je tiefer der HbA1c-Wert liegt.

Die Angst vieler Diabetiker, zu unter­zuckern, ist keinesfalls unbegründet. Wie vielfältig und problematisch sich Hypoglykämien auswirken, zeigt sich unter anderem an neurologischen Komplikationen wie Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen und damit verbundenem erhöhten Risiko für Frakturen und Sturzverletzungen. Leicht vorstellbar also, dass eine Unterzuckerung hinter dem Steuer zur lebensbedrohlichen Situation wird.

 

Neben diesen Akut-Komplikationen zei­gen neuere Studien, dass Unterzucke­run­gen eingeschränkte kognitive Leis­tun­gen und eine erhöhte Demenzrate mit sich bringen können. Zudem deuten manche Untersuchungen auch darauf hin, dass schwere Hypoglykämien zu höhergradigen Herzrhythmusstörungen führen und die kardiovaskuläre Mortalität begünstigen können.

 

Dabei sind Hypoglykämien keine Seltenheit. »Typ-1-Diabetiker verbringen etwa ein Zehntel des Tages im Unterzuckerungszustand«, nannte Kulzer überraschende und alarmierende Zahlen aus Untersuchungen mit kontinuierlicher Glucoseaufzeichnung (CGMS). Demnach machen die Betroffenen im Durchschnitt 2,1 hypoglykämische Episoden (Blutzucker kleiner als 70 mg/dl) pro Tag durch, die im Mittel 1,1 Stunden dauern. »Das hätte ich früher nicht geglaubt«, so Kulzer. Im Durchschnitt alle fünf Jahre erlebt ein Typ-1-Diabetiker das, wovor sich viele fürchten: eine schwere Hypoglykämie mit absoluter Hilflosigkeit und gegebenenfalls Bewusstlosigkeit. Das Risiko dafür sei bei Typ-1-Diabetikern (und auch bei Typ-2-Diabetikern) individuell sehr unterschiedlich. Prädiktor für eine schwere Unterzuckerung sei, ob es im Vorjahr bei dem Patienten schon zu einer schweren Hypoglykämie gekommen ist.

 

Ein weiterer wichtiger Risikofaktor für das Auftreten schwerer Unterzuckerungen sind Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen – wenn der Betroffene nicht merkt, wie stark der Blutzuckerspiegel schon gesunken ist. Dies tritt vor allem dann auf, wenn der Diabetes schon längere Zeit besteht oder wenn Unterzuckerungen häufig vorkommen. Unabhängig von der Diabetesdauer scheinen sich die Wahrnehmungsstörungen auch mit zunehmendem Alter und bei nächtlicher Ruhe häufiger einzustellen.

 

Den Teufelskreis durchbrechen

 

Auslöser einer akuten Unterzuckerung können zu wenig Nahrung, Alkohol oder falsch eingeschätzte körperliche Aktivität sein. In den meisten Fällen ist jedoch die Überdosierung bestimmter oraler Antidiabetika oder von Insulin die Ursache. Fällt der Zuckerspiegel im Blut, treten durch die Freisetzung von Catecholaminen zunächst diskrete, autonome Symptome wie Schwitzen, Zittern und schneller Herzschlag auf, erst später kommen neuroglykopenische Symptome wie Konzentrationsstörungen, Verwirrung, Muskelschwäche, Schwindel oder Seh- und Sprechstörungen hinzu. »Bei Betroffenen mit Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen fällt die erste Stufe der Unterzuckerungshinweise aus«, so Kulzer. Das heißt, die autonomen Symptome fehlen, es geht gleich zum Beispiel mit Verwirrtheit los. Die Betroffenen müssen sich dies bewusst machen und vor allem wissen, dass ihr Handlungszeitraum bei einer Unterzuckerung plötzlich deutlich kürzer ist. Das Prinzip »Handeln statt Denken« werde noch wichtiger. Wo steht das zuckerhaltige Getränk neben dem Bett? In welcher Jackentasche befindet sich der Traubenzucker? Diabetiker sollten automatisierte Handlungsvorgänge für den Ernstfall einüben, riet Kulzer. Im Nachgang komme es zudem auf eine systematische Fehleranalyse an, um wiederholte Unterzuckerungen aus dem gleichen Grund zu vermeiden.

 

Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen sind kein unabwendbares Schicksal. »Es gilt, den Teufelskreis zu durchbrechen«, so Kulzer. Man könne erreichen, dass sich der Schwellenwert, ab dem der Diabetiker die Unterzuckerung wahrnimmt, wieder erhöhen lässt. Dazu sei es notwendig, für mindestens vier Wochen hypoglykämische Episoden komplett zu vermeiden. »Nach etwa zwölf Wochen hat man die alte Schwelle fast wieder erreicht«, so Kulzer. Oft sei es möglich, dies durch Änderungen in der Insulintherapie hinzubekommen. Ein Fokus liege darauf, nächtliche Unterzuckerungen zu vermeiden, da ein Großteil der Unterzuckerungen im Schlaf stattfinden. Kulzer wies darauf hin, dass es spezielle ambulante Schulungsprogramme für Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen gibt. Diese seien effektiv und effizient. Weitere Informationen dazu finden sich unter www.bgat.de und www.hypos.de/

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