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Schlaganfall

Der Sprache beraubt

08.11.2016
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Von Lena Keil, Berlin / »Mir fehlen die Worte«: Was im täglichen Sprachgebrauch nur eine Redensart darstellt, ist für viele Schlaganfall­patienten schmerzliche Realität. Rund ein Drittel der Betroffenen leidet an einer Sprachstörung, auch Aphasie genannt.

Konzentriert sucht Heather de Lisle nach den richtigen Worten. Seit ihrem Schlaganfall vor fünf Jahren stellt das Sprechen eine große Herausforderung für die gelernte Moderatorin dar. Was früher ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Berufsalltags war, ist heute ein mühevoller Kampf. Auf einer Veranstaltung des Centrums für Schlaganfallforschung der Charité Berlin (CBS) und der Berliner Schlaganfall-Allianz sprach sie über ihre Erkrankung. Dass sie dabei immer wieder kurze Pausen einlegen musste, Wörter verdrehte oder nicht benennen konnte, vermittelte einen Eindruck davon, wie schwer der Weg aus der Sprachlosigkeit heraus ist.

Psychosoziale Folgen

 

So offen wie Heather De Lisle gehen nicht alle Betroffenen mit ihrem Leiden um. Viele schämen sich für ihre Sprachstörung und die plötzliche Abhängigkeit. »Im Schämen wird das Gefühl der Verlorenheit immer größer«, heißt es dazu in Kathrin Schmidts Roman »Du stirbst nicht«. Die Autorin erlitt 2002 selbst einen Schlaganfall und ließ ihre persönlichen Erfahrungen in das Buch mit einfließen. Wie der Hauptfigur des Romans fehlt Aphasikern häufig jegliche Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren, Wut und Verzweiflung in Worte zu fassen oder gezielt Einfluss auf bestimmte Situationen zu nehmen. Obwohl der Mensch hinter dem Schweigen derselbe ist, verändert sich damit oftmals sein soziales Ansehen. Unfähig, den früheren Beruf weiterauszuüben und Kontakte aufrechtzuerhalten, sinkt das Selbstwertgefühl der Betroffenen in vielen Fällen rapide.

 

Wie eng die Sprachfähigkeit mit unserem allgemeinen Gemütszustand verbunden ist, zeigt eine Versuchsreihe mit mexikanischen Studenten aus dem Jahr 1993. Das bei den Probanden erzwungene Schweigen rief bereits nach wenigen Minuten sowohl aggressive als auch depressive und resignierende Reaktionen hervor. So ergeht es häufig auch den Schlaganfallpatienten, was im schlimmsten Fall zu einer »Post-Stroke-Depression« führen kann. Den Auslöser dafür vermuteten Ärzte lange Zeit in der physischen Verletzung des Gehirns. Heute weiß man, dass der erlebte Verlust eine zusätzliche Ursache darstellt. Eine schnelle Diagnose erweist sich aufgrund der zerrütteten Kommunikation jedoch als schwierig. Dabei ist genau diese so wichtig. »Eine Depression kann die Rehabilitation nicht nur stören, sondern verhindern«, warnte Professor Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie an der Charité Berlin. Schätzungen zufolge leidet jeder dritte Schlaganfallpatient unter der Post-Stroke-Depression.

 

Glaube und Musik

 

Heather de Lisle gehört zum Glück nicht dazu. Wenn die Frustration die 40-Jährige zu übermannen droht, findet sie Halt im Glauben. »Ich schaffe das, Gott ist da«, lautet ihre Devise. Unterstützung erfährt sie dabei auch aus dem sozialen Umfeld. Von der eigenen Familie bis hin zum Bäcker von nebenan gingen alle sehr verständnisvoll mit ihrer Sprachstörung um. Kommuniziert werde dann eben mit Händen und Füßen, erklärte ihr Lebensgefährte.

 

Doch nicht nur der persönliche Glaube, auch die Musik kann einen wesentlichen Teil zur Motivation und Genesung beitragen. Mit der sogenannten »melodischen Intonationstherapie« lernen Patienten, einfache Wörter zu singen und mit rhythmischen Handbewegungen zu begleiten. Auf diese Weise werden Hirnregionen angeregt, die sprachliche Reserven aus dem Kleinkindalter enthalten. »Aber ich bin doch so unmusikalisch«, hört Professor Eckart Aktenmüller dann häufig. Für den Erfolg der Therapie spiele das aber keine Rolle, so der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Und überhaupt: Unmusikalisch sei eigentlich niemand, so Aktenmüller.

 

Ob mit oder ohne Musik – der Weg aus der Sprachlosigkeit ist steinig. Für Heather de Lisle bedeutet er Sozialhilfe statt Fernsehkarriere. Trotzdem ist sie heute glücklich. »Seit dem Schlaganfall lebe ich wirklich. Ich lebe und bin nicht tot«. /

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