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Beratung

Wenn medizinische Hilfe nicht ausreicht

04.11.2008  17:11 Uhr

Beratung

Wenn medizinische Hilfe nicht ausreicht

Von Annette Immel-Sehr

 

Krankheiten wie Demenz greifen tief in den Alltag und das Umfeld der Patienten ein. Apotheker können sich mit sachkundiger Beratung in sozialen Belangen einen Wettbewerbsvorteil sichern. Das Interesse an entsprechenden Fortbildungen ist groß.

 

Eine schwere Erkrankung, insbesondere wenn sie chronisch ist, verändert das Leben des Betroffenen und seiner Familie oft erheblich. Die Auswirkungen können vielfältig sein und die Arbeitsfähigkeit, die Mobilität, die geistigen Fähigkeiten oder die seelische Verfasstheit beeinträchtigen. Nicht selten wirken sich die Krankheitsfolgen auch auf die sozialen Kontakte aus. Der Kranke oder seine Familie geraten zunehmend in die Isolation.

 

Um die Veränderungen im Alltag zumindest halbwegs zu bewältigen und auch finanziell zu überleben, brauchen Patienten und Angehörige oft mehr als medizinische Hilfe. In ihrer besonderen Situation empfinden sie die landläufige Unterscheidung zwischen Gesundheits- und Sozialsystem zudem als künstlich. Ihre Probleme tangieren beide Bereiche und sind eng miteinander verwoben. Kein Wunder, dass sie ihre weitreichenden Sorgen auch in der Apotheke zur Sprache bringen.

 

»Die Leute kommen ja mit allem«

 

»Die Leute kommen ja mit allem zu uns. Das Angebot der Apotheke ist niedrigschwellig, da kann man mal eben fragen.« Diese Erfahrung von Apothekerin Regine Borghoff, Leiterin der Albatros-Apotheke in Wuppertal, können wohl alle bestätigen, die in der öffentlichen Apotheke tätig sind. Regine Borghoff ist es ein Anliegen, ihren Kunden qualifizierten Rat für weitere Hilfen zu geben. »Ich möchte, dass sie die Unterstützung bekommen, die ihnen in unserem System zusteht.«

 

Deswegen hat sich Regine Borghoff diesbezüglich intensiv fortgebildet und bietet ihren Kunden Sozialberatung an. In persönlicher Ansprache weist sie ihre Kunden auf diese zusätzliche Dienstleistung hin. »Wir machen keine langen Beratungsstunden, sondern helfen mit ein, zwei fundierten wegweisenden Tipps. Es ist sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe.«

 

Soziale Beratung gab es in Apotheken schon immer. Sie ergibt sich oft von selbst, denn Apotheker, Apothekerinnen und PTA (Pharmazeutisch-Technische Assistentinnen) sehen den chronisch kranken oder alten multimorbiden Menschen in seinem sozialen Kontext und nehmen Anteil. Allerdings ist das deutsche Gesundheits- und Sozialsystem heute so komplex, dass es sich auch für pharmazeutische Fachleute nicht immer von selbst erschließt. Um die Kollegen in der sozialen Beratung zu unterstützen, bieten Apothekerkammern und Apothekerverbände vielerorts Fortbildungsveranstaltungen im Case Management an.

 

Fit durch Fortbildung

 

So veranstaltet die Bayerische Landesapothekerkammer beispielsweise in diesem Herbst Fortbildungsseminare zum Thema soziale Beratung von Demenzpatienten und Angehörigen. Dabei geht es um wichtige Fragen: Welche Entlastungsmöglichkeiten gibt es für Angehörige? Welche rechtliche Vorsorge sollte man treffen? Wie wird Pflegegeld beantragt? Wie sieht es mit der Geschäftsfähigkeit eines Patienten aus? »Das Interesse der Kollegen an diesem Fortbildungsangebot ist groß«, berichtet Alexander Klenner, Leiter der Abteilung Fortbildung der Bayerischen Landesapothekerkammer. »Wir denken darüber nach, soziale Beratung zum festen Bestandteil unseres Fortbildungsangebots zu machen.«

 

Die Veranstaltungen werden gemeinsam mit dem Beta-Institut in Augsburg durchgeführt. Dieses Institut betreibt wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, betreut einen Info-Service für soziale Fragen im Gesundheitswesen und bietet Consulting und Fortbildung an. Inhaltlicher Schwerpunkt sind psychosoziale Krankheitsbewältigung und Case Management. Das gemeinnützige Beta-Institut wird vom Augsburger Generikahersteller Betapharm Arzneimittel GmbH getragen und ist Teil des sozialen Engagements der Firma. Betapharm gehört seit März 2006 zum indischen Pharmakonzern Dr. Reddy's Laboratories.

