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Ratiopharm im Visier der Fahnder

08.11.2006
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Durchsuchung

Ratiopharm im Visier der Fahnder

Von Thomas Bellartz

 

Die Ermittlungen der Justiz gegen den Pharmakonzern Ratiopharm gehen in eine neue Runde. Am Dienstag wurden die Geschäftsräume des Unternehmens und auch Privaträume leitender Mitarbeiter durchsucht. Das Unternehmen bestätigte die Medienberichte am Abend.

 

Ein Jahr nach der »stern«-Enthüllung über systematische Geldzahlungen an Ärzte durch Ratiopharm hat die Staatsanwaltschaft Ulm eine große Durchsuchungsaktion im Pharmaunternehmen gestartet, berichtete am Dienstag »stern.de«, das Online-Angebot des Hamburger Magazins. Auch die Deutsche Presse-Agentur und andere Medien berichteten übereinstimmend von den Vorgängen.

 

Am Dienstagvormittag hatten sich demnach drei Staatsanwälte und 32 Kriminalbeamte der Landesdirektion Tübingen auf den Weg gemacht, um die Firmenzentrale sowie acht Privatwohnungen von Verantwortlichen der Firma Ratiopharm zu durchsuchen. Ziel war es nach Angaben der Staatsanwaltschaft, Unterlagen zu finden, die Aufschlüsse über die Vertriebsstruktur des Arzneimittelherstellers geben. Gegen 16.30 Uhr am Dienstagnachmittag war die Durchsuchung am Firmensitz nach Angaben von Augenzeugen beendet.

 

Die Staatsanwaltschaft schreibt: »Es wurden diverse Unterlagen erhoben, die nun der Sichtung und Auswertung bedürfen.« Mit einem baldigen Abschluss des Ermittlungsverfahrens ist nach Ansicht der Ermittler nicht zu rechnen. Von den acht verantwortlichen Ratiopharm-Mitarbeitern seien drei nicht mehr im Unternehmen. Nach der Aufdeckung der »zweifelhaften Geschäftspraktiken« haben der frühere Vorstandschef Claudio Albrecht, Finanzchef Peter Prock und die langjährige Marketing- und Vertriebschefin Dagmar Siebert das Unternehmen verlassen.

 

Wie die Staatsanwaltschaft Ulm mitteilt, stehen die Ratiopharm-Verantwortlichen im Verdacht, in strafbarer Weise Medikamente vertrieben zu haben. Bei ihnen wird Anstiftung und Beihilfe zum Betrug vermutet. So sollen sie Ärzte angestiftet haben, zum Nachteil der Krankenkassen zu handeln.

 

Das Unternehmen selbst, das ungern über unternehmerische Belange spricht oder schreibt, veröffentlichte am späten Dienstag eine Erklärung. Man bestätigte, dass die Staatsanwaltschaft Ulm »im Rahmen ihrer Ermittlungen, die Vertriebspraktiken aus der Vergangenheit betreffen«, eine Durchsuchung bei Ratiopharm durchgeführt habe. Weiter heißt es: »Ratiopharm, seit Herbst 2005 unter der persönlich verantwortlichen Leitung von Dr. Philipp Daniel Merckle, ist an einer schnellen Aufklärung der Vorwürfe interessiert.« Man werde die Staatsanwaltschaft bei ihren Untersuchungen, wie auch schon bisher, uneingeschränkt unterstützen. »Ratiopharm im Gesamten ist weiterhin davon überzeugt, bei seinen Marketingaktivitäten gegen keine Strafgesetze verstoßen zu haben.« Ungeachtet dessen habe das Unternehmen »mit der Übernahme des Vorsitzes der Geschäftsführung durch Dr. Philipp Daniel Merckle im Herbst 2005 - vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussionen um ethische Maßstäbe in der Geschäftspolitik innerhalb der Pharmabranche - signifikante Änderungen in Management und Geschäftspolitik vollzogen«. Man stelle nicht nur die gesamte Geschäftstätigkeit auf ein »klares ethisches Fundament«, sondern setze sich auch öffentlich aktiv für ethisches Handeln im Gesundheitswesen ein.

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