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Ebola

Strategien gegen die Epidemie

05.11.2014
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Von Annette Mende, Wien / Erstmals seit Beginn des Ebola- Ausbruchs in Westafrika meldete Liberia sinkende Fallzahlen. Das ist jedoch nur scheinbar der Anfang vom Ende der Epidemie. Bei einer Konferenz in Wien waren sich die Experten einig, dass auf die offiziellen Daten kein Verlass ist. Um Ebola zurück­zudrängen, braucht es vor allem noch viel mehr qualifizierte Helfer.

Ebola war das bestimmende Thema bei der internationalen Konferenz zu Übertragung, Prävention und Dokumenta­tion von Infektionskrankheiten (IMED). Dabei gibt es zurzeit in Afrika nicht nur einen, sondern zwei Ausbrüche dieser Krankheit, wie Dr. William Karesh von der Eco-Health Alliance in Erinnerung rief: einen im Westen des Kontinents und einen in der Demokratischen Republik Kongo. »Die Unterschiede zwischen diesen beiden Ausbrüchen sind sehr erhellend«, so Karesh. Während die Ansteckungszahlen in Liberia, Guinea und Sierra Leone weiter rasch steigen und ein Ende nicht in Sicht ist, gelang es in dem zentralafrikanischen Land, den Ausbruch auf wenige Fälle zu begrenzen.

»In der Demokratischen Republik Kongo waren sowohl die Gesundheitsbehörden als auch die Bevölkerung auf Ebola vorbereitet. Als die ersten Fälle auftraten, reagierten die Menschen richtig und isolierten die Patienten. Es kam sofort der Verdacht auf Ebola auf, der dann durch Labortests sehr schnell bestätigt wurde«, so Karesh. Im Gegensatz dazu konnte sich das Virus in Westafrika zuerst langsam und dann immer schneller ausbreiten.

 

Es traf dort auf Gesellschaften, die durch jahrelange Bürgerkriege zerrüttet sind. Ebola und die möglichen Übertragungswege, etwa durch Fledermäuse oder kontaminiertes Fleisch von Primaten, waren unbekannt. Die Gesundheitssysteme funktionieren nicht. Die Menschen misstrauen ihren Regierungen und einander. Regionale Besonderheiten wie etwa Bestattungsrituale mit intensivem Körperkontakt zum Verstorbenen und die hohe Mobilität in der Grenzregion zwischen den drei betroffenen Ländern taten ein Übriges.

 

Nachhaltiger Schaden

 

»Diese Epidemie ist schon jetzt größer als alle bisherigen Ebola-Ausbrüche der Geschichte zusammen«, sagte Dr. Hilde De Clerck, belgische Ärztin und Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), die selbst in den betroffenen Gebieten im Einsatz war. Die Folgen für die Gesellschaften könne man gar nicht überschätzen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten seien betroffen. Da die Kapazitäten der Gesundheitssysteme schon für die Behandlung der Ebola-Patienten nicht ausreichten, bliebe die Therapie von Menschen mit anderen Krankheiten vollständig auf der Strecke. All das habe neben den gesundheitlichen auch ernste wirtschaftliche Folgen, von denen sich die betroffenen Länder wohl erst im Laufe mehrerer Jahre erholen werden.

 

»Wir brauchen vor allem noch viel mehr ausgebildetes Personal«, so De Clerck. Allein in den sechs MSF-Behandlungszentren würden bis zu 2000 Patienten behandelt. Jeder einzelne davon habe vor seiner Aufnahme durchschnittlich mit 20 bis 50 Personen Kontakt gehabt, die potenziell infiziert seien. »Man kann sich ausrechnen, wie viele Teams man braucht, um alle diese Menschen in den Dörfern zu kontrollieren.« Glücklicherweise seien die internationalen Hilfsanstrengungen jetzt intensiviert worden, allerdings noch lange nicht genug. »Europäische Regierungen müssen handeln, Westafrika kann das nicht alleine bewältigen«, so ihr Appell.

 

Pflege zu Hause

 

Weil die Zahl der Patienten die der Behandlungsplätze bei Weitem übersteigt, gab MSF in Liberia bereits Anfang Oktober mehr als 50 000 Kits mit Desinfektions- und Pflege-Zubehör an Familien aus. »Das hatte den guten Effekt, dass die Menschen jetzt ihre Angehörigen vermehrt zu Hause pflegen«, sagte Dr. Jack Woodall, Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Herausgeber von Pro-Med-mail, einem Informationsdienst des Programms zur Überwachung neu auftretender Infektionskrankheiten (Pro-Med). »So laufen Patienten, die gar nicht an Ebola, sondern beispielsweise an Malaria erkrankt sind, nicht Gefahr, in einem Behandlungszentrum auf der Isolierstation zu landen und sich dort mit Ebola zu infizieren.«

 

