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Managementkongress

Neue Vergütungsformen umstritten

07.11.2008  12:01 Uhr

Managementkongress

Neue Vergütungsformen umstritten

Von Daniel Rücker, Camp de Mar

 

Wie soll die Arbeit der Apotheker vergütet werden? Ausschließlich über die Distributionsmarge oder auch über Gebühren für andere Leistungen? Die schweizerischen Apotheker leben seit fünf Jahren mit einer neuen Gebührenordnung, deutsche Apotheker bleiben skeptisch.

 

Der Apothekenmarkt in der Schweiz ist alles andere als ein Paradies: Fremd- und Mehrbesitz sind erlaubt, Ärzte dürfen Arzneimittel dispensieren, die Apothekenpflicht für OTC-Arzneimittel ist abgeschafft, Versandhandel gibt es seit acht Jahren. Dennoch steht es um die selbstständigen Apotheker nicht so schlecht. Mehr als 700 Einzelapotheken stehen rund 400 Kettenoutlets gegenüber. In diesem Jahr wurden bislang mehr Individual- als Kettenapotheken eröffnet. Das liegt auch an der im Jahr 2001 eingeführten Leistungsorientierten Abgeltung (LoA), sagt Didier Ray, Mitglied der Geschäftsleitung des schweizerischen Apothekerverbandes PharmaSuisse.

 

Leistungsorientierte Bezahlung

 

Vor sieben Jahren vereinbarten die Apotheker mit den Krankenversicherern ein Konzept, das ihnen eine geringere Vergütung für die reine Distribution, gleichzeitig aber ein zusätzliches Honorar für Beratungs- und Dokumentationsleistungen rund um die Abgabe der Arzneimittel brachte. Dadurch seien die Arzneimittelkosten in der Schweiz deutlich gesunken und gleichzeitig habe sich die Ertragslage der Apotheker verbessert, sagte Ray bei einer Podiumsdiskussion während des Managementkongresses von Pharmazeutischer Zeitung und Lauer-Fischer in Camp de Mar, Mallorca. Ray: »Die LoA hat die Apotheken in der Schweiz stabilisiert.«

 

Der Verband will das Konzept in Zukunft weiter ausbauen, noch mehr Leistungen der Apotheker sollen separat vergütet werden. Sinnvoll sei es, möglichst viele Angebote zu entwickeln, diese klar zu beschreiben und transparent abzurechnen, sagte Ray. Dabei denkt er auch an Aufgaben, etwa die umfassende Betreuung chronisch Kranker und multimorbider Menschen sowie die Compliance fördernde Maßnahmen, die Ärzten durchaus Konkurrenz machen. Allerdings wildern diese seit Jahren auf dem Gebiet der Apotheker. Mittlerweile wird in der Schweiz rund ein Drittel aller verschreibungspflichtigen Arzneimittel von Ärzten abgegeben, und diese verdienen damit laut Ray durchschnittlich rund 100.000 Euro im Jahr.

 

Ray empfahl den deutschen Apothekern, denselben Weg einzuschlagen und sich um neue Vergütungsformen zu bemühen. Es sei für die Apotheker zu gefährlich, wenn sie Pauschalen für Leistungen erhielten, unabhängig davon, ob sie diese Leistungen tatsächlich erbrächten. Sollte es auch in Deutschland zu einer Deregulierung der Arzneimittelversorgung kommen, dann wären die wegen der eingepreisten zusätzlichen Leistungen hohen Distributionskosten ein Problem für die Individualapotheken.

 

Im vorwiegend mit deutschen Apothekern besetzten Auditorium erzeugte Ray damit allerdings vor allem Skepsis. Die meisten Diskutanten befürchten, dass das Konzept weniger Geld für Arzneimittel, mehr Geld für Dienstleistungen nicht aufgeht. Die Krankenkassen seien zu einer kostenneutralen Umstellung nicht bereit, sondern wollten ihre Ausgaben senken, so die weitgehend einhellige Meinung. Da die Patienten auch lieber auf eine Dienstleistung verzichten würden als dafür zu bezahlen, würde eine Umstellung wie in der Schweiz die Ertragslage der deutschen Apotheker verschlechtern.

