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Klinische Pharmazeutin im Krankenhaus

Benefit für Patienten und Ärzte

Professor Dr. Martina Hahn ist seit 2011 bei der Vitos Klinik Eichberg im Rheingau angestellt, obwohl es dort keine Krankenhausapotheke gibt. Die klinische Pharmazeutin kümmert sich in Zusammenarbeit mit den Ärzten um die Sicherheit der Psychopharmakotherapie der Patienten. Jetzt zog Hahn nach sieben Jahren Bilanz und erklärte, welchen Benefit der klinische Pharmazeut ins Krankenhaus bringt.
Verena Arzbach
05.10.2018
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Das als Eichberger Modell bekannte Konzept – ein klinischer Pharmazeut als Teil des Klinikteams – hat Hahn gemeinsam mit Professor Dr. Sibylle Roll, der Direktorin der psychiatrischen Klinik, entwickelt und eingeführt. »Es war die erste Anstellung einer Pharmazeutin in einer deutschen Klinik ohne Krankenhausapotheke«, sagte Hahn bei einem Symposium an der Klinik in Eltville. Mittlerweile hätten auch einige Krankenhäuser in Baden-Württemberg das Konzept, das 2016 mit einem Innovationspreis der Universität Witten/Herdecke ausgezeichnet wurde, umgesetzt. Nach dem Wunsch von Hahn und Roll sollen weitere Kliniken folgen: »Wir brauchen in Deutschland mehr Apotheker auf Station«, bekräftigte Hahn.

Schwierige Zusammenarbeit

Bekanntermaßen ist die Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker manchmal nicht einfach. »Das liegt häufig daran, dass die Aufgabenverteilung unklar ist und dass beide Seiten einen Machtverlust befürchten. Oft gibt es auch wenig Vertrauen in die Kompetenz des anderen Heilberuflers«, erläuterte Hahn. Gerade in der heutigen Zeit sei die Zusammenarbeit aber wichtig, da sich der Arzneimittelmarkt schnell weiterentwickelt. »Jedes Jahr kommen viele neue Wirkstoffe hinzu, es ist nicht einfach, immer up to date zu bleiben«, so Hahn. Dazu kommen Probleme wie Multimorbidität und Polypharmazie in einer alternden Gesellschaft, die eine pharmazeutische Betreuung in vielen Fällen erforderlich machen.

Ihre Aufgaben an der Klinik seien stufenweise über neun Monate eingeführt worden, berichtete die Apothekerin. So habe man die anfängliche Skepsis einiger Ärzte bezüglich der Aufgabenverteilung überwinden können. Hahn nahm zunächst an Visiten teil und beriet Ärzte zu Interaktionen und arzneimittelbezogenen Problemen. Dann kam die Interpretation von Blutserumspiegeln (Therapeutisches Drug Monitoring, TDM) hinzu. »Hier kann man sich als Apotheker sehr gut einbringen. Heute gehört das TDM zu meinen Hauptaufgaben«, so Hahn.

Später führte die klinische Pharmazeutin ein direktes Beratungsangebot für Patienten und feste Sprechstunden ein. Zudem leitet sie regelmäßig spezielle Psychoedukationsgruppen, bei denen Patienten in Gruppensitzungen unter anderem über Wirkweise, Interaktionspotenzial und Nebenwirkungen ihrer Arzneimittel aufgeklärt werden. Eine weitere wichtige Aufgabe ist der Medikationscheck bei der Aufnahme, bei dem Hahn Dosierung, Darreichung und Interaktionspotenzial der eingenommenen Medikamente überprüft.

Dass klinische Pharmazeuten dabei helfen, Interaktionen und arzneimittelbezogene Probleme zu vermeiden und so die Therapiesicherheit erhöhen, lässt sich anhand messbarer Effekte zeigen. So ist laut Hahn zum Beispiel der Anteil an Patienten, die mehr als vier verschiedene Psychopharmaka erhalten, beim Eichberger Modell um 59 Prozent niedriger als an Kliniken ohne klinischen Pharmazeuten. Der Anteil der Patienten, die zwei serotonerge Wirkstoffe bekommen – und damit Gefahr laufen, ein Serotonin-Syndrom zu entwickeln – ist an der Vitos Klinik sogar um 88 Prozent niedriger.

Weniger Nocebo-Effekte

Für die Patienten habe die Arbeit eines klinischen Pharmazeuten weitere Vorteile, wie Hahn erläuterte. Das sogenannte Shared Decision Making, bei dem Arzt, Apotheker und Patient gemeinsam entscheiden, welche Arzneimittel verordnet werden, erhöhe die Zufriedenheit der Patienten. »Die Medikation ist dann meist besser verträglich, es treten weniger Nocebo-Effekte auf«, berichtete Hahn. Durch die Teilnahme an den Psychoedukations-Gruppensitzungen verbessere sich zudem die Adhärenz der Patienten.

Auch für Ärzte, Psychologen und Pflegepersonal seien die Vorteile einer klinischen Pharmazeutin als Teammitglied spürbar, berichtete Hahn. Die Arbeitszufriedenheit steigere sich deutlich, es bleibe mehr Zeit für therapeutische und pflegerische Maßnahmen. »Die Verantwortung der Arzneimitteltherapie wird auf mehrere Schultern verteilt, das führt zu einer emotionalen Entlastung«, so Hahn. Auch finanziell lohne sich die Anstellung eines klinischen Pharmazeuten für das Krankenhaus: Trotz neu geschaffener Stelle schreibe man schwarze Zahlen.

Foto: Shutterstock/Syda Productions

 

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