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Rückenschmerzen

Röntgen oft unnütz, teils sogar schädlich

30.10.2017
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Von Annette Mende, Berlin / Bei der Diagnose und Therapie von Rückenschmerzen entspricht die empfohlene Vorgehensweise oft nicht den Erwartungen der Patienten. So soll etwa eine bildgebende Untersuchung zunächst nur in Ausnahmefällen erfolgen, denn sie bringt meist keinen Vorteil, kann aber sogar schaden.

»Viele Patienten erwarten eine bild­gebende Untersuchung, wenn sie mit Kreuzschmerzen zu uns kommen«, sagte Professor Dr. Bernd Kladny, Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach, bei einer Pressekonferenz im Rahmen des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfall­chirurgie in ­Berlin. Lediglich in 10 bis 13 Prozent der Fälle hätten die Beschwerden jedoch eine organische Ursache, die große Mehrheit der Pa­tienten leide an nicht spezifischen Rücken­schmerzen.

 

Befragen und untersuchen

 

Um diese Unterscheidung zu treffen, müsse der Arzt den Patienten lediglich befragen und körperlich untersuchen. Damit ließen sich Warnhinweise, etwa auf einen Wirbelbruch oder eine Infektion, eindeutig identifizieren. »Wenn diese sogenannten roten Flaggen nicht vorliegen, lassen wir von der Bild­gebung erst einmal die Finger. Denn sie hilft uns nicht weiter, sie hat keine Konsequenzen für den weiteren Verlauf«, erklärte Kladny.

 

Im Gegenteil könne sich ein auffälliger Befund auf dem Röntgenbild negativ auswirken, indem er zur Chronifizierung der Schmerzen beiträgt – obwohl er gar nicht die Ursache der Beschwerden ist. »Nur 30 Prozent der Menschen, die keine Kreuzschmerzen haben, haben auch wirklich normale Befunde. Bei 70 Prozent finden Sie krankhafte Veränderungen an der Wirbelsäule, ohne dass der Betroffene Schmerzen hat«, sagte Kladny. Wird bei einem Rücken­schmerz-Geplagten eine Abweichung im Rücken fest­gestellt, muss diese also nicht der Grund für die ­Beschwerden sein. Das kann zu erheb­licher Verunsicherung und unnötigen Behandlungen führen.

 

Liegt den Schmerzen keine erkennbare organische Ursache zugrunde, hilft vor allem Bewegung. Bettruhe ist dagegen kontraproduktiv. »Ein Patient mit Rückenschmerzen merkt: Wenn ich mich nicht bewege, tut es nicht weh. Das ist aber genau die falsche Reaktion«, so Kladny. Sich zu schonen führe zu einem Abbau der Muskulatur, die zur Stabilisierung der Wirbelsäule wichtig sei. Daher seien auch alle Therapieverfahren, die die Passivität fördern, zum Beispiel Massage, Tapen oder Elektrotherapie, ­kritisch zu sehen.

 

Damit die Patienten wieder in Bewegung kommen, empfiehlt die Na­tionale Versorgungsleitlinie »Nicht spezifischer Kreuzschmerz« in dieser Situation den vorübergehenden Einsatz von Schmerzmitteln, zum Beispiel von nicht steroidalen Antirheumatika. Er soll nach dem Motto »So viel wie nötig, so wenig – und kurz – wie möglich« erfolgen (lesen Sie dazu auch PZ 14/2017, Seite 26).

 

Spontanbesserung bei 85 Prozent

 

Nach vier bis sechs Wochen gingen die Beschwerden so bei 85 Prozent der Patienten deutlich zurück, sagte Kladny. Sei nach diesem Zeitraum keine nennenswerte Besserung feststellbar, sollte nach spezifischen Ursachen gesucht werden, dann auch mithilfe von bild­gebenden Verfahren. Wenn es sich nicht gerade um Notfälle handelt, die etwa mit Harn- oder Stuhlinkontinenz oder Lähmungen einhergehen, solle bei Kreuzschmerzen mit spezifischer Ursache zunächst eine ambulante Therapie mit Schmerzmitteln und Physiotherapie versucht werden. Zur Intensivierung der Therapie bestehe die Möglichkeit, den Patienten stationär einzuweisen.

 

Lediglich bei etwa jedem zehnten Patienten werde innerhalb eines Jahres eine Operation notwendig. »Operativ oder konservativ zu behandeln, ist aber kein Entweder-oder, sondern ein ­Sowohl-als-auch«, betonte der Experte. Häufig sei eine Kombination der verschiedenen Therapien sinnvoll. /

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