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Polypharmazie

»Gemeinsam können wir viel erreichen«

23.11.2010
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Von Stephanie Schersch, Berlin / Werden verschiedene Arzneimittel gleichzeitig verabreicht, steigt das Risiko unerwünschter Wechsel- und Nebenwirkungen. Das gilt besonders für ältere multimorbide Patienten. Um die Therapiesicherheit zu erhöhen, müssten Ärzte und Apotheker stärker kooperieren, forderte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf in Berlin

»Je mehr Medikamente ein Patient einnimmt, desto größer ist das Risiko arzneimittelbezogener Probleme«, sagte Wolf im Rahmen der Ärzte-Fachtagung »Polypharmazie und Priscus-Liste« in Berlin. Dabei gehe es nicht nur um Medikationsfehler, sondern auch um die fehlende Compliance der Patienten. Drei bis sieben Prozent der Krankenhauseinweisungen würden aktuell durch Arzneimittelneben- oder -wechselwirkungen verursacht. »Bei geriatrischen Patienten sind es sogar rund 30 Prozent. Zwei Drittel dieser Fälle gelten als vermeidbar.«

Wolf sieht hier ein Problem, das Ärzte und Apotheker nur gemeinsam lösen könnten. Apotheker hätten wesentlich mehr Patientenkontakte als ein Arzt, häufig würden arzneimittelbezogene Probleme im Beratungsgespräch in der Apotheke erkannt. Das Aufdecken dieser Probleme müsse institutionalisiert werden, ebenso die Kommunikation mit dem Arzt, sagte Wolf. »Dafür brauchen wir eine gemeinsame Datenbank.« Hier sollten nicht nur die verschriebenen Arzneimittel aufgeführt werden, sondern auch die Selbstmedikation. Laut einer Studie der ABDA führen OTC-Präparate immerhin in 20 Prozent der Fälle zu Problemen aufgrund einer bestehenden Medikation. Eine entsprechende Datenbank setzt allerdings voraus, dass der Patient immer zum gleichen Arzt beziehungsweise in dieselbe Apotheke geht. »83 Prozent der chronisch Kranken haben inzwischen eine Stammapotheke«, sagte Wolf. Bei den Medizinern liege der Anteil der »Stammärzte« noch höher. »Wenn wir gemeinsam arbeiten, können wir viel erreichen.«

 

Als Beispiel für ein gezieltes Vorgehen gegen arzneimittelbezogene Probleme nannte Wolf den sogenannten Polymedikationscheck in der Schweiz. Dort prüfen die Apotheker anhand vorgegebener Kriterien die Arzneimittelanwendung und die Compliance ihrer Patienten. Allerdings fehle in der Schweiz die Zusammenarbeit mit den Ärzten. »Da haben wir einen großen Vorteil«, sagte Wolf und verwies auf das gemeinsame Konzept von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV).

 

Ärzte und Apotheker teilen sich demnach das Medikationsmanagement und die Verantwortung für die Arzneimitteltherapiesicherheit. Der Arzt wählt den Wirkstoff aus, legt Menge, Dosierung und Therapiedauer fest. Der Apotheker übernimmt die Auswahl des Präparats und gibt es unter entsprechender Beratung ab. Der Patient soll außerdem einen Medikationsplan erhalten, der ihm genau anzeigt, welches Arzneimittel in welcher Dosierung wann und wie lange eingenommen werden soll. »Wir brauchen außerdem einen Medikationskatalog auf Wirkstoffbasis, der als Grundlage der Verordnungen dient«, sagte Wolf. Mit der Umsetzung der gemeinsamen Ideen könnten enorme Kosten gespart werden. »Die Kassen müssten eigentlich ganz scharf auf das Konzept sein.«

 

Wir sprechen die gleiche Sprache

 

Dieser Ansicht war auch Dr. Carl-Heinz Müller, Vorstand der KBV. »Ärzte und Apotheker sprechen mit dem gemeinsamen Konzept die gleiche Sprache.« Leider sei das Thema bei Krankenkassen und der Politik jedoch nicht angekommen. »Hier hält man die Rabattverträge für wichtiger als die Therapiesicherheit«, so Müller. Er betonte, dass eines der häufigsten Probleme in der Arzneimitteltherapie die fehlende Compliance des Patienten sei. Die Rabattverträge würden dazu ihren Beitrag leisten. Müller forderte eine Pflicht, den Namen des Wirkstoffs deutlich lesbar auf der Arzneimittelpackung zu verzeichnen. Nur so würde der Patient das Medikament erkennen, selbst nach einem Wechsel des Präparats durch einen Rabattvertrag.

 

Er sprach sich außerdem dafür aus, Ärzte für das Thema Polypharmazie stärker zu sensibilisieren. Bei der Verordnung von Arzneimitteln müssten sie sich mehr als bislang auf das Praxisverwaltungssystem stützen können. »Wir brauchen die Unterstützung der EDV.« So müssten Leitlinien und Empfehlungen von Fachgesellschaften dort abgebildet werden, sagte Müller. / 

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