 

»Wir halten die Fortbildungsangebote und die Medien des Beta-Institutes für qualitativ hochwertig und auf die Bedürfnisse in den Apotheken zugeschnitten. Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit dem Beta-Institut war für uns allerdings, dass es keine werblichen Aktivitäten seitens der Betapharm gibt. Das ist gewährleistet«, sagt Klenner.

 

Mit Wissensvorsprung sicher beraten

 

Alexander Klenner hat selbst eine intensive Fortbildung im Case Management durchlaufen, als er noch in einer öffentlichen Apotheke im Münchener Westen tätig war. Seine Erfahrungen mit der Umsetzung des Gelernten im Apothekenalltag sind rundweg positiv. »Mit meinem neuen Wissen konnte ich viel sicherer die Anfragen von Angehörigen beantworten. Ich habe gelernt, wie man den Patienten und deren Angehörigen effektiv und prägnant die wichtigsten Informationen mitteilt.« Primäres Ziel ist es nicht, dass der Apotheker wie ein hauptberuflicher Case-Manager die Aktivitäten des Patienten kontinuierlich begleitet und überwacht. Er gibt vielmehr Hilfestellung durch die Vermittlung von Kontaktadressen, an die sich der Patient und dessen Angehörige wenden können, um Hilfe für ein bestimmtes Problem zu erhalten. »Aus meiner Sicht ergänzt die soziale Beratung die pharmazeutische optimal, gerade bei Erkrankungen, die tief in den Alltag und das soziale Umfeld des Patienten hineingreifen, wie  zum Beispiel der Demenz. Der Apotheker stellt sich damit in den Mittelpunkt eines Netzwerks, das den Patienten in seiner körperlichen, psychischen und sozialen Not auffängt«, so sieht es Alexander Klenner. »Das stärkt die Kundenbindung, die Patienten fühlen sich rundum gut betreut. Diese Zufriedenheit spricht sich auch sehr schnell herum.«

 

Und wie finden es die Patienten, wenn sie in der Apotheke nicht nur pharmazeutische Beratung, sondern darüber hinausgehende kompetente Beratung zu Fragen aus dem Sozialbereich erhalten? Profitieren sie davon? Diesen Fragen ging vor einigen Jahren ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt nach, an dem sich 22 Apotheken aus dem Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung Augsburg und Weiden beteiligten. Drei Viertel der Patienten gaben zu Beginn der Studie an, dass sie in der Apotheke gerne auch in sozialen Belangen beraten würden, die in Zusammenhang mit ihrer Erkrankung stehen. Im Laufe der Studie stieg die Akzeptanz für diese Beratung bei den Patienten auf über 90 Prozent. Das mag daran liegen, dass sich ihre Lebensqualität, so ein Ergebnis der Untersuchung, infolge der Beratung signifikant besserte.

 

Chance zur Profilbildung

 

Apotheker leisten bekanntlich viel für ihre Kunden und Patienten. Sie beraten von morgens bis abends nicht nur über Arzneimittel, sondern auch über gesunde Lebensführung und Prävention. Von den Querelen rund um Rabattverträge und Co. ganz zu schweigen. Und jetzt auch noch sozial beraten? Ohne zusätzliche Vergütung?

 

»Eine Bezahlung der sozialen Beratung durch die Krankenkassen halte ich zum jetzigen Zeitpunkt für unrealistisch«, sagt Annette Hettkamp, Leiterin des Geschäftsbereichs Fortbildung beim Apothekerverband Nordrhein. »Trotzdem raten wir unseren Mitgliedern, sich auf diesem Gebiet zu profilieren und diese Nische zu besetzen. Denn das ist ein weiterer Pluspunkt für die Apotheke am Ort. Nur sie kennt das soziale Umfeld des Patienten und die lokalen Hilfestrukturen. Das kann keine Versandapotheke.«

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