Manchmal braucht es auch eine Portion Glück, um im Kampf gegen Ebola erfolgreich zu sein. Das macht das Beispiel Nigeria deutlich, von dem Professor Dr. Oyewale Tomori, Präsident der nigerianischen Akademie der Wissenschaften, berichtete. In dem Staat, der keine gemeinsame Grenze mit den drei Ländern der Epidemie hat, kam es infolge eines eingeschleppten Falls im Juli ebenfalls zu einem Ausbruch. »Der Patient war bereits krank, als er in Lagos landete und sein Zustand verschlechterte sich noch am Flughafen. Da an diesem Tag in Nigeria Ärztestreik war, wurde er nicht in ein großes öffentliches Krankenhaus eingeliefert, sondern in eine kleine Privatklinik«, so Tomori. Dort bestätigte sich die Diagnose Ebola und alle 72 Personen, mit denen er am Flughafen und im Krankenhaus Kontakt hatte, wurden unter Beobachtung gestellt.

 

In Nigeria unter Kontrolle

 

Die nigerianische Regierung reagierte schnell und rief den Ebola-Notfall aus. Die Verbreitung aktueller Informationen und die Koordination der Beobachtung und Quarantäne potenziell Infizierter übernahm das Katastrophenschutzzentrum. Insgesamt erkrankten in Nigeria 20 Menschen an Ebola, von denen acht starben, darunter auch der Mann, der das Virus eingeschleppt hatte. »Nigeria wurde unterdessen von der WHO wieder als Ebola-frei eingestuft, doch sollte uns das nicht in falscher Sicherheit wiegen«, mahnte Tomori. Die Grenzen zwischen vielen afrikanischen Staaten seien rein willkürlich gezogen und die Menschen pflegten einen intensiven Austausch über Ländergrenzen hinweg. Eine erneute Einschleppung des Erregers sei daher keineswegs ausgeschlossen.

Um den Ausbruch in Nigeria unter Kontrolle zu halten, mussten insgesamt knapp 900 identifizierte Kontaktpersonen unter Beobachtung gestellt werden. Nicht alle hatten dafür Verständnis: Ein Mann entzog sich der Quarantäne und reiste aus Lagos in eine andere Stadt – glücklicherweise ohne das Virus in sich zu tragen. Dieser Fall wirft ein Schlaglicht auf ein weiteres Problem, das die Infektionsbekämpfung in dieser Region hat: »Wir West­afrikaner halten uns ungern an Regeln. Wenn uns jemand eine Anweisung erteilt, befolgen wir sie nicht, sondern stellen sie infrage«, so Tomori.

 

In den (noch) nicht betroffenen Ländern fehle zudem die Bereitschaft, das Problem anzuerkennen. »Afrika ist noch nicht aufgewacht«, sagte Tomori. Trotz des positiven Beispiels der Demokratischen Republik Kongo fehle im Rest des Kontinents die Sensibilisierung für die Krankheit. »Wir Afrikaner warten auf die magischen Kugeln. Wir fragen: Wo ist der Impfstoff, das Arzneimittel gegen Ebola. Die magischen Kugeln haben wir aber selbst bei uns zu Hause. Es sind die grundlegenden Maßnahmen des Infektionsschutzes.« Nur, wenn es gelänge, die Bevölkerung zu informieren und dafür zu sorgen, dass diese Maßnahmen umgesetzt werden, lasse sich der Ausbruch in den Griff bekommen.

 

Versagen der Führung

 

»Ich muss leider sagen, dass wir, die akademischen und politischen Führer in Afrika, versagt haben. Wir haben Meetings abgehalten, um eine länderübergreifende Gesundheits-Überwachung zu implementieren. Doch passiert ist rein gar nichts. Stattdessen wird Geld für nutzlose, aber prestigeträchtige Projekte ausgegeben. Das ist unser Problem, und wir müssen es selbst lösen«, sagte Tomori.

 

Darüber, dass der aktuelle Ausbruch in Westafrika nur vor Ort einzudämmen ist, herrschte Einigkeit unter den Experten. Wenig sinnvoll seien dagegen Einreisekontrollen an Flughäfen, einerseits weil Patienten nur ansteckend sind, wenn sie Symptome zeigen, dann aber in der Regel reiseunfähig. Zum anderen sind Direktreisen aus Westafrika nach Europa oder Nordamerika sehr selten. »Von drei Millionen Fluggästen, die seit Beginn der Ebola-Epidemie in Wien ankamen, waren nur 160 aus Westafrika«, sagte Privatdozentin Dr. Pamela Rendi-Wagner vom österreichischen Gesundheitsministerium. Dass ein allgemeiner Fieber-Scan relativ sinnlos ist, habe sich bereits während der SARS-Epidemie gezeigt: Damals wurden auf internationalen Flughäfen 45 Millionen Menschen gescreent – und dabei ein einziger Fall entdeckt. /

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