 

Zurückhaltend reagierten auch die ebenfalls auf dem Podium vertretenen Repräsentanten der österreichischen und italienischen Apotheker. Dr. Zita Marsoner-Staffl von der Apothekerkammer Südtirol glaubt zwar auch daran, dass die Apotheker in Italien in Zukunft mehr Dienstleistungen anbieten sollten. Das müsse jedoch nicht mit einer veränderten Vergütung einhergehen.

 

Noch deutlicher wurde Martin Geisler , Geschäftsführer der österreichischen Apothekengruppe »Rat und Tat«: »Es ist ein unfassbarer Irrtum, wenn Apotheker glauben, sie würden für Beratungsleistungen honoriert.« Die Zukunft läge vielmehr in der Spezialisierung von Apotheken. Allerdings müssten auch dann die Leistungen vor allem über die Marge abgedeckt\- werden.

 

Dr. Peter Froese, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Schleswig-Holstein, glaubt auch an eine Chance für neue, separat vergütete Angebote der Apotheker. Basis dafür sei ein stringenterer Rahmen für die Arzneimittelversorgung. Die öffentlichen Aufgaben der Apotheker müssten klarer definiert, der gesetzliche Auftrag »überarbeitet und geschärft werden«. Der Weg dahin steht für ihn fest: »Die Arzneimittelversorgung muss sich an Versorgungszielen orientieren.« Zentraler Bestandteil dieser Ziele ist die flächendeckende Arzneimittelversorgung in einem sich ändernden demografischen Umfeld. Die Herausforderung der Zukunft sei es, den höheren Versorgungsbedarf einer älteren Bevölkerung zu bedienen.

 

Das bedeutet nach der Überzeugung des Verbandsvorsitzenden sichere Vertriebswege, eine garantierte hohe Qualität der Beratung, eine deutlich höhere Compliance sowie Prävention, Wirtschaftlichkeit und eine bessere Vernetzung der Apotheken. Allerdings könnten in Zukunft wohl nicht mehr alle Apotheken das gesamte Spektrum der notwendigen Leistungen abdecken. Die Antwort darauf sei eine Kombination aus Differenzierung und lokaler Vernetzung. Das kann über die Zusammenarbeit von Apotheker geschehen oder über Filialisierung eines Betriebes. Heute im Markt agierende Kooperationen hält Froese dagegen für weniger geeignet. Klar sei aber, dass nicht nur die Dienstleistungen der Apotheker definiert sein müssten, sondern auch deren Vergütung.

 

Hier hätten die Apothekerverbände bereits Erfahrungen, sagte Froese mit Verweis etwa auf Hausapothekenverträge. Doch seien diese nur ein erster Schritt gewesen. Wie Ray sieht der Verbandsvorsitzende in der Dauerversorgung chronisch Kranker und die Compliance fördernden Maßnahmen die »Schlüsseldienstleistungen der Zukunft«. Im Gegensatz zu seinem schweizerischen Kollegen möchte Froese beim Besetzen neuer Felder eine massive Konfrontation mit den Ärzten jedoch vermeiden. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, für die nahe Zukunft Verträge mit Krankenkassen über abrechenbare Dienstleistungen anzukündigen.

 

Ob und wie sich die Vergütung der deutschen Apotheker in Zukunft ändern wird, hängt nicht zuletzt vom neu eingeführten Gesundheitsfonds ab. Noch ist nicht absehbar, welche Strategien die Krankenkassen verfolgen. Wenn sie allein auf den Preis setzen werden, dann dürfte es für Apotheker nicht einfach sein, die Kostenträger für neue separat vergütete Dienstleistungen zu begeistern. Professor Dr. Eberhard Wille geht davon allerdings nicht aus. Der Ökonom rechnet vielmehr damit, dass die Kassen sich auch über neue Angebote im neu aufgestellten Markt profilieren werden. Das könnte für Apotheker durchaus eine Chance sein, abrechenbare Leistungen anzubieten.

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