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COMT-Hemmer mit 24-Stunden-Wirkung

01.11.2016
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Von Annette Mende / Im Oktober ist mit Opicapon ein neuer Hemmer der Catechol-O-Methyltransferase (COMT) auf den Markt gekommen. Der neue Arzneistoff wird bei Parkinson-Patienten mit On-Off-Fluktuationen eingesetzt und muss nur einmal täglich eingenommen werden.

Wie alle COMT-Inhibitoren wird Opi­capon (Ongentys® 50 mg Hartkapseln, Bial) stets mit Levodopa kombiniert, um dessen zentrale Wirkung durch die Hemmung des peripheren Abbaus zu verstärken. Zusätzlich müssen die erwachsenen Patienten laut Fachinformation bereits einen DOPA-Decarboxylasehemmer (DDCI) wie Carbidopa oder Benserazid erhalten und trotzdem an motorischen End-of-Dose-Fluktuationen leiden. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann Opicapon in der Dosierung 50 mg einmal täglich hinzugegeben werden.

 

Abendliche Einnahme

 

Die Patienten schlucken beim Zubettgehen eine Hartkapsel Ongentys im Ganzen mit einem Glas Wasser. Der Abstand zur Einnahme von Levodopa-Kombinationspräparaten soll dabei mindestens eine Stunde betragen. Eine vergessene Dosis soll nicht nachgeholt, sondern die Einnahme wie gewohnt am nächsten Tag mit einer Kapsel fortgesetzt werden.

 

In den ersten Tagen bis Wochen der Ongentys-Behandlung muss häufig die Levodopa-Dosierung gesenkt werden, um dopaminerge Nebenwirkungen zu vermeiden. Keine Dosisanpassung erfordern Nierenfunktionsstörungen sowie leichte Leberfunktionsstörungen. Bei mäßiger Einschränkung der Leberfunktion ist mit Vorsicht vorzugehen, bei schwerer Beeinträchtigung wird die Anwendung nicht empfohlen.

 

Nicht eingesetzt werden darf Ongentys bei Patienten, die gegen den Wirkstoff oder einen sonstigen Bestandteil des Arzneimittels überempfindlich sind, bei denen eine Catechol­amin-sezernierende Neubildung, etwa ein Phäochromozytom oder ein Paragangliom, vorliegt, oder die gleichzeitig Monoaminoxidase (MAO)-Hemmer wie Phenelzin, Tranylcypromin oder Moclobemid einnehmen. Sofern es sich bei den MAO-Hemmern um Arzneistoffe zur Behandlung des Morbus Parkinson handelt, ist die gleichzeitige Anwendung erlaubt. Das gilt etwa für Rasagilin und Selegilin. Schwangere Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, sollen Opi­­­­­­­­­­­­c­apon nicht einnehmen, das Stillen soll während der Anwendung unter­brochen werden.

 

Opicapon bindet in vivo mit hoher Affinität an COMT und dieser Komplex dissoziiert nur äußerst wenig, wodurch die im Vergleich zu anderen COMT-Hemmern längere Wirkdauer zustande kommt. Bei gesunden Probanden führt die Gabe von 50 mg Opicapon in mehr als 90 Prozent der Fälle zu einer COMT-Hemmung über mehr als 24 Stunden. In den beiden Zulassungsstudien führte die einmal täg­liche Einnahme von 25 oder 50 mg Opicapon zu einer Verringerung der täglichen Zeitspanne mit schlechter Beweglichkeit (Off-Zeit).

 

Entacapon nicht unterlegen

An den beiden placebokontrollierten, doppelblinden Phase-III-Studien nahmen insgesamt 1027 Patienten teil, die trotz einer Medikation mit Levodopa/DDCI plus gegebenenfalls weiteren Parkinsonmitteln an End-of-dose-Fluktuationen litten. Sie wurden entweder mit 5, 25 oder 50 mg Opicapon, Placebo oder – in Studie 1 – mit 200 mg Enta­capon behandelt. Der Anteil der Responder, bei denen sich die tägliche Off-Zeit im Vergleich zur Ausgangslage um mindestens eine Stunde reduzierte, betrug 59,2 beziehungsweise 55,5 Prozent für 25 mg Opicapon, 59,3 beziehungsweise 65,2 Prozent für 50 mg Opicapon und 54,1 Prozent für Enta­capon. Die Verringerung der absoluten Off-Zeit durch Entacapon betrug 78,7 Minuten, abzüglich des Placebo­effekts 30,5 Minuten. Opicapon reduzierte die absolute Off-Zeit um 24,8 Minuten mehr als Entacapon, was die Nichtunterlegenheit des neuen Arzneistoffs belegt.

 

Nebenwirkung Dyskinesie

 

Dyskinesie war mit 17,7 Prozent betroffenen Patienten die häufigste Nebenwirkung, häufig kam es zudem unter anderem zu Halluzinationen, Schwindel, Somnolenz, orthostatischer Hypotonie, Obstipation, Mundtrockenheit und Muskelspasmen. Aufgrund einer möglichen Beeinträchtigung ist unter der Einnahme von Opicapon Vorsicht beim Führen von Fahrzeugen und beim Bedienen von Maschinen geboten. Möglich sind laut Fachinformation zudem Verhaltens­auffälligkeiten wie Sex- oder Spielsucht, zwanghaftes Essen oder Geldausgeben, die eine Störung der Impulskontrolle darstellen.

 

In puncto Wechselwirkungen ist zu beachten, dass Opicapon CYP2C8 und OATP1B1 schwach hemmt. Die gleichzeitige Anwendung von anderen Arzneistoffen, die Substrate dieses Enzyms beziehungsweise des organischen Anionen-Transporters sind, ist daher zu vermeiden beziehungsweise muss mit Vorsicht er­folgen. /

 

--> vorläufige Bewertung: Schrittinnovation

Kommentar

Ein kleiner Schritt voran

Fast zwanzig Jahre ist es her, dass mit Tolcapon und Entacapon die ersten beiden Inhibitoren der Catechol-O-Methyl­transferase (COMT) als Add-on in die Parkinson-Therapie eingeführt wurden. Opicapon wirkt genauso. Über die COMT-Hemmung wird die Umwandlung von Levodopa in den Metaboliten 3-O-Methyldopa verhindert und so das Ansprechen auf Levodopa verbessert. Im Vergleich zu Entacapon war in einer Studie Opicapon genauso wirksam, um Off-Zeiten bei den betroffenen Patienten zu verkürzen. Einen Vorteil bietet Opicapon aber: Die Patienten müssen es im Gegensatz zu den anderen COMT-Hemmern nicht mehrmals täglich einnehmen. Die lange Wirkungsdauer ermöglicht eine einmalige Dosis pro Tag. Analogprodukt oder Schritt voran? Diese Entscheidung ist bei Opicapon nicht ganz einfach zu treffen. Ein vereinfachtes Therapieregime ist für die Patienten sicher relevant. Aufgrund dieses Fortschritts in der Praxis lässt sich die Einstufung als Schritt­innovation vertreten.

 

Sven Siebenand
stellvertretender Chefredakteur

 

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