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Krankenhaus

Barometer steht auf Sturm

03.11.2008  11:08 Uhr

Krankenhaus

Barometer steht auf Sturm

Von Liva Haensel, Berlin

 

Für 2009 stellt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) eine düstere Prognose. Jedes zweite Krankenhaus erwartet aufgrund von Kostendruck und Einsparungen weitere wirtschaftliche Verschlechterungen, 4000 offene Arztstellen werden nicht besetzt. Jedes dritte Krankenhaus schreibt bereits rote Zahlen.

 

Dass die Einnahmen der Krankenhäuser in Deutschland durch ein Budget gedeckelt sind, ist nichts Neues. Auch nicht, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Stellen in der Pflege und bei den Ärzten abgebaut wurden. Doch die am 24. September gezogene Notbremse im Bundestag, das sogenannte Krankenhausfinanzierungsreformgesetz (KHRG), kommt der Deutschen Krankenhausgesellschaft eher wie eine Farce vor.

 

»Wir empfinden es als Provokation und müssen es daher kritisieren«, sagte der Hauptgeschäftsführer der DKG, Georg Baum, bei der Vorstellung des Krankenhaus-Barometers 2008 vorige Woche in Berlin.  Das Krankenhaus-Barometer liefert seit 2000 eine jährliche Studie zur aktuellen Situation der Krankenhäuser und untersucht unter anderem die wirtschaftliche Lage, den ärztlichen/pflegerischen Dienst und das Risikomanagement.

 

Das Barometer zeigt an, dass sich die Lage in den Kliniken weiter verschlechtern wird. Die Kostensteigerungen  für dieses und kommendes Jahr berechnet die DKG mit acht Milliarden Euro bei gleichzeitigem Vergütungszuwachs von drei Milliarden Euro. »Insgesamt ergibt das ein Defizit von fünf Milliarden Euro«, fasste Dr. Karl Blum, Leiter des Forschungsbereiches des Deutschen Krankenhausinstitutes, zusammen. Abhilfe könne hier nur die Bundesregierung mit einer fairen Gesetzgebung schaffen. Baum schlug daher vor, nur ein Drittel der geplanten Pflegestellen zu finanzieren, dafür aber  mit voller Kostenerstattung - »reine Zahlen auf dem Papier bringen uns nichts«.

 

Nothilfe bringt nur Teil-Entlastung

 

Das Gesetz des Bundesministeriums für Gesundheit sieht eine Art Nothilfe für die Krankenhäuser vor: So sollen von 2009 an für die kommenden drei Jahre 21.000 Pflegestellen durch eine 50-prozentige Mitfinanzierung durch die Krankenkassen gewährleistet werden. Gleichzeitig soll den Krankenhäusern mit einer 50-prozentigen Beteiligung an deren Sanierungskosten unter die Arme gegriffen werden. Was vielversprechend klingt, bezeichnet die DKG in ihrer Studie allerdings nur als »teilweise Entlastung«. Denn schon wieder sei die Rede von neuen Kürzungen zulasten der Krankenhäuser, die möglicherweise im Dezember in das Reformgesetz eingebaut werden sollen. »Es wäre schizophren, wenn die Bundesregierung auf der einen Seite Personal finanzieren will und auf der anderen Seite gleich wieder Kürzungen fordert«, sagte Baum.

 

Nach den Zahlen des Krankenhaus-Barometers sind derzeit in jeder Klinik vier Arztstellen nicht besetzt. Dadurch steigt die Arbeitsbelastung der Ärzte, die Versorgung der Patienten ist nicht mehr sichergestellt. Betraf der Jahresüberschuss 2007 noch 51,8 Prozent der Häuser, erwarten die Klinikleitungen für dieses Jahr nach der Umfrage nur noch ein Ergebnis von 31,8 Prozent. »Zwar hat das DRG-System der Fallpauschalen seit 2004 zur wesentlichen Kosteneinsparung und Wirtschaftlichkeit geführt. Dennoch ist durch die Deckelung der Einnahmen als Kernproblem kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht«, sagte Baum. Die DKG appelliert an die Politiker, das Krankenhausfinanzierungsreformgesetz dringend zu überarbeiten.

 

Die Situation der Krankenhäuser, mittlerweile gleich ob unter privatem oder öffentlichem Träger, sei »nicht schlimm, sondern dramatisch«, sagte Baum. Zudem schreite der Trend zu weiteren Notlagentarifverträgen voran. In Deutschland wird zurzeit in jedem zehnten Krankenhaus nach dem Notlagentarifvertrag bezahlt. Dieser beinhaltet geringere Löhne sowie Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld, um die Existenz der Klinik zu sichern.

 

DKG-Pressesprecher Moritz Quiske kündigte einen bundesweiten Aktionsplan in Krankenhäusern für den 18. November an. Dann werden Klinikmitarbeiter dazu aufgerufen, in einer »aktiven Mittagspause«  in Vollversammlungen mit Politikern vor Ort ins Gespräch zu kommen. Zudem soll die Diskussion zur Zukunft der Krankenhäuser auch mit Bundestagsabgeordneten geführt werden.

Krankenhaus-Barometer

Seit dem Jahr 2000 erstellen Forscher im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), des Verbandes der Krankenhausdirektoren (VKD) und des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte (VLK) eine repräsentative Befragung zum aktuellen Krankenhausgeschehen. Dafür gaben für das Jahr 2008 rund 350 Allgemeinkrankenhäuser mit einer Bettenzahl von 50 an aufwärts Auskunft. Die Befragung fand im Zeitrahmen April bis Juni statt. Themenschwerpunkte für dieses Jahr sind der Ärztemangel, die wirtschaftliche Situation sowie die wirtschaftlichen Erwartungen. Daneben wurden auch die Bereiche Familienfreundlichkeit, ambulante Behandlung und Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) untersucht. Die gesamte Studie ist unter www.dki.de einsehbar.

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