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Wirkung von Schmerzmitteln

Eine Sache der Vermittlung

05.11.2014  09:46 Uhr

Von Christiane Berg, Hamburg / Ein Medikament wirkt, wie es kommuniziert wird – das war eine der Kernbotschaften des Deutschen Schmerzkongresses in Hamburg. Dies sollte im Beratungsgespräch bei der Abgabe von Schmerzmitteln Beachtung finden.

Auf die Bedeutung der professionellen Kommunikation bei der (Ab-)Gabe starker und/oder schwacher Analgetika verwiesen führende Schmerztherapeuten auf der Eröffnungspressekonferenz des Deutschen Schmerzkongresses 2014. »Es sieht gut aus. Die Entwicklungen sind positiv«: Der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, Professor Dr. Thomas Tölle von der TU München, zeigte sich zuversichtlich und zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen der Arbeit der Schmerzgesellschaft. Das Thema »Notwendigkeit der Verbesserung der Schmerzversorgung« sei in der Öffentlichkeit angekommen. Die Strukturen zur Versorgung von Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen seien in den letzten Jahren deutlich verbessert worden.

Dennoch klage ein Großteil der 2,2 Millionen Menschen in Deutschland, die die Kriterien einer nicht tumorbedingten, jedoch stark belastenden und somit therapiebedürftigen Schmerzkrankheit erfüllen, über unzureichende Erfolge der Schmerztherapie. Tölle: »Eine abgestufte Versorgungsplanung mit multimodalen Behandlungskonzepten und -strukturen ist hier notwendiger denn je.« Viel Forschungs- und Handlungsbedarf gebe es auch angesichts der Tatsache, dass zahlreiche Schmerzerkrankungen auf seelische Verletzungen zurückzuführen und traumaassoziiert zum Beispiel durch psychische oder physische Gewalterfahrungen in der Kindheit entstanden sind. Tölle sprach von gesellschaftlichen Tabuthemen mit körper­lichen Folgen, die den gängigen Möglichkeiten der Schmerztherapie nicht zugänglich sind.

 

Der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft forderte mehr finanzielle Unterstützung seitens der Kassen und der Politik, damit sich die Schmerztherapie noch deutlicher an den Realitäten orientieren und in der Versorgungswirklichkeit des Gesundheitssystems verankern kann.

 

Motivierend beraten

 

Die Entstehung von Schmerzen wird nicht nur entscheidend von seelischen Verletzungen, sondern auch von Angst als Symptom der gesellschaftlichen Produktivitätsbeschleunigung geprägt, unterstrich Professor Dr. Andreas Straube von Der LMU München, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. »Selbst Kinder haben heute keine Zeit mehr zur Entspannung. Auch ihr Arbeitstag reicht zunehmend von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends«, so Straube, der diese Beschleunigung als eine Ursache der Zunahme von chronischen (Kopf-)Schmerzen auch bei den Jüngsten beschrieb.

 

Auf Wortwahl achten

 

Straube kritisierte, dass Angst als Ursache körperlichen Schmerzes immer mehr den Alltag beherrscht. »Kein Tag, an dem die Medien nicht von neuen Skandalen und Risiken berichten«. Der Konsument dieser Nachrichten, der sich diese nicht mit einer gewissen kritischen Distanz aneignet, könne darauf nur mit dem Gefühl der Bedrohung, Einengung und Lähmung reagieren. Bei dem Versuch, Schmerzen vorzubeugen oder zu lindern, seien diese Gefühle jedoch kontraproduktiv.

 

Straube betonte, dass nur die Vermittlung von »Aktivierung, Hoffnung und Selbstvertrauen« Schmerzpatienten hilft, ihr Leid zu lindern. In diesem Kontext könne es sogar problematisch sein, im Beratungsgespräch den Begriff des Schmerzgedächtnisses fallen zu lassen, da er die Gefahr impliziert, dass das Schmerzerleben nicht mehr vergessen wird.

 

»Erfolge der medikamentösen Schmerztherapie sind immer Ergebnis einer gelungenen zwischenmenschlichen Verständigung im Gespräch mit dem Patienten«, unterstrich Kongresspräsident Professor Dr. Wolfgang Koppert von der MH Hannover. Auch und gerade bei der (Ab-)Gabe von Schmerzmitteln sei zu beachten, dass die Effektivität eines Analgetikums durch die Art des (Beratungs-)Gesprächs positiv oder negativ beeinflussbar ist. »Ein Medikament wirkt, wie es kommuniziert wird«, hieß es in der Hansestadt. /

Keine Opioid-Epidemie

Zwar werden auch in Deutschland immer mehr Opioide verschrieben. »Doch kann von einer Opioid-Epidemie keine Rede sein«, sagte Professor Dr. Thomas Tölle, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, bei der Eröffnungspressekonferenz des Deutschen Schmerzkongresses 2014, der unter dem Motto »Schmerztherapie befreit – befreit Schmerztherapie« stand.

 

Sogenannte Opoid-Epidemien mit Zunahme entsprechender Analgetika-Verordnungen um 800 Prozent seien ein Problem vorwiegend von Ländern wie Nordamerika oder Australien. Dort werde der Einsatz von Opioiden der Stufe III der WHO-Klassifikation weniger kontrolliert als in Europa, wo der Umgang mit Medikamenten basierend auf Morphin, Fentanyl, Oxycodon oder Methadon durch spezifische Rezeptformulare, Suchtmittelregister und gute Leitlinien reguliert und fest umschrieben sei.

 

Tölle: »Wir beobachten die Entwicklungen genau und sind offen für Diskussionen, doch sind wir dabei insgesamt gelassen.« Der offensichtliche Opioid-Missbrauch in anderen Ländern der Erde dürfe nicht zum Ruf nach ungezielten Restriktionen in der Bundesrepublik führen. Dieses würde Patienten zum Schaden gereichen, die zur Kontrolle starker Schmerzen auf Opioide angewiesen sind.

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