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Weltpsoriasistag

Erschreckende Unterversorgung

06.11.2007  16:50 Uhr

Weltpsoriasistag

Erschreckende Unterversorgung

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Psoriasis ist nicht ausschließlich eine Hautkrankheit, sondern eine entzündliche Systemerkrankung, die zu Herzerkrankungen, Diabetes und Schlaganfall führen kann. Gerade schwere Verlaufsformen werden Experten zufolge aber unterschätzt und nicht ausreichend therapiert.

 

Die Schuppenflechte zeichnet sich durch schmerzhafte und juckende Hautveränderungen aus. Doch die Autoimmunerkrankung sei auch als entzündliche Systemerkrankung zu verstehen, bei der die Blutspiegel spezifischer Entzündungsparameter wie Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) dauerhaft erhöht sind, sagte Professor Dr. Kristian Reich auf einer Pressekonferenz anlässlich des Weltpsoriasistages am 29. Oktober. Dies bringe auch eine erhöhte Rate an Begleiterkrankungen wie metabolisches Syndrom und Diabetes mellitus Typ 2 mit sich. Dieses führe zu einer höheren Mortalität aufgrund kardiovaskulärer Komplikationen, sagte der Dermatologe.

 

Bei Patienten mit Psoriasis werde doppelt so häufig eine koronare Herzkrankheit diagnostiziert wie bei gesunden Kontrollpersonen. Ein 30-jähriger Patient mit schwerer Psoriasis habe ein dreifach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Sowohl die Mortalität durch Herzinfarkt als auch durch Schlaganfall sei bei Patienten mit schwerer Psoriasis gegenüber der Normalbevölkerung 2,6-fach erhöht.

 

Zerstörung der Gelenke

 

Etwa 20 Prozent der Schuppenflechte Patienten leiden zusätzlich unter einer Psoriasis-Arthritis. Bei etwa jedem Fünften von ihnen kommt es zu einer progressiven Gelenkdestruktion, die in einer völligen Zerstörung der Gelenke münden kann. Insgesamt leiden circa 30 Prozent aller Psoriatriker unter einer mittelschweren bis schweren Erscheinungsform der Schuppenflechte. Diese bräuchten neben einer topischen Behandlung der Haut eine systemische Therapie, sagte der Referent.

 

Dennoch deuten aktuelle Studien darauf hin, dass gerade schwere Psoriasis-Verlaufsformen unterschätzt und nicht ausreichend therapiert werden, so Reich. Untersuchungen zufolge sei nur ein Drittel der Patienten mit einem mittleren PASI (Psoriasis Area and Severity Index) von 12 jemals systemisch behandelt worden. Selbst bei Patienten mit schwerem Hautbefall und einem PASI > 20 sei eine systemische Therapie in weniger als der Hälfte der Fälle eingeleitet worden. Reich kritisierte, dass weder die zur Verfügung stehenden herkömmlichen Systemtherapeutika Methotrexat, Acitretin, Fumarsäureester und Ciclosporin noch neue therapeutische Optionen wie die TNF-α-Antagonisten Infliximab, Etanercept und Adalimumab konsequent eingesetzt werden. Dabei stellten die Biologika einen »Durchbruch in der Psoriasis-Therapie« dar. Die biotechnologisch hergestellten Wirkstoffe verringern die Zahl schmerzhafter und geschwollener Gelenke bei Psoriasis-Arthritis und verhindern die fortschreitende Gelenkzerstörung.

 

Betroffene besser informieren

 

»Nur circa 45 Prozent der schwer betroffenen Patienten mit einem PASI über 20 sind jemals mit Systemtherapeutika behandelt worden«, bestätigte Professor Dr. Matthias Augustin vom Kompetenzzentrum Versorgungsforschung Dermatologie (CVDerm) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Die Therapieentscheidung bei Psoriasispatienten müsse individuell gemäß Schwere der Hautsymptome, Krankheitslast, Alter, Geschlecht, Komorbidität und -medikation beziehungsweise Unverträglichkeiten und Kontraindikationen getroffen werden. Die 2006 veröffentlichten S3-Leitlinien der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und des Bundesverbandes Deutscher Dermatologen böten eine gute Entscheidungshilfe, sagte Augustin. Sie machten Aussagen zur Zulassung, Wirksamkeit, Dosierung, Dauer bis zum Wirkeintritt, Sicherheit von Wirkstoffen sowie Praktikabilität der Therapieempfehlungen. Eine wesentliche Herausforderung bestehe nunmehr in der Implementierung der Empfehlungen in die praktische Therapie. Die neuen Erkenntnisse und die Tatsache, dass Biologika derzeit die wirksamste Behandlungsmöglichkeit darstellten müssten nicht nur beim Arzt, sondern auch beim Patienten bekannt gemacht werden.

 

Patientenversion in Arbeit

 

Die mit Regressforderungen konfrontierten Mediziner müssten ermutigt werden, den Patienten die Therapie zukommen zu lassen, die ihnen zusteht. Die Patienten müssten in die Lage versetzt werden, ihre Rechte auf eine leitliniengerechte Therapie in Anspruch zu nehmen. »Ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis ist entscheidend für den Therapieerfolg«, sagte Hans-Detlev Kunz, Geschäftführer des Deutschen Psoriasis-Bundes. Der Deutsche Psoriasis Bund wolle durch die »Übersetzung« der S3-Leitlinien in eine für Patienten verständliche Version dazu beitragen, die Partnerschaft zwischen Arzt und Patient zu verbessern und die »erschreckende und inakzeptable« Unterversorgung zu beseitigen. Die Patientenversion werde Anfang Dezember vorliegen.

 

»Psoriasis ist lebenslänglich«, hatte Kunz zuvor deutlich gemacht. Schuppenflechte schränke die Lebensqualität stark ein und führe zu Niedergeschlagenheit, Angst, Hilflosigkeit, Ausgrenzung am Arbeitsplatz, eingeschränkter Berufswahl, verminderten Sport- und Freizeitmöglichkeiten, Schwierigkeiten bei der Sexualität und Partnerwahl sowie Stigmatisierung. Die fehlende Akzeptanz in der Öffentlichkeit bereite auch den Weg zur Selbststigmatisierung, die häufig zum Rückzug in die Isolation führe. Mit einer Prävalenz von 2 bis 3 Prozent, also circa 1,7 Millionen Betroffenen in Deutschland, zählt Psoriasis zu den häufigsten chronischen Entzündungskrankheiten noch vor der rheumatoiden Arthritis oder Morbus Crohn.

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