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Wahllos Pieksen bekämpft Kopfschmerzen

22.11.2005  11:41 Uhr

Akupunktur-Studie

Wahllos Pieksen bekämpft Kopfschmerzen

von Sven Siebenand, Eschborn

 

Eine Akupunktur nach den Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin und eine Scheinbehandlung an Nicht-Akupunktur-Punkten hilft mindestens genauso gut gegen Migräne- und Spannungskopfschmerz wie monatelanges Einnehmen von Medikamenten. Dies ergab die bislang größte Akupunktur-Studie.

 

An der randomisierten Gerac-Studie (german acupuncture trials) beteiligten sich insgesamt 1369 Kopfschmerz-Patienten (960 im Studienarm Migräne und 409 im Studienarm Spannungskopfschmerz). Sie erhielten in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Wochen entweder zehn bis fünfzehn Mal eine TCM-Akupunktur oder eine so genannte Sham-Akupunktur. Bei dieser Schein-Akupunktur werden die Nadeln an »falschen« Punkten, die nicht chronischem Kopfschmerz zugeordnet sind, gesetzt. Eine dritte Gruppe von Patienten erhielt eine konventionelle, leitlinienorientierte Arzneimitteltherapie ohne Akupunktur (im Migräne-Arm als Mittel der ersten Wahl mit den Betablockern Propranolol oder Metoprolol und bei Spannungskopfschmerz mit dem Antidepressivum Amitriptylin).

 

In allen drei Gruppen ging die Zahl der Migränetage deutlich zurück. Zwischen den Gruppen gab es allerdings keine signifikanten Unterschiede. Im Durchschnitt waren es nach sechsmonatiger Akupunktur oder Arzneimitteltherapie 1,5 bis 2,3 Migränetage pro Monat weniger.

 

Vorteile zu Gunsten der Akupunkturbehandlung gab es bei der Einschätzung des Erfolges durch die Patienten. Drei von vier Migränekranken fühlten sich erfolgreich behandelt. Mehr als die Hälfte von ihnen bewertete den Erfolg der TCM-Akupunktur mit den Noten sehr gut oder gut. Demgegenüber schätzte nur jeder dritte medikamentös behandelte Proband den Erfolg ebenso gut ein. Zudem wurde die Medikamententherapie von einer großen Probandenzahl, zum Teil wegen der Nebenwirkungen, abgebrochen. Das zeigte sich vor allem im Studienarm Spannungskopfschmerz. Die Probandengruppe, die Amitriptylin anstatt Akupunktur erhielt, musste vor dem Studienende geschlossen werden und konnte daher nicht ausgewertet werden.

 

Bei Probanden mit Spannungskopfschmerz, die eine TCM-Akupunktur erhielten, gingen die Schmerztage nach sechsmonatiger Behandlung um durchschnittlich 61,5 Prozent von 15,6 Tage auf 6,03 Tage zurück. Überraschenderweise zeigte auch die Schein-Akupunktur eine deutlich positive Wirkung. In der Sham-Gruppe waren die Schmerztage immerhin um die Hälfte reduziert. Vor dem Start der Studie waren es im Durchschnitt 16,4 Tage, nach sechs Monaten 8,44 Kopfschmerztage. Dennoch schlossen die Forscher an der Ruhr-Universität Bochum aus, dass die Wirkung lediglich aus dem Placebo-Effekt besteht. Der Wirkungsgrad sei höher als der bei Schmerztherapien übliche Placebo-Effekt.

 

Die fast 10 Millionen Euro teure Gerac-Studie ist von mehreren rankenkassen finanziert worden. Ziel war es, Daten zu gewinnen, um über die Aufnahme der Akupunktur in die Regelversorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entscheiden zu können. In der Kopfschmerztherapie war die Akupunktur im Vergleich zur medikamentösen Therapie zwar nicht wirksamer, aber ebenbürtig. Die Kosten der Akupunktur sind wegen des Zeitaufwands aber höher. Anfang kommenden Jahres will der zuständige Bundesausschuss der Kassen über die Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden.

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