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Schlaganfall

Nachsorge muss besser werden

01.11.2016
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Von Annette Mende, Berlin / Unmittelbar nach einem Schlaganfall sind Patienten in Deutschland überwiegend sehr gut versorgt. Längerfristig gilt das aber nur bedingt. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) fordert daher, der Nachsorge größere Beachtung zu schenken.

Pro Jahr erleiden in Deutschland etwa 260 000 Menschen einen Schlaganfall. In vier von fünf Fällen ist die Ursache ein Blutgerinnsel, das ein hirnversorgendes Gefäß verstopft. Bei diesen Patienten muss das Gefäß schnellstmöglich mittels medikamentöser Thrombolyse, kathetergestützter Thrombektomie oder beidem wieder eröffnet werden.

 

291 DSG-zertifizierte Stroke Units im ganzen Land sind auf die Versorgung von Schlaganfall-Patienten spezialisiert. »Damit steht Deutschland, was die Akutversorgung angeht, international in der ersten Reihe«, sagte Professor Dr. Amin Grau vom Klinikum der Stadt Ludwigshafen bei einer Pressekonferenz anlässlich des Welt-Schlaganfall-Tags am 29. Oktober in Berlin. Dennoch behält etwa die Hälfte der Patienten nach einem Schlaganfall eine Behinderung zurück. Um den Grad der Beeinträchtigung zu begrenzen beziehungsweise die Funktionalität bestmöglich wiederherzustellen, beginnt die Rehabilitation bereits in den ersten 24 Stunden.

 

Frühe Rehabilitation

 

»Auf jeder Stroke Unit gibt es Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, die sich um die spezifischen Probleme des Patienten kümmern«, berichtete Professor Dr. Klaus Jahn von der Schön Klinik Bad Aibling. Ziel der frühen Reha ist es oft, Komplikationen zu verhindern, etwa Lungenentzündungen bei Patienten mit Schluckstörungen. »In der Frühphase ist die Reha besonders effizient, aber auch später, in der chronischen Phase, können noch enorme Zuwächse erreicht werden«, so der Neurologe.

 

Wichtig sei daher eine strukturierte und intensive Weiterbetreuung des Patienten zu Hause. Generell seien Rehamaßnahmen umso erfolgreicher, je genauer das Training zum Defizit des Patienten passt und je häufiger die Übungen wiederholt werden. »Entgegen früherer Annahmen profitieren ältere Patienten dabei genauso wie jüngere, obwohl ihr Gehirn sich weniger gut erholen kann«, sagte Jahn.

 

Längerfristige Nachsorge

 

Um den Erfolg der Reha langfristig zu sichern, braucht es Grau zufolge sektoren- und berufsgruppenübergreifende Nachsorgekonzepte. Denn auch die langfristigen Folgen eines Schlaganfalls sind vielfältig und schwerwiegend: Im ersten Jahr danach stürzen mehr als 50 Prozent der Patienten, rund 5 Prozent erleiden dabei schwere Verletzungen. Etwa 30 Prozent entwickeln eine Angsterkrankung oder Depression, teils reaktiv, das heißt infolge der beängstigenden Situation des Ereignisses oder der sich daraus ergebenden Beeinträchtigungen, teils durch die hirnorganische Schädigung bedingt. Rund 10 Prozent der Patienten werden dement.

 

»Über diese möglichen Folgen müssen die Patienten und ihre Angehörigen aufgeklärt werden, damit sie Warnzeichen richtig deuten«, sagte Grau. Auch der behandelnde Arzt, in der Mehrzahl der Fälle der Hausarzt, müsse dafür sensibilisiert werden. »Momentan besteht etwa bei der Behandlung und Erkennung von Depressionen eine Unterversorgung.« Um diese abzubauen, plädierte Grau für die Einführung von Checklisten in der Schlaganfall-Nachsorge, wie sie die Welt-Schlaganfall-Organisation empfiehlt.

 

»Der Schlaganfall ist eine chronische Erkrankung dahingehend, dass die Risikofaktoren, die ihn bedingen, chronisch existieren«, so Grau. 5 bis 6 Prozent der Patienten erlitten nach einem Schlaganfall innerhalb der ersten 90 Tage einen weiteren. Simulationsstudien hätten ergeben, dass sich rund 80 Prozent dieser Rezidive durch fünf präventive Maßnahmen verhindern ließen: die Gabe eines Thrombozytenaggregationshemmers und eines Statins, die Einstellung des Blutdrucks, eine Umstellung der Diät und vermehrte körperliche Aktivität. Hier gebe es Potenziale, die noch nicht ausgereizt sind. /

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