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Risikobewertung

Fundiertes Wissen soll Ängste mindern

13.11.2007
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Risikobewertung

Fundiertes Wissen soll Ängste mindern

Von Uta Grossmann, Berlin 

 

Wie gefährlich ein giftiger Stoff in bestimmten Lebensmitteln für den Menschen tatsächlich ist, steht oft nicht in vernünftiger Relation zu dem Ausmaß des Skandals um diesen Stoff. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bemüht sich um eine wissenschaftliche Überprüfung »gefühlter« Risiken.

 

Als vor sieben Jahren in Deutschland die ersten Rinder mit BSE auftauchten, breiteten sich Unsicherheit und Panik aus. Wie gefährlich ist die umgangssprachlich Rinderwahnsinn genannte bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE) für den Menschen, fragten sich die Fleisch essenden Verbraucher. Würde der Genuss eines BSE-verseuchten Rindersteaks die neue Variante der tödlich verlaufenden Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auslösen?

 

Der Mangel an wissenschaftlich gesicherten Fakten verhielt sich umgekehrt proportional zur überschießenden Panik, die die Bevölkerung erfasste. Ein klassisches Beispiel für ein »gefühltes« Risiko. Die Ängste waren umso größer, als die Politiker den Menschen zuvor die Illusion eines BSE-freien Deutschlands suggeriert hatten: Deshalb provozieren die Nachrichten von den ersten BSE-kranken Rinder auf deutschen Bauernhöfen schockartige Reaktionen.

 

Ein Kind der BSE-Krise

 

Aufgrund der bitteren Erfahrungen der BSE-Krise rief die damalige Bundesregierung im November 2002 eine Institution ins Leben, die gewährleisten sollte, dass die wissenschaftliche Bewertung von Lebensmittel-, Futtermittel- und Produktrisiken unabhängig von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflüssen erfolgt: das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

 

Dieses Institut soll dazu beitragen, bereits vor einem krisenhaften Geschehen mit wissenschaftlich fundierten Empfehlungen den Politikern eine systematische Problemlösung zu ermöglichen. BfR-Präsident Professor Dr. Andreas Hensel verwies in der vorigen Woche, als das Institut seinen fünften Geburtstag feierte, auf den Umgang mit der Vogelgrippe. Da habe sich gezeigt, dass politische Entscheidungen mit Hilfe der Arbeit seines Instituts rationaler gefällt würden.

 

Auch in der Acrylamid-Krise bemühte sich das BfR um eine vernunftgeleitete Bewältigung. Seine Arbeit trug dazu bei, die Entstehung von Acrylamid in Lebensmitteln wie Pommes Frites, Chips oder Keksen aufzuklären. So konnten Empfehlungen für die Hersteller ausgesprochen werden: Stärkehaltige Lebensmittel sollten nicht bei zu hohen Temperaturen und Bräunungsgraden zubereitet werden, weil das die Entstehung von Acrylamid fördert.

 

Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, plädierte anlässlich des fünfjährigen Bestehens des BfR dafür, die Bürger in die Lage zu versetzen, entspannt und informiert mit Risiken umzugehen. Davon seien wir weit entfernt, war seine Einschätzung. Gigerenzer konstatierte eine »kollektive Zahlenblindheit«, denn die meisten Menschen verstünden statistische Informationen nicht, und sie verstünden ihre Ängste nicht, weil es an psychologischer Bildung mangele.

 

Diese Kombination stifte panische Angst vor Risiken, die kaum existierten. Als Beispiel für kollektive Zahlenblindheit bei Ärzten und Patienten nannte Gigerenzer die Krebsfrüherkennung. Es sei ein »Skandal«, dass die Erkenntnisse von sieben randomisierten Studien zur Mammografie »unterdrückt« und flächendeckende Screenings propagiert würden. Die Studien hätten ergeben, dass das Risiko für Frauen, an Brustkrebs zu sterben, mit oder ohne Früherkennung mittels Mammografie gleich hoch sei.

 

Der Psychologie-Professor empfahl den Deutschen, diesen »Weltmeistern im Versicherungen kaufen«, lieber schon im Kindergarten den Umgang mit Unsicherheiten zu vermitteln, statt sich gegen alle möglichen Risiken absichern zu wollen.

 

Gifte aus dem Baumarkt?

 

Das BfR ist eine wissenschaftliche Einrichtung der Bundesregierung. Es gibt seine Risikobewertungen zu Fragen der Lebensmittelsicherheit und des gesundheitlichen Verbraucherschutzes auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse anderer Einrichtungen und eigener Forschung. Es untersucht Chemikalien, Lebensmittel (auch gentechnisch veränderte), Kosmetik oder Kinderspielzeug.

 

Das BfR ist dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zugeordnet. Es erhält Bewertungsaufträge von den Ministerien, etwa wenn eine Lebensmittelüberwachungsbehörde nachgewiesen hat, dass ein Lebensmittel mit einem Stoff oder Keim oberhalb des Grenzwertes belastet ist, oder wird selbst tätig, wenn es Hinweise auf mögliche Risiken gibt.

 

Außerdem arbeitet es sich systematisch durch die Bewertung diverser Stoffe und Chemikalien, die noch nie auf ihre mögliche Gesundheitsgefährdung untersucht wurden. »Nur ein Bruchteil der Produkte, die wir im Baumarkt kaufen können, ist toxikologisch bewertet«, sagte BfR-Präsident Hensel. »Da werden wir noch mehrere Büchsen der Pandora finden.